Brisly: ″Kunst ist in Syrien ein Luxus″ | Kultur | DW | 05.06.2014
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Kultur

Brisly: "Kunst ist in Syrien ein Luxus"

Der Bürgerkrieg hat Syrien verwüstet, große Teile des kulturellen Erbe des Landes zerstört. Doch außerhalb Syriens blüht die Kunstszene und ist reicher als je zuvor, findet die syrische Künstlerin Diala Brisly.

Schlimmer als im Irak, Afghanistan oder in Mali ist es in Syrien, haben UNESCO-Vertreter vor ein paar Tagen festgestellt. Viele Kulturschätze des Landes wurden während der Kämpfe zerstört. Nur wenige Künstler arbeiten heute noch in Syrien, erzählt Diala Brisly. Die Künstlerin hat das Land selbst vor etwa einem Jahr verlassen und lebt und arbeitet heute in Istanbul.

Deutsche Welle: Gibt es noch Künstler, die in Syrien arbeiten?

Dalia Brisly: Ja, aber nur wenige. Es gibt keine Künstlergemeinschaft dort. Wer seine Meinung sagt oder über Songs oder Kunst ausdrückt, tut das unter einem Pseudonym. Sonst ist es zu gefährlich. Es gibt auch noch ein paar Ausstellungen. Aber das kann man nicht mit früher vergleichen. Für die meisten Menschen in Syrien hat Kunst gerade einfach keine Priorität. Das ist eher ein Luxus. Eine Ausnahme ist die kleine Stadt Kafranbel. Da gibt es noch ein Theater und ein Kulturzentrum. Die Künstler dort nutzen die Kunst auch als Nachricht an die Leute draußen. Außerhalb von Syrien aber ist das anders, da geht es der syrischen Kunstszene sogar besser als zuvor.

Diala Brisly - Kunstwerk The limit is the sky: Zu sehen ist ein fliegender Fisch, der aus dem Wasser springt, als Symbol dafür, dass alles möglich ist - auch ein Ende des Krieges in Syrien (Copyright: Diala Brisly)

"Die Grenze ist nur der Himmel" - Zeichnung von Diala Brisly

Warum?

Ich wusste vor der Revolution gar nicht, dass es so viele Künstler in unserem Land gibt. Wir haben nie voneinander gehört, wir hatten kein Netzwerk. Jetzt treffen wir uns, und wir können frei arbeiten und unsere Revolutionskunst machen. Vorher durfte man ja nichts machen. Wenn man ein Magazin oder ein Buch publizieren wollte, musste man einen Offiziellen kennen oder ein Pseudonym benutzen. Jetzt haben wir keine Angst mehr, etwas zu sagen.

Aber Sie haben auch in Syrien schon unter Ihrem richtigen Namen publiziert.

Ja. Ein paar Freunde und ich haben uns entschlossen, keine Pseudonyme mehr zu benutzen. Davor habe ich meine Bilder mit "Elvis Presley" unterzeichnet. Aber es war sehr gefährlich, unter meinem richtigen Namen zu arbeiten. Ich hatte viel Glück.

Wie hat sich denn die syrische Kunstszene im Exil entwickelt?

Früher waren viele Künstler westlich geprägt - jetzt ist die Kunst eher orientalisch. Die Leute sind emotionaler, sie vermissen Syrien. Musiker machen zum Beispiel Songs, die von der traditionellen syrischen Musik geprägt sind. Aber sie mixen sie mit Rock. Zum Beispiel mit Pink Floyd. Wir lieben Pink Floyd! Die machen Revolutionssongs.

Überhaupt wurde früher kaum syrische Musik gemacht, das ist jetzt anders. Vor allem im Libanon, in Beirut gibt es viele Bands, Konzerte, Festivals, viele Aktivitäten von Künstlern.

Die syrische Kunst ist jetzt also noch vielfältiger als früher?

Diala Brisly (Foto: Diala Brisly)

Selbstporträt - mittlerweile signiert die Künstlerin wieder mit ihrem richtigen Namen

Ja. Und es wird besser sein als vorher, wenn alles vorbei ist. Viele Menschen haben keine Hoffnung, sie haben aufgehört, sich politisch zu engagieren. Es ist nicht einfach, politisch aktiv zu sein, aber ich finde, man darf nicht aufgeben. Es wird Zeit brauchen, zehn Jahre vielleicht. Aber irgendwann wird der Tag des Friedens kommen. Ich glaube an die syrischen Kinder, sie sind die Zukunft des Landes, sie werden Syrien aufbauen. Deshalb arbeite ich mit ihnen in den Flüchtlingslagern.

Was machen Sie dort mit den Kindern?

Sie brauchen eine gute Ausbildung. Viele waren schon lange nicht mehr in der Schule. Ich arbeite an einem illustrierten Buch, ich glaube, das macht ihnen mehr Spaß und hilft ihnen beim Lernen. In Beirut wird es auch einen Kunstworkshop geben für Kinder in den Camps, damit sie ihre Gefühle in ihrer Situation ausdrücken können. Ich überlege auch, nach Beirut zu ziehen und gemeinsam mit ein paar Freunden eine Bibliothek für Kinder aufzubauen. Ich fühle mich dort nützlicher als hier in Istanbul.

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