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Terror

Breitscheidplatz: "Das Leben der Betroffenen liegt in Scherben"

In den Wochen nach dem Terroranschlag in Berlin haben Fragen nach Sicherheit und Ermittlungspannen die Diskussion dominiert. Sind Leid und Trauer der Betroffenen dabei zu kurz gekommen? Naomi Conrad aus Berlin.

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Parlament gedenkt Terroropfer von Berlin

Er wollte nicht bestimmte, sondern einfach möglichst viele Menschen treffen: Der Mann, der wenige Tage vor Heilig Abend mit einem Lastwagen wahllos in die Menschenmenge auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Zentrum Berlins raste und zwölf Menschen in den Tod riss. Dutzende wurden verletzt, viele davon schwer. Manche werden vielleicht nie wieder gesund.

Iñaki Ellakuria ist einer der Verletzten. Der spanische Student war mit zwei Freundinnen am Breitscheidplatz und wurde von dem Lastwagen erfasst, seine Beine überrollt. Er überlebte die schweren Verletzungen und wurde Ende Dezember nach Spanien verlegt. Eigentlich will er nicht mit den Medien reden: Es tue ihm leid, sagt er höflich aber bestimmt, aber er versuche einfach, das Ganze zu vergessen.

Aber, das sagt er dann doch noch: Er habe vermisst, dass jemand von der Regierung ihn und die anderen Verletzten im Krankenhaus besucht hätte. "Wir waren bestimmt zehn Verletzte, da hätte doch irgendjemand zumindest mal Hallo sagen können."

Kritik: Nicht genug öffentliche Anteilnahme für Opfer

Er ist nicht der einzige, der mehr Anteilnahme fordert: In den vergangen Wochen ist vermehrt Kritik aufgekommen: Während Politik und Medien intensiv diskutieren und analysierten, ob noch schärfere Sicherheitsgesetze verabschiedet werden müssen oder  ob es Ermittlungspannen gab, die den Anschlag hätten verhindern können.

Ein Vorwurf, der auch bei der Trauer-Veranstaltung im Parlament mit einer Schweigeminute im Gedenken an die Opfer- genau einen Monat nach dem Terroranschlag – zur Sprache kam: Es gehöre zu den kaum vermeidbaren, "aber schwer erträglichen Mechanismen der Wahrnehmung solcher Ereignisse" durch die Medien und Öffentlichkeit, dass dem Täter regelmäßig weit größere Aufmerksamkeit geschenkt wird, als denen, die er in den Tod riss, erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert. Das Gesicht des Mörders und auch seine Lebensgeschichte seien bis ins kleinste  Details bekannt - aber von den Opfern, sechs Männer und sechs Frauen,  wisse man wenig. "Angemessen ist das natürlich nicht."

Deutschland Nach Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Anteilnahme zeigen? Seelsorger Münster empfiehlt, Kerzen und Blumen abzulegen.

Ist die Öffentlichkeit also den Opfern gerecht geworden? Justus Münster, ein evangelischer Pfarrer und Notfallseelsorger in Berlin, der noch am Abend des Anschlages am Breitscheidplatz war, um Trost zu spenden, macht eine kurze Pause, bevor er antwortet: Es habe durchaus Momente der Anteilnahme gegeben. Er zählt auf: Bereits am Tag nach dem Attentat gab es einen Gottesdienst in der Gedächtniskirche, die über den Weihnachtsmarkt ragt. Es gab eine öffentliche Schweigeminute, und am Brandenburger Tor, das in den deutschen Nationalfarben erleuchtet wurde, versammelten sich viele Menschen. Später dann gab es noch Gedenkminuten und weitere Gottesdienste. Schließlich gebe es noch die vielen Menschen - Berliner und Touristen - die noch immer Blumen und Kerzen am Breitscheidplatz ablegen und inne halten, um ihrer Trauer und ihrem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen.

Kritik: Chaos nach Anschlag - Angehörige tagelang nicht informiert

Aber all diese Momente der Anteilnahme seien schlicht nicht in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und wohl auch der Angehörigen gedrungen. Warum? Münster sagt, er könne nur mutmaßen: Vielleicht, weil sich die Ereignisse direkt nach dem Anschlag überschlugen. Der Täter war auf der Flucht, die Suche ging fieberhaft weiter. "Da prallte das Gedenken hinein." Und dann hätten sich die Menschen auf Weihnachten konzentriert, um von dem nächsten Terroranschlag – diesmal in der Nacht zum Neujahrstag in Istanbul – jäh wieder in den "medialen Terrorfokus" gerissen zu werden, so fasst es Münster zusammen. 

Kritik gibt es auch am Verhalten der Behörden gegenüber den Betroffenen: Die Tage nach dem Anschlag seien chaotisch gewesen, sagt Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin, der Hilfe vermittelt und den Betroffenen und ihren Angehörigen hilft, Anträge für die Entschädigung auszufüllen. Eine solche Entschädigung steht ihnen zu. Weber hat Gespräche mit Ärzten geführt und weiß: Einige Menschen werden "sehr, sehr lange Hilfe brauchen. Die werden nicht mehr gesund."

Es ist auch Webers Aufgabe, eine, wie er sagt, "Nachanalyse" zu betreiben - und die fällt nicht sonderlich positiv aus: Zum Teil seien Angehörige viel zu lange in der Ungewissheit gelassen worden, ob ihre Verwandten überhaupt noch am Leben seien. Eine Familie habe drei Tage auf einen Anruf der Aufklärung warten müssen, berichtet er. Die Hotline der Berliner Polizei für Angehörige sei dauerhaft überlastet gewesen - und das über Tage hinweg. "Das darf nicht passieren."

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Trauer und Distanz

Seelsorger: Trauerprozess kann Jahre dauern

Der Grund? Als klar wurde, dass es sich wohl um einen Terrorangriff handelte, habe das Bundeskriminalamt die Ermittlungen an sich gerissen, Beamte hätten zum Teil sogar Notfallseelsorger zur Seite gedrängt. "Das war wie bei einem schlechten Hollywoodfilm, wenn das FBI plötzlich auftaucht und sagt: Jetzt übernehmen wir." Hinzu kommt: Berlin sei einfach nicht auf ein Ereignis von einer solchen Größenordnung vorbereitet gewesen. Das müsse sich ändern, fordert Weber.

Auch Notfallseelsorger Münster hat erlebt, wie chaotisch die Situation am Anschlagsort gewesen sei: Nicht zu wissen, ob Angehörige und Freunde noch am Leben sind, "ist eine fast gar nicht auszuhaltende Situation."

Trotz der Unsicherheit und des Unwissens: Die Menschen hätten sofort instinktiv gemerkt, "dass ihr Leben in Scherben liegt." Zu wissen, oder sogar selbst die Bilder ins Gedächtnis eingebrannt zu haben, wie ihr Liebster vom Lastwagen mitgerissen wurde, stelle die Menschen vor einen ungeheuer anstrengenