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Reise

Breslau: Wiederentdeckte Avantgarde

Europas Kulturhauptstadt setzte vor mehr als 100 Jahren Maßstäbe für modernes Bauen. Ein Spaziergang durch die polnische Metropole zeigt die Bauschätze.

Der Marktplatz: Dreh- und Angelpunkt der Altstadt von Wrocław mit Restaurants, Cafés, Pferdekutschen, Straßenmusikern und Kunsthändlern. Staunend wandert der Touristenblick nach oben, entlang der Giebel der Bürgerhäuser aus Barock, Renaissance und Jugendstil - und bleibt verwundert an einem vermeintlichen Klotz hängen. Das sandsteinfarbige Geschäftsgebäude wirkt wie ein Fremdkörper, denn die Fassade aus Muschelkalkplatten verzichtet ganz auf Dekor.

"Sozialistische Meisterleistung", mag manch einer ironisch denken. Doch weit gefehlt: Während die meisten Altbauten am Marktplatz während des Kriegs zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurden, ist dieses Gebäude eines der wenigen, das im Original erhalten blieb. Erbaut wurde die damalige Städtische Sparkasse Anfang der 30er Jahre von Heinrich Rump und war eines von zwei Hochhäusern der Stadt, ein bauliches Novum für die damalige Zeit.

Lösung für überfüllte Großstadt

Breslau Architektur Mohrenapotheke von Adolf Radig in Breslau, Foto: DW/Nadine Wojcik

Moderne am Marktplatz: Mohrenapotheke von Adolf Radig, 1928

Die moderne Architektur Breslaus, heute Wrocław, erfährt dank des Europäischen Kulturhauptstadtjahres endlich wieder internationale Aufmerksamkeit. Dabei spielte sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Entwicklungsgeschichte des Neuen Bauens eine ähnlich wichtige Rolle wie Berlin oder Frankfurt am Main. Lang ist die Liste der damals wegweisenden Architekten, die hier wirkten, wie Hans Scharoun, Theo Effenberger, Hans Poelzig, Erich Mendelsohn oder Max Berg.

"Wrocław hat hinsichtlich der Moderne eine große Tradition. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Gesichtspunkte, sondern um philosophische", sagt Zbigniew Macków, Kurator für Architektur der Europäischen Kulturhauptstadt. "Es geht um Fragen nach einem besseren Leben." Durch die Nähe zum Bergbau in Niederschlesien und der Eröffnung einer Bahnverbindung nach Berlin wurde Breslau bald zu einer lebendigen Handelsmetropole. Die fünftgrößte deutsche Stadt war dichtbevölkert, die Einwohnerzahl verdoppelte sich innerhalb kürzester Zeit auf 500.000. Das stellte Breslau vor städtebauliche und soziale Probleme.

Neue Lösungen waren gefragt, auf die die Architekten der Moderne Antworten gaben. So prägten insbesondere Max Berg, 1909 bis 1925 Stadtbaurat, und Hans Poelzig, 1903 bis 1916 Direktor der Kunstgewerbeschule, fortan das Stadtbild. Sie knüpften ein Netzwerk zu Architekten, die sich meist noch vom Studium an der Technischen Universität in Berlin kannten. In und um Breslau verwirklichten sie mehrere Siedlungen, Einfamilienhäuser, Kindergärten, Schulen, Postämter, Geschäftshäuser sowie zwei Hochhäuser - viele von ihnen maßgebende Referenzbauten.

Mit Machtergreifung der Nationalsozialisten endete diese fruchtbare Bauzeit schlagartig. An die Stelle von innovativen Projekten trat die vorgegebene Norm des Dritten Reiches. Der spätere Kampf um die "Festung Breslau" 1945 gab vielen Bauwerken den Todesstoß: Trotz aussichtsloser Lage wurde bis "zum letzten Mann" gekämpft, 70 Prozent der Gebäude zerstört.

Meisterwerk mit Kuppel

Jahrhunderthalle von Max Berg in Breslau, 1913, Foto: DW/Nadine Wojcik

Fassade der Jahrhunderthalle von 1913

Ein Gebäude überlebte unversehrt: die Jahrhunderthalle von Max Berg. Mit ihr begann 1913 der Einzug der Moderne in Breslau. Angelehnt an das römische Pantheon schaffte Berg hier eine gigantische freischwebende Kuppel mit einer Spannweite von 67 Metern. Das Konstrukt, das 1913 nach nur zwei Baujahren fertiggestellt wurde, wirkt bis heute erfrischend zeitlos.

Überraschend überstand es die Kriegszerstörungen. Die russische Armee soll die Halle als Orientierungspunkt zur Bombardierung der Stadt benutzt und daher verschont haben. Später erkannte die kommunistische polnische Regierung die Einzigartigkeit - trotz deutschen Ursprungs - und restaurierte die Jahrhunderthalle. 2006 wurde sie auf die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Seitdem werden alle Anbauten, die nachträglich angebracht wurden, entfernt, um den Originalzustand wieder herzustellen.

Ausgestellt: Experimentelles Wohnen

Wohnen und Werkraum - Ausstellungsplakat der WuWa, Foto: DW/Nadine Wojcik

Wohnen und Werkraum - Ausstellungsplakat der WuWa

Unweit der Jahrhunderthalle wartet ein weiteres Architekturdenkmal: die Werkbundausstellung Wohnen und Werkraum, kurz WuWA. Nach der Weißenhofsiedlung in Stuttgart wurden1929 in der experimentellen Wohnsiedlung in Breslau Einfamilienhäuser, Wohnblöcke und ein Kindergarten realisiert.

Lange Zeit waren diese modernen Schätze versteckt - unbeachtet, unverstanden und nicht gut im Schuss. Dank der Ernennung Wrocławs zur Europäischen Kulturhauptstadt wurden viele Gebäude detailgenau wieder hergestellt. "Die WuWA ist Teil unserer DNA. Sie ist unser Code und wir Wrocławer Architekten sind sozusagen verpflichtet, diesen Ansatz weiterzuentwickeln", so Zbigniew Macków. Zusätzlich zu den Rekonstruktionen entstand im Architekturmuseum eine bislang einmalige Ausstellung, die die Entwürfe der Werkbundsiedlungen aus Stuttgart, Brno, Prag, Wien, Zürich, Stuttgart und Wrocław zusammenbringt - eine europäische Perspektive auf die damaligen Pioniere.

Die polnischer Architekten gehen selbstbewusst mit dem Erbe um: Mit "Nowe Zerniki" entsteht derzeit eine neue große Wohnsiedlung im Geiste des Neuen Bauens. "Wir versuchen mit den modernen Wohneinheiten, die Ideen der WuWA 85 Jahre später erneut zu verwirklichen", erklärt Macków das Vorhaben, in dem 10.000 Menschen bezahlbaren Wohnraum finden sollen. Der Zeitpunkt ist für ihn ideal: "Dass Wrocław Europäische Kulturhauptstadt ist, ist historisch einmalig. Und auch der derzeitig hohe Stellenwert der Architektur ist meiner Meinung nach eine einmalige Chance für die Stadt."

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