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Kultur

Bringt die Sonne Wale vom Weg ab?

160 Schwertwale strandeten Anfang Juni 2005 in Westaustralien. Warum so etwas immer wieder passiert, ist ein Rätsel: Schmutzige Meere, Lärm, ungezügelter Jagdtrieb? Forscher wollen eine neue Erklärung gefunden haben.

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Januar 1998 vor St. Peter Ording, einem kleinen Ort an der deutschen Nordseeküste: Mindestens sechs männliche Wale haben die Sommermonate gemeinsam in den nahrungsreichen Gewässern der Arktis verbracht. Jetzt wollen sie wieder zurück in den Süden. In wärmere Zonen, vielleicht in die Karibik.

Wahrscheinlich zogen die Bullen auf ihrem Weg gen Süden zunächst die norwegische Küste entlang und wollten dann hinüberwechseln zur schottischen Westküste. Ihre Ultraschallsignale sollten sie in die Paarungsgebiete lotsen. Klaus Vanselow, Physiker am Forschungs- und Technologiezentrum im norddeutschen Büsum, geht allerdings davon aus, dass sich Wale auch am Erdmagnetfeld orientieren. Und zwar nicht nur am Hauptmagnetfeld, sondern an so genannten Magnetfeldanomalien - geringfügigen Feldschwankungen, die zum Beispiel durch den Eisengehalt im Gestein entstehen.

tote Wale

Tot aufgefundene Pottwale auf der dänischen Nordseeinsel Römö 1996

Anomalien leiten Magnetsinn in die Irre

"Diesen Magnetsinn zu finden ist natürlich sehr schwierig, weil er ja sehr, sehr klein und gerade ein Wal ja sehr, sehr groß ist", erklärt Vanselow, "wobei ich jetzt als Physiker eher sage, warum sollen sie ihn nicht benutzen?" Gerade in den großen Tiefen hätten die Wale nicht sehr viele Möglichkeiten zum Navigieren. Sowohl das Magnetfeld als auch diese Anomalien seien dort vorhanden. "Da wäre es von der Natur doch sehr ungeschickt, wenn sie das nicht nutzen würde", findet der Physiker.

Wal im Meer

Nur noch die Schwanzflosse eines vor der norwegischen Küste abtauchenden Wales ragt aus dem Meer

Unter normalen Umständen könnten Wale die Schwankungen des Erdmagnetfeldes erfassen und sich an ihnen orientieren, glaubt Vanselow. 1998 scheint dieses System aber versagt zu haben: Die sechs Pottwalmännchen verpassen die Abzweigung nach Westen und landen statt an Schottlands Westküste in der flachen Nordseebucht. Umweltschützer können die Hälfte der Gruppe retten. Die übrigen drei Pottwale verenden auf der seichten Wattfläche.

Zusammenhang mit Sonnenaktivität?

In den vergangenen 300 Jahren sind über 200 Pottwale in der Nordsee gestrandet. Klaus Vanselow hat nun festgestellt, dass die Strandungen vor allem dann auftreten, wenn die Sonne besonders unruhig ist. Um die Sonnenaktivität zu messen, hat er überprüft, in welchen Abständen besonders viele Sonnenflecken vorkommen. Diese Flecken sind dunkle Stellen auf der Sonne, die kühler sind und deswegen weniger Licht abstrahlen. Im Schnitt tauchen alle elf Jahre besonders viele von ihnen auf.

Doch dieser elfjährige Sonnenfleckenzyklus sei nicht konstant, sondern schwanke zwischen acht und fünfzehn Jahren, sagt Vanselow und erläutert: "Man kann sagen, wenn dieser Sonnenfleckenzyklus kürzer als elf Jahre ist, schmeißt die Sonne mehr Energie heraus und wenn er länger als elf Jahre ist, schmeißt sie weniger Energie heraus, ist sie etwas ruhiger."

Auch das Jahr 1998 fällt in einen kurzen Zyklus. Die Sonne dürfte demnach besonders aktiv gewesen sein. Bei erhöhter Sonnenaktivität nehmen aber nicht nur die leicht überprüfbaren Sonnenflecken zu. Entscheidend sei, sagt Vanselow, dass die Sonne in dieser Phase verstärkt riesige Wolken geladener Teilchen in den Weltraum schleudere: "Wenn das in Richtung Erde passiert, haben wir Polarlichter und eben auch Verschiebungen des Magnetfeldes und der Magnetfeldstärke. Die sind zwar nur sehr klein, aber doch immerhin so groß, dass sie auch von Tieren registriert werden können", folgert der Wissenschaftler.

Denkanstoß zur Differenzierung

Die sechs Pottwalmännchen, die noch verhältnismäßig jung und unerfahren waren, könnten die vorübergehenden sonnenerzeugten Störungen fälschlicherweise für beständige Magnetfeldanomalien gehalten haben. Vielleicht wurden sie dadurch irregeleitet. 90 Prozent aller Pottwalstrandungen in der Nordsee kann Vanselow mit der Sonne erklären. Allerdings sieht er seine Theorie mehr als einen Denkanstoß: Man wolle ausschließen, dass man alles in einen Topf schmeiße und behaupte, der Mensch sei an allem schuld.

"Man sollte differenzieren und genau nachsehen, welche Effekte bei den Walstrandungen durch den Menschen gegeben sind - und die sind ja gegeben, gerade auch durchs Militär - und welche Effekte die Natur selber verursacht", findet Vanselow. Denn Walstrandungen habe es schon immer gegeben.

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