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Welt

Brexit: "Pleite für die US-Außenpolitik"

Viele Briten, die für den Brexit stimmten, haben erwartet, dass ein Austritt aus der Union die Beziehungen zu Washington nicht stören werde. Sie könnten ein böses Erwachen erleben.

Der Tag, an dem Großbritannien für den Brexit stimmte, war kein guter Tag für die viel gepriesene, aber sich stetig verschlechternde "special relationship" zwischen den USA und Großbritannien.

Seit Winston Churchill den Begriff vor 70 Jahren prägte, steht er für die einzigartige Beziehung der beiden Länder. Die Verbindung überdauerte den Zweiten Weltkrieg und den anschließenden Kalten Krieg. Erst während des Irakkriegs wurden erste Anzeichen einer Belastung sichtbar. Seitdem gilt die Beziehung zwischen den beiden Großmächten als abgekühlt. Dennoch konnten beide Partner weiterhin auf eine gemeinsame Philosophie bauen und teilten politische wie ökonomische Zukunftsperspektiven.

Dann kam die Entscheidung der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Ein starkes und vereintes Europa ist eine zentrale Säule der US-Außenpolitik. London hat als eine Art natürlicher Vertreter Washingtons in der EU immer eine entscheidende Rolle gespielt - zuständig für die Wahrung der europäischen Einheit und die Kommunikation gemeinsamer Interessen und Ideen gegenüber Kontinentaleuropa. Da Großbritannien die EU nun verlässt, wird diese indirekte Einflussnahme nicht mehr möglich sein.

"Aus dieser Perspektive ist es eine historische Pleite amerikanischer Außenpolitik", meint John Harper, Professor für US-Außenpolitik an der John Hopkins Universität in Bologna.

Churchill und Eisenhower 1952 in Grosvenor (Foto: Press Agency/Getty Images)

Der Beginn und gleichzeitig der Höhepunkt einer "besonderen Beziehung": Winston Churchill und Dwight D. Eisenhower

Wunsch und Wirklichkeit

Anders als viele Brexit-Unterstützer glauben mögen, wird Londons Austritt aus der EU dazu führen, dass Großbritannien ökonomisch und politisch weniger relevant für die USA sein wird. Die Wirtschaftsbeziehungen müssen durch eigene Handelsverträge erst wieder aufgebaut werden. Washington hat bereits davor gewarnt, dass die Verwaltungsbehörden des Landes diese Angelegenheit angesichts drängenderer Umstände nicht als Priorität behandeln werden.

"Großbritannien wird sich hinten anstellen müssen, wenn es um die Verhandlung neuer Tarife und Handelsvereinbarungen geht", erklärt James Davis, Dekan der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen in St. Gallen. Zumindest wenn es um ökonomische Angelegenheiten geht, werde sich die USA "auf die Beziehungen zu der EU konzentrieren. Sie stellt einen großen Markt dar, der den Handel stärker dominiert als ein Markt von 60 Millionen Briten." Brexit-Wähler, die auf einen besseren Deal mit Washington spekulierten, warnt Harper: "Die Amerikaner haben deutlich gesagt: 'Erwartet keine Gefallen von uns.'"

Wenn die USA bereit sind, neue Handelsverträge mit Großbritannien auszuarbeiten, wird das Ergebnis keine Partnerschaft auf Augenhöhe sein. Denn anders als die Vereinbarungen zwischen Washington und Brüssel wären es Übereinkünfte zwischen einer Groß- und einer kleinen Macht. "Falls die Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, auf eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation hoffen, werden sie sich auf eine Enttäuschung einstellen müssen", betont Harper.

Barack Obama und David Cameron (Foto: Reuters)

Professionell und kühl: Zwischen David Cameron und Barack Obama gibt es einige Differenzen

Neue alte Partner in der EU

Großbritanniens politische Nähe zu den USA hat in den vergangenen Jahren bereits unter der Entscheidung Londons gelitten, bei vielen Schlüsselanliegen der EU im Hintergrund zu bleiben. Das Verhältnis wird sich noch weiter verschlechtern, wenn die Briten ganz die EU verlassen. Ohne britischen Einfluss in Brüssel kann Großbritannien nicht mehr seine traditionelle Rolle als transatlantische Stimme auf dem Kontinent wahrnehmen. In der Konsequenz wird sich Washington noch mehr auf seinen einzigen verbliebenen einflussreichen Verbündeten in der EU konzentrieren: Deutschland.

"Ich denke, die USA sehen Angela Merkel heute als ihren einzigen wirklichen Partner in der EU", sagt Davis. "Die Bestrebungen aus Frankreich und anderen südeuropäischen Ländern, die EU in einen protektionistischen Markt zu verwandeln, können nur durch ein starkes Gegengewicht in Berlin ausgeglichen werden." Deutschland profitiert politisch und wirtschaftlich. Sicherheits- und militärpolitisch wird sich Washington wieder vermehrt der NATO zuwenden.

Nach dem Brexit werden die USA ihre politische Energie nicht auf Großbritannien konzentrieren, sondern auf die für sie größte Herausforderung US-amerikanischer Außenpolitik - nämlich den Zusammenbruch der EU zu verhindern, sollten andere Länder dem britischen Beispiel folgen. Harper meint: "Das ist ein Albtraum für die USA."

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