1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gedanken zur Woche

Brillenwechsel

Wir alle können den Blick auf die Welt ändern – und den Blick auf uns selbst. Darum geht es auch am 18. November, am Buß- und Bettag, wie Markus Witzemann für die evangelische Kirche erklärt.

Buß- und Bettag Gottesdienst

Buß- und Bettag Gottesdienst in Leipzig

Die Welt in rot, gelb oder grün
„Welche Brille hätten's denn gern?“ fragt mich mein Freund Stefan und grinst.
„Brille?“, frage ich zurück, „brauche ich doch gar nicht!“
„Diese hier schon!“, sagt Stefan und zeigt mir eine Reihe bunter Brillen in einem Werbeprospekt.
Tatsächlich richtet sich das Angebot nicht nur an Menschen, deren Augen etwas Unterstützung brauchen. Es handelt sich um Brillen mit gefärbten Gläsern: man kann sich mit ihnen seine Welt also einfach rot, gelb, grün oder orange einfärben. Für mich war das bisher nicht mehr als ein Modegag. Doch Stefan weiß es besser: bunte Brillen können viel mehr.
Denn die Farbe, in der wir unsere Welt war nehmen, macht einen Unterschied. Wer einen Ausflug ins Grüne unternimmt, sollte zum Beispiel einmal rote Brillengläser ausprobieren. Sie verstärken den Kontrast und helfen dabei, sich in der gleichfarbigen Umgebung zu orientieren. Ebenso sind hier orange Brillengläser geeignet, zudem helfen diese auch bei nebliger Sicht. Blaue Gläser sollte man dagegen meiden, denn sie machen viele Kontraste schwerer erkennbar. Warn- und Hinweisschilder verschwimmen dann mit ihrer Umgebung und können leicht übersehen werden. Auch der Schutz der Augen vor UV-Licht wird durch blaue und gelbe Gläser herabgesetzt. Nachts hingegen helfen gelbe Gläser vielen Autofahrern bei der Sicht in lichtschwacher Umgebung.
Aber auch meine Stimmung lässt sich beeinflussen, je nach dem, durch welches Brillenglas ich schaue. Violett wirkt auf die meisten Menschen beruhigend, rot eher belebend. Und Stefans Favorit, eine Brille mit gelben Gläsern, soll die Stimmung deutlich aufhellen. Das klingt so gut, dass Stefan gleich einen Satz Brillen für sich und einige Freunde bestellt hat. Ich bin gespannt, wie das aussehen wird, die ganze Welt in gelb ...

Gott ist mir immer gnädig
Die Welt und sich selbst mit anderen Augen sehen, das ist auch das Ziel des evangelischen Feiertags, den viele Christinnen und Christen heute begehen. Der Name Buß- und Bettag lässt da manche an das Verbüßen einer Strafe denken. Das klingt nicht gerade attraktiv und vielleicht auch etwas altmodisch. Ursprünglich opferte das Volk tatsächlich an einem solchen Tag den Göttern, um sie gnädig zu stimmen und Unheil abzuwenden.
Doch nach christlicher Überzeugung ist Gott schon gnädig und braucht solche Opfer nicht, um umgestimmt zu werden. Die christliche Buße meint vielmehr die innere Umkehr von dem, was mir und anderen schadet. Es geht auch um Verantwortung – vor Gott, vor anderen Menschen und vor mir selbst. Es geht um die Erkenntnis, dass meine Haltung und meine Handlungen Konsequenzen haben, ob ich will oder nicht. Die Frage ist, wie ich dann damit umgehe, dass manches mir misslungen ist oder sich anders entwickelt hat, als ich gehofft habe.

Mit einem neuen Blick sehe ich die Welt anders
Ein schlechtes Gewissen führt an dieser Stelle nicht weiter. Ein schlechtes Gewissen muss ich gegenüber einem wirklich gnädigen Gott auch gar nicht haben. Ich kann mich stattdessen entscheiden. Wenn ich mich dieser fremden Perspektive wirklich ausgesetzt habe, wenn ich mein Leben und meine Entscheidungen mit anderen Augen gesehen habe, dann habe ich mich auch etwas verändert. Dann muss ich nicht immer gleich handeln. Gottes Perspektive bringt neue Farben ins Spiel und kann sogar das Herz der Menschen verändern, davon sind Christen überzeugt.
So ein Brillenwechsel kann hilfreich sein. Ein anderer Blickwinkel auf meine Situation, auf meine Bedürfnisse und auf meine Beziehungen gibt auch meinem Alltag gleich einen anderen Farbton. Vielleicht nehme ich bestimmte Kontraste, bestimmte Gegensätze anders war. Vielleicht kann ich bestimmte Warnschilder plötzlich erkennen. Vielleicht ändert sich auch mein Gefühl beim Umgang mit Situationen, die mich sonst immer an meine Grenzen bringen. Keine schlechte Idee, das mit der Brille.

Markus Witzemann Berlin Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP

Markus Witzemann

Zum Autor: Markus Witzemann (Jahrgang 1977) arbeitet als Journalist in Berlin. Als waschechter Berliner ist er seiner Heimatstadt bis auf eine kurze Zeit in Westerstede im Ammerland immer treu geblieben, während seines Amerikanistikstudiums, wie auch verschiedenen Praktika.Er ist verheiratet mit Pastorin Nicole Witzemann. Gemeinsam sind sie Mitglied einer Baptistengemeinde in Berlin-Schöneberg. Dort engagiert sich Markus Witzemann in Bereichen wie Öffentlichkeitsarbeit, Tontechnik, Hausaufgabenhilfe, verschiedenen Bandprojekten oder auch dem Bläserchor.

Kirchliche Verantwortung: Pfarrer Christian Engels