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Wirtschaft

BRIC - Erfolg eines Kürzels

Die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China gelten als kommende Supermächte der Weltwirtschaft. Vor zehn Jahren erfand ein Analyst das Kürzel, das ungebrochen populär ist.

Brasilien, Russland, Indien und China sind auf dieser Weltkarte grün markiert. (Grafik: DW)

Gutes Marketing ist wichtig, auch auf dem Markt der Meinungen. Das wusste Jim O'Neill, als er 2001 die These verkündete, die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China würden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Aus den Anfangsbuchstaben der Länder bastelte der damalige Chefvolkswirt von Goldman Sachs das Kürzel BRIC und erklärte die vier Länder zu wichtigen Bausteinen der Weltwirtschaft – englisch: brick.

Der Erfolg von O'Neills Wortschöpfung war überwältigend. Heute, zehn Jahre später, ist das Kürzel fester Bestandteil von Wirtschaftsausblicken und Unternehmensprognosen, und selbst Kleinanleger können ihr Geld in BRIC-Fonds investieren, die fast jede Bank anbietet.

Infografik Wirtschaftswachstum 2011/2012 Vergleich

Nur ein Marketing-Gag?

"Marketingtechnisch war das sehr klug gemacht", sagt Markus Jäger, Analyst bei Deutsche Bank Research in New York, der selbst zahlreiche Berichte über die Entwicklung der BRIC-Staaten verfasst hat. "Aber es steckt auch etwas dahinter. Die Länder werden immer wichtiger, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch", so Jäger gegenüber DW-WORLD.DE.

Allerdings war von Anfang an umstritten, ob es Sinn macht, die vier Länder unter einem Kürzel zusammenzufassen. Gemeinsam machen sie 40 Prozent der Weltbevölkerung aus und ein Viertel der Landoberfläche.

Und doch sind sie wirtschaftlich sehr unterschiedlich, sagt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "China ist ein Industriegüterexporteur, Russland ein ausschließlicher Rohstoffexporteur. Indien ist im Vergleich zu den anderen immer noch eine geschlossene Volkswirtschaft." Brasiliens Wirtschaft ist dagegen sehr offen, das Land exportiert Rohstoffe und Industriegüter. "Diese Länder eint, dass sie Schwellenländer sind und attraktive Märkte, schon aufgrund ihrer Größe. Es sind eben sehr große Volkswirtschaften", so Langhammer zu DW-WORLD.DE.

Rolf Langhammer, Institut für Weltwirtschaft (Foto: dpa)

Rolf Langhammer, Institut für Weltwirtschaft

Große Bevölkerung und hohes Wirtschaftswachstum – diese Kombination macht die vier Länder für Investoren interessant. Und für Investoren war Jim O'Neills BRIC-Analyse ja auch geschrieben worden.

Seit der Wirtschaftskrise 2008 fällt auch in den BRIC-Staaten das Wachstum geringer aus. Doch verglichen mit dem Wachstum in den etablierten Industrienationen sind die Zahlen dort immer noch beeindruckend, sagt Markus Jäger von Deutsche Bank Research. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre erwartet er für China ein jährliches Wachstum von acht Prozent, für Indien etwa sieben Prozent und für Brasilien und Russland um die vier Prozent. Zum Vergleich: Die Industrieländer wachsen nach Berechnungen der Weltbank in diesem Jahr nur um durchschnittlich 1,6 Prozent.

Starkes Wachstum trotz Krise

Jim O'Neill, Goldman Sachs

Jim O'Neill, Erfinder des BRIC-Kürzels

Trotzdem hat die Wirtschaftskrise gezeigt, dass die vier BRIC-Länder noch weit davon entfernt sind, die Führung in der Weltwirtschaft zu übernehmen, sagt Wirtschaftsprofessor Langhammer. Es sei nicht so, dass die BRIC-Staaten die alten Industrieländer als Wachstumsmotor der Welt abgelöst hätten. "Das hat nicht geklappt. Die Länder sind eben mit der Weltwirtschaft und mit den alten Industriestaaten über die Finanzströme verbunden", so Langhammer. "Und in der Krise zeigt sich eben, dass diese Länder noch keine so entwickelten Finanzmärkte haben, dass man sich dort mit seinem Geld sicher aufgehoben fühlt."

Jedes der vier BRIC-Länder hat zur Zeit Probleme. In Brasilien ist das Wachstum zum Stillstand gekommen. Russland ist stark von Rohstoffen abhängig, hat aber keine wettbewerbsfähige Industrie. Indiens wirtschaftliche Öffnung läuft langsamer als von Investoren erhofft, wie die Entscheidung gegen ausländische Direktinvestitionen im Einzelhandel zeigt. Und China ist mit seinen Exporten sehr abhängig von der Entwicklung in Europa und den USA, außerdem droht auf dem heimischen Markt eine Immobilienblase. Experten erwarten deshalb in allen vier Ländern ein etwas geringeres Wachstum als bisher.

Dennoch glaubt Jim O'Neill, der Schöpfer des BRIC-Kürzels, dass die vier Staaten bald die bedeutendsten Wirtschaftsmächte der Welt sein werden. Spätestens bis 2050 werde es soweit sein, vielleicht auch schon früher.

China und der Rest

Mark Jaeger, Deutsche Bank Research

Mark Jaeger, Deutsche Bank Research

Das Problem bei solchen Berechnungen sei jedoch die Dominanz Chinas, sagt Markus Jäger von DB Research. "Chinas Exporte sind größer als die Exporte der anderen BRIC-Länder zusammen. Chinas Wirtschaft ist größer als die der anderen BRIC-Länder zusammen. Chinas Währungsreserven sind größer als die der anderen zusammen." Es sei daher nicht zutreffend, von einer Vierer-Gruppe zu sprechen. "In der Realität ist es China und der Rest", so Jäger. "Ohne China sind die BRIC-Länder nur BRI", schreibt der US-Analyst David Rothkopf, und das klinge wie der französische Weichkäse.

Andere Analysten bemängeln, dass stark wachsende Schwellenländer unberücksichtigt bleiben. Indonesien etwa, dessen Wirtschaft mit mehr als 200 Millionen Einwohnern jährlich um sechs Prozent wächst, Vietnam oder die Türkei. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass sich Kürzel wie BRICIVT durchsetzen werden. "Ein Vorteil des BRIC-Kürzels ist ja, dass es sich ganz gut aussprechen lässt", sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft.

BRIC-Erfinder Jim O'Neill hat gerade ein Buch über die Ländergruppe geschrieben, der er einen Namen gegeben hat. Und für die elf Länder, die er als kommende Wachstumsstars sieht, hat er auch schon eine Bezeichnung gefunden: NextEleven.

Der Popularität des BRIC-Kürzels hat all das bisher nicht geschadet. Seit 2006 treffen sich Vertreter der vier Staaten auch zu eigenen Gipfeln. 2010 bekam der Vierer-Club sogar ein neues Mitglied – Südafrika. Dessen Wirtschaftsleistung ist zwar nur ein Viertel der Russlands, des bisher schwächsten BRIC-Landes. Doch zumindest das schöne BRIC-Kürzel blieb so erhalten, erweitert nur um ein S für Südafrika. Und BRICS, das klingt immer noch wie Bausteine auf Englisch.

Autor: Andreas Becker
Redaktion: Henrik Böhme

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