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Asien

Brexit-Poker von Großbritannien und Japan

Die Premierminister von Großbritannien und Japan, Theresa May und Shinzo Abe, versuchen am Donnerstag in Tokio ihre unterschiedlichen Interessen und Prioritäten beim Brexit miteinander zu vereinen.

Nach einem Brexit möchte die britische Regierungschefin May schnell bilaterale Freihandelsabkommen mit früheren und neuen Partnerländern abschließen. Ein Kandidat dafür ist Japan, da sich die Europäische Union und Japan in Brüssel im Juli prinzipiell auf einen weitreichenden Freihandelsvertrag geeinigt haben. Auf dieser Basis erhofft sich Großbritannien einen bilateralen Vertrag mit Japan.

Für die Aufnahme solcher Gespräche wird Regierungschefin May, begleitet von einer großen Wirtschaftsdelegation, bei einem dreitägigen Besuch in Tokio in dieser Woche werben. Ihr Argument: Als EU-Mitglied habe sich Großbritannien für den Freihandelsvertrag zwischen der EU und Japan eingesetzt. Daher sollte Japan den gleichen Vertrag auch direkt mit Großbritannien abschließen.

"Scheidung soll geordnet ablaufen"

Doch für Japan haben solche Verhandlungen keinen Vorrang. "Es wird hier keinen substantiellen Fortschritt geben", sagte ein namentlich nicht genannter japanischer Regierungsvertreter der britischen Zeitung "Financial Times". Die Verhandlungen mit der EU seien noch nicht abgeschlossen, es gebe zwar eine politische Vereinbarung, aber viele Punkte seien offen, betonte der Beamte.

Vielmehr wolle die japanische Regierung der britischen Seite verdeutlichen, sie sollte das "Krisengefühl" rings um den Brexit beenden, berichtete die Zeitung "The Telegraph". "Die Scheidung zwischen der EU und Großbritannien muss geordnet ablaufen, damit japanische Unternehmen in Großbritannien nicht darunter leiden", verlangte der stellvertretende Kabinettssekretär Yasutoshi Nishimura in dem Blatt.

Sorge um Arbeitsplätze und Investitionen

Die Regeln der Europäischen Union erlauben es nicht, dass Großbritannien vor dem Ausstieg offizielle Verhandlungen über Freihandelsverträge führen darf. Daher kann May nur informelle, vorbereitende Gespräche mit Japan verabreden. Aber das wäre schon ein politischer Sieg für sie, weil May damit argumentiert, nach einem Brexit könne Großbritannien mit großen Nationen wie Japan und USA freien Handel treiben.

Doch Japan will lieber Großbritannien zu einem möglichst sanften Brexit bewegen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Trennung von Insel und Kontinent auf japanische Unternehmen zu begrenzen. Derzeit sind rund 1.000 japanische Unternehmen im Vereinigten Königreich angesiedelt. Sie beschäftigen 140.000 Menschen und haben zehn Billionen Yen (77 Milliarden Euro) investiert.

Bei einem Brexit sähen sich japanische Finanzinstitute und andere Unternehmen gezwungen, ihre Geschäfte im Vereinigten Königreich zu verringern und auf den Kontinent zu verlagern, hatte Japans Regierung schon im September 2016 in einem Memorandum gewarnt. Laut dem15-seitigen Papier sind japanische Unternehmen seit Zeiten von Premierministerin Margaret Thatcher mit dem Argument angelockt worden, Großbritannien sei das Tor zur EU. Daher gebe es für die Regierung in London eine moralische Verpflichtung, dieses Versprechen einzuhalten.

Konkret befürchtet Japan eine Zugangsbeschränkung zur EU, den Wegfall des Schengen-Privilegs, schwierigere Rekrutierung von Arbeitskräften, die Einführung von neuen Zöllen und den Statusverlust von London als Clearing-Stelle für Euro-Transaktionen. Außerdem wäre Großbritannien bei einer Verlegung der Europäischen Arzneimittel-Agentur von London in ein anderes EU-Land als Forschungs- und Entwicklungsstandort für japanische Pharma-Unternehmen nicht mehr attraktiv.

Erste Umzugswelle bereits beschlossen

In einer ersten Umzugswelle haben inzwischen mehrere japanische Finanzinstitute erklärt, sie wollten ihre Europa-Zentralen von London auf den europäischen Kontinent verlegen. Die beiden großen Investmentbanken Nomura und Daiwa haben sich bereits für Frankfurt entschieden. Auch die drittgrößte Finanzgruppe Sumitomo Mitsui geht in die deutsche Finanzmetropole, während man Branchenführer Mitsubishi UFJ nachsagt, Amsterdam zu favorisieren.

Auch große Handelshäuser und Industriekonzerne mit Hauptsitzen in England beraten bereits über einen Umzug. Dabei können sie mit Anreizen ihrer neuen Standort-Länder rechnen. Hitachi Rail zum Beispiel wird von Italien umworben, weil die Japaner 2015 bei der italienischen Eisenbahngruppe Ansaldo STS einstieg. Auch Düsseldorf hofft auf japanische Wechsler. Die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist wegen ihrer zentralen Lage in Europa bei japanischen Unternehmen beliebt.

Weniger beweglich sind die japanischen Autobauer, die stark in Großbritannien vertreten sind. Auf ihr Konto geht die Hälfte der britischen Autoproduktion, die jedoch überwiegend in EU-Länder exportiert wird. Im englischen Sunderland steht die größte Nissan-Fabrik in Europa mit 6.700 Beschäftigten. Nissan hat 3,7 Milliarden Euro und Toyota 2,2 Milliarden Euro in Großbritannien investiert. Beide Hersteller haben inzwischen neue Investitionen angekündigt, nachdem ihnen die britische Regierung in Zusammenhang mit dem Brexit Unterstützung zugesagt hat.

 

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