Brexit - Ein Land, zwei Meinungen | Europa | DW | 12.06.2016
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Europa

Brexit - Ein Land, zwei Meinungen

Ganz Großbritannien streitet über den Verbleib in der EU. Ganz Großbritannien? Nein, zwei Gemeinden haben sich bereits entschieden. Maximiliane Koschyk hat sie besucht.

Nur noch wenige Wochen bis Großbritannien wählt: Wird es in der EU bleiben oder nicht? Einige Briten sind noch unentschieden, andere sind sich bereits sehr sicher - vor allem in den Grafschaften Ceredigion und Haverings: Laut einer Umfrage der britischen Meinungsforscher von YouGov ist Haverings bei London der EU am wenigsten zugeneigt, Ceredigion in Wales dagegen der EU sehr zugetan.

Warum ausgerechnet die Waliser so große Anhänger der EU sind, das erfährt man sobald man sie nach ihrer Beziehung zum Mutterstaat England fragt. "In dieser Stadt ist ein Engländer nicht das gleiche wie ein Waliser", sagt Jean François-Poncet. "Das ist untragbar." Er sitzt in einer Kneipe an der Promenade von Aberystwyth, eines der beiden Stadtzentren der Grafschaft Ceredigion. "Die Waliser stehen Europa definitiv näher als England", sagt er.

Ohne EU kein Internet und kein Erasmus-Studium

Halb Waliser, halb Franzose, aber ein echter Europäer, so sieht sich François-Poncet. Er ist einer der 11.000 Studenten, die jedes Semester Aberystwyth beleben – ohne sie wohnen nur 15.000 Menschen in der Stadt. Studenten wie er profitieren durch das Erasmus-Programm von der EU, viele von ihnen kennen ein Leben ohne die Europäische Gemeinschaft nicht.

Referendumgswahlkampf in Wales (Quelle: DW)

Der Student Jean Francois-Poncet versucht die Waliser von den Vorteilen der EU zu überzeugen

Obwohl das Semester vorbei ist, bleibt Francois-Poncet für das Referendum in Wales. Er macht Wahlkampf für die "StrongerIn"-Kampagne. "Die EU hat mehr in Wales investiert als es die englische Regierung je würde", sagt er. Schnelles Internet, Verkehrsinfrastruktur, Fördergelder für die Uni zählt er auf: "Dass Ceredigion heute so entwickelt ist, liegt auch an den EU-Geldern."

Die EU, Beschützer der autonomen Regionen?

Ein älterer Herr im Pub spricht den jungen Wahlkämpfer auf seine gute walisische Aussprache an. Die Waliser sind sehr stolz auf ihre Sprache, es gibt nichts, das nicht auf beiden Sprachen dokumentiert ist. "Die EU hat den Schutz der Walisischen Sprache gefördert", sagt Anwen Elias. Sie forscht an der Universität in Aberystwyth zur EU und Regionalpolitik. Es überrascht sie nicht, dass die walisische Nationalpartei Plaid Cymru sich an der "StrongerIn"-Kampagne beteiligt. "Für sie ist die EU eine Möglichkeit unabhängiger zu werden", sagt Elias.

MP Mark Williams (Quelle: DW)

Mark Williams sitzt für Wales im britischen Parlament: "Das Wirtschaftsministerium übersieht uns"

Unabhängig, aber nicht abgespalten von Großbritannien, und auch nicht von anderen Parteien, wenn es um den aktuellen Wahlkampf geht. "Bei dieser Wahl geht es nicht nur um Stimmung", sagt der örtliche Abgeordnete Mark Williams. Er sitzt für die Liberalen Demokraten im britischen Parlament. "Hier geht es um echte Marktgegebenheiten, die wir verlieren könnten."

