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Sprachbar

Bringen Sie den Zölibat doch mit!

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Vor allem die Genuszuweisung ist für viele Deutschlerner schwierig. Es gibt keine klaren Regeln. Bei falschem Gebrauch kann es schon mal zu peinlichen Missverständnissen kommen.

"Ich habe das deutsche Sprache gelernt und bin ein glücklicher Kind", schrieb der amerikanische Schriftsteller Mark Twain 1878 aus Heidelberg. Die Genuszuweisung beim deutschen Substantiv blieb ihm allerdings ein Rätsel. Er fand keine Regeln und schloss daraus, Deutsch sei eigentlich eine tote Sprache, denn nur Tote hätten genügend Zeit, es zu lernen. Aber auch deutsche Muttersprachler wissen nicht immer, welches Genus richtig ist.

Genus-Sprache Deutsch


Zwei Löffel, eine Gabel und ein Messer

Der, die, das ...

Aus sprachtypologischer Sicht ist die deutsche Sprache – im Unterschied etwa zum Englischen – eine Genus-Sprache: Jedes Substantiv gehört einer bestimmten Genus- oder Nominalklasse an.

Die Zahl dieser Genusklassen variiert unter den Einzelsprachen: Von mindestens zwei – wie im Französischen und Spanischen – bis zu zwanzig – wie in einigen afrikanischen Sprachen. Deutsch hat – wie Latein – drei Genusklassen: Maskulin, Feminin und Neutrum – der Löffel – die Gabel – das Messer.

Enormer Lernaufwand?

Wer deutsche Vokabeln lernt, muss beim Substantiv das Genus mitlernen. Auf den ersten Blick erscheint das als riesiger Lernaufwand. Es gibt nämlich keine Regel, nach der man voraussagen kann, welches Genus zum Beispiel Löffel, Gabel und Messer haben.


Zum Glück herrscht diese Unsicherheit nur in einem kleinen Teil des gesamten Substantiv-Wortschatzes, nämlich bei den morphologisch einfachen Substantiven. Das Genus von abgeleiteten und zusammengesetzten Substantiven lässt sich meist voraussagen.

Von Messern und Fahrten

Schild Einfahrt freihalten auf einem Garagentor

Es geht auch ohne Artikel

Wer das Genus von Messer weiß, muss das von Taschenmesser, Käsemesser, Obstmesser, Bronzemesser und aller anderen Messersorten nicht mehr lernen: Es ist, wie das Grundwort, Neutrum. Auch Substantive mit Präfixen übernehmen in der Regel das Genus des Grundwortes: Aus die Fahrt ergibt sich die Abfahrt, Ausfahrt, Einfahrt und die Zufahrt.

Bei Substantiven mit Suffixen wird das Genus durch das Suffix bestimmt: Die mehr als tausend Substantive mit der Endung -ung, die in einem größeren Wörterbuch vorkommen, sind alle im Feminin, von die Abberufung, Abbiegung, Abbildung bis zu die Zylinderkopfdichtung.

Genus ist nicht Sexus

Deutschlehrbücher geben auch eine einfache semantische Genusregel: Weibliche Personen werden mit femininen Substantiven bezeichnet, männliche mit maskulinen: die Mutter, der Vater, die Schwester, der Bruder.

Aber Vorsicht! Grammatisches und natürliches Geschlecht – also Genus und Sexus –gehen häufig getrennte Wege. Die Grammatik schert sich nicht um die Biologie und verlangt das Mädchen und das Männlein, weil Substantive mit dem Suffix -chen oder -lein ausnahmslos im Neutrum stehen.

Genusfalle Fremdwort

Schild mit der Aufschrift: Heute, today, Konzert, concert

Der Event, das Event – oder einfach: das Konzert

Die Genuszuweisung im Deutschen ist also nicht so chaotisch wie viele meinen – außer bei Substantiven, die aus anderen Sprachen entlehnt werden. Wörter wie Software, Event, Link haben im Englischen kein Genus, im Deutschen müssen sie es aber bekommen. Man sagt die Software – vermutlich analog zu die Ware –, aber bei Event und Link hat sich der Sprachgebrauch noch nicht zwischen der und das entschieden.

Problemlos müssten lateinische Fremdwörter zu handhaben sein, weil man das lateinische Genus direkt ins Deutsche übernehmen könnte. Das wird aber nicht immer getan: Mediziner sagen – lateinisch korrekt – das Virus und Philologen der Primat. Allgemein gebräuchlicher sind aber der Virus und das Primat. Beim Zölibat kann dieses doppelte Genus missverständlich wirken – wie in der folgenden Geschichte:

Ein Zölibat zum Mitbringen

Ein katholischer Priester in Zivil unterhält sich sehr angeregt im Intercity mit einem Reisenden. Kurz bevor der Priester den Zug verlassen will, sagt der Reisende zu ihm: "Besuchen Sie mich doch einmal daheim!". Der Priester nimmt das Angebot dankend an. Der Reisende will nicht unhöflich wirken und ergänzt: "Ja, und bringen Sie auch Ihre Frau mit! Der Priester überlegt und sagt dann: "Das geht leider nicht. Wir haben den Zölibat." Darauf entgegnet der Reisende: "Ach, das macht doch nichts. Sie können den Zölibat ja mitbringen."

Fragen zum Text

Die Regel, dass Substantive auf –ung im Feminin stehen, gilt nicht für der Sprung, weil …

1. es sich um eine der wenigen Ausnahmen handelt.

2. Sprung ein Fremdwort ist.

3. in Sprungung kein Suffix ist, sondern zum Stamm gehört.

Das natürliche Geschlecht (Sexus) einer Persönlichkeit … ist.

1. männlich

2. männlich oder weiblich

3. weiblich

Englisch the girl heißt deutsch das Girl, weil …

1. Anglizismen im Neutrum stehen.

2. Substantive auf –rl (z.B. Zuckerl) im Neutrum stehen.

3. die Genuszuweisung analog zu das Mädchen erfolgt.

Arbeitsauftrag

Ermitteln Sie jeweils zehn Substantivkomposita mit dem Grundwort –messer, -gabel, -löffel und überprüfen Sie, ob das Genus des Kompositums mit dem des Grundwortes übereinstimmt.

Autor: Helmut Berschin

Redaktion: Beatrice Warken

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