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Wirtschaft

BRICS trennt mehr als sie eint

Kaum ist die WM abgepfiffen, treffen sich die Staatschefs von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika in Fortaleza. Auch wenn die BRICS-Staaten Einigkeit demonstrieren, bleiben sie ein loses Gebilde.

Als der Ökonom Jim O'Neill 2001 die Abkürzung BRIC, die Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien und China, aus der Taufe hob, waren alle vier große und schnell wachsende Schwellenländer. Doch die Finanz- und Wirtschaftskrise machte auch dem dynamischen Wachstum der Schwellenländer ein Ende. 2009 wurde Südafrika in die Gruppe aufgenommen, aus BRIC wurde BRICS.

Rolf J. Langhammer (Foto: dpa)

Prof. Rolf Langhammer

Doch die wirtschaftlichen Interessen der Gruppe lassen sich schwer koordinieren, da die Länder sehr unterschiedlich sind. "Indien ist sicherlich ein Entwicklungsland. Russland ist es definitiv nicht mehr. China ist auf dem Sprung zur Industriemacht", sagt Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Grüppchen in der Gruppe

Wenn es überhaupt so etwas wie eine Blockbildung gebe, dann innerhalb der Gruppe. So traten Brasilien und Indien 2008 bei der Doha-Runde als Wortführer der Schwellen- und Entwicklungsländer auf. Ein Jahr darauf verhinderten China und Indien auf dem Klimagipfel ein Abkommen gegen ihre Interessen. Das jüngste Beispiel ist der im Mai abgeschlossene Gasvertrag zwischen China und Russland. Das Geschäft mit einem Volumen von 400 Milliarden US-Dollar soll dem Westen demonstrieren, dass Russland sein Gas auch anderswo verkaufen kann.

Doch es gibt auch Spannungen. Hinter der zur Schau gestellten Eintracht zwischen Peking und Moskau dominiert das Unbehagen Russlands, dass China den russischen Einfluss in Zentralasien immer weiter zurückdrängt und sich immer mehr Chinesen im dünn besiedelten Sibirien niederlassen. Konflikte an der chinesisch-indischen Grenze belasten zudem die Beziehungen zwischen den beiden asiatischen Giganten.

Mangels Vertrauen und gemeinsamer Wirtschaftsinteressen geht Ökonom Langhammer davon aus, "dass sich diese Länder eher als Konkurrenten um Rohstoffe, um Ressourcen und Land verstehen, und nicht so sehr als Partner".

Hausgemachte Probleme

Prof. Helmut Reisen (Foto: privat)

Prof. Helmut Reisen

Hinzu kommt, dass jeder mit seinen hauseigenen Problemen zu kämpfen hat. "Südafrika hat die geringsten Wachstumsraten unter den BRICS-Ländern und klagt über eine hohe Jugendarbeitslosigkeit", sagt Helmut Reisen von der Beratungsgesellschaft Shifting Wealth. Der Grund liege darin, dass das Land am Bedarf vorbei ausbilde. Die starke Stellung der Gewerkschaften hat immer wieder zu langwierigen Streiks geführt, die das Wirtschaftsleben lähmten.

Indien habe zwar durch Subventionierung sehr fortschrittliche Industriebranchen wie Software und Generika, viele Arbeitsplätze seien dadurch aber nicht geschaffen worden. "Insofern ist ein großer Teil der Bevölkerung da geblieben, wo er war - nämlich in großer Armut", sagt Reisen, der auch lange als Forschungsdirektor bei der Industrieländer-Organisation OECD tätig war. Ein anderes Problem Indiens sieht er in den großen strukturellen Haushaltsdefiziten.

Auch im brasilianischen Haushalt klafft ein immer größeres Loch. Und der ohnehin fragile Mittelstand sei nun besonders armutsgefährdet, da die Wirtschaft nur minimal wachse, so Reisen gegenüber der DW.

Die zwei Pole innerhalb der BRICS-Gruppe bilden Russland und China. Während die russische Wirtschaft bestenfalls stagniert, kann die chinesische mit einem Wachstum von über sieben Prozent rechnen.

China spielt die erste Geige

Die Stärke Chinas ist den BRICS-Partnern nicht immer geheuer. Bei der geplanten gemeinsamen Entwicklungsbank versuchen sie die chinesische Dominanz einzudämmen, indem alle fünf das Startkapital von 50 Milliarden Dollar zu gleichen Teilen einzahlen. "Aber zehn Milliarden zu stemmen ist für Südafrika ein größeres Problem als für China", sagt Helmut Reisen. Ob die BRICS in Fortaleza alle Streitpunkte beilegen und die Gründung der Bank bekanntgeben, bleibt abzuwarten.

Für den Kieler Ökonomen Rolf Langhammer ist die Bank eher ein politisches Signal an die Industrienationen: "Die BRICS wollen unabhängig werden von dem, wie sie sagen, Diktat des internationalen Währungsfonds oder auch den regionalen Entwicklungsbanken, die von alten Industriestaaten bestimmt werden." Als Beispiel nennt er die dominante Rolle Japans in der asiatischen Entwicklungsbank.

Doch die BRICS-Länder spielen in ihren jeweiligen Regionen inzwischen selbst eine dominante Rolle. "In dem Maße, wie man diese Dominanz in gute Nachbarschaft ummünzt, hat man eine Chance, dass BRICS tatsächlich der Kern einer Bewegung sein könnte, die auch viel mehr Schwellenländer umfasst", so Langhammer. Die Rede ist bereits von den Next Eleven, zu denen unter anderen Indonesien, die Türkei und Nigeria gezählt werden.

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