Für Wales geht es ums Überleben

Wales braucht die Gelder der EU, weil es keine finanzielle Unterstützung aus London bekommt. "Bisweilen übersieht uns das britische Wirtschaftsministerium", sagt er. Die walisischen Farmer könnten ohne die Zuschüsse aus Brüssel nicht überleben. "Wir bekommen auf dem Markt nicht genügend für unsere Produkte bezahlt", sagt Glynn Roberts, Vorsitzender des Walisischen Bauernverbands. Knapp die Hälfte ihrer rund 30.000 Euro Jahresgehalt ist von der EU subventioniert. "Wir brauchen das Geld nicht nur um die Landwirtschaft zu erhalten, sondern das ganze Leben hier", sagt Roberts.

Walisischer Bauer Glynn Roberts (Quelle: DW)

Für den walisischen Bauern Glynn Roberts geht es beim Referendum ums finanzielle Überleben

Mit einem Austritt aus der EU würden die Bauern laut Roberts auch ihren Marktvorteil in der EU verlieren. Herkunftsbezeichnungen, die derzeit den französischen Champagner und italienischen Parmesan schützen, würden dann nicht mehr für das Walisische Lammfleisch gelten. "Wir werden mehr Konkurrenz durch billige Importe bekommen", sagt er.

Willkommen in der Brexit-Hochburg

In der rund 300 Kilometer entfernten Brexit-Hochburg Haverings kann man die Probleme der Waliser nicht nachvollziehen. "Die Leute hier sind genervt", sagt Sue Connelly, die Geschäftsführerin der Konservativen in der Londoner Grafschaft."Jeder kommt hierher und nutzt uns aus." Die Reisefreiheit innerhalb der EU ist für sie keine Errungenschaft. "Wir brauchen bessere Grenzkontrollen", sagt sie. "Und ein Einwanderungssystem wie die Australier."

Sue Connelly aus Romford (Quelle: DW)

Genervt von der EU: Sue Connelly rührt für die Konservativen in Romford die Werbetrommel

Im Margaret Thatcher-Haus der Stadt Romford bereitet sie den Wahlkampf vor. Das Hauptquartier der Konservativen ist nicht zu übersehen: Zwei große "Vote Leave"-Plakate flankieren den Vorgarten, die Fenster zur Straße sind ebenfalls mit Schildern zugeklebt.

In der Innenstadt Romfords gibt Flaggen statt Postern: Vor den Pubs flattern englische Fahnen, man ist bereit für die Fußball-EM. "Die Leute in Romford sind sehr patriotisch", sagt Andrew Rosindell. Romford ist der Wahlkreis des konservativen Parlamentariers. Gemeinsam mit Connelly hat er einen Stand in der Fußgängerzone aufgebaut. "Niemand ist jemals nach England gekommen und hat uns gesagt, wie wir unsere Dinge zu regeln haben."

Die nächste Debatte kommt bestimmt

Kim Crosbie, Fischhändlerin in Romford (Quelle: DW)

Fischhändlerin Kim Crosbie stören die Auflagen der EU

Auch über dem Fischstand von Kim Crosbie weht die englische Fahne, das Georgskreuz. "Ich würde gerne raus", sagt sie über die EU. Crosbie ist von den Fischerei-Regelungen der EU genervt. "Jeder kann in unseren Gewässern fischen", sagt sie. "Aber wir müssen die 24 Prozent-Quote einhalten." Nur soviel vom Fischbestand dürfen EU-Staaten aus den heimischen Gewässern fischen. Diese Quote ist hart umkämpft, Britische Fischer lehnen sie ab.

Am Wahlkampfstand unterhält sich Rosindell mit Wählern. "Ich denke die Stimmung im Land schwenkt in Richtung Austritt", sagt der Politiker. "Die Menschen wollen, dass die britische Regierung selbst Gesetze schafft, statt sie uns nur aufzuzwingen." Ein älterer Herr fragt Rosindell, warum die Iren beim Referendum mitabstimmen dürften. "Das sollten wir an einem anderen Tag diskutieren", wiegelt Rosindell ab. "Ok." Der Senior wendet sich Sue Connelly zu, die ihm sogleich einen Anstecker anheftet, auf dem "Vote Leave" steht.

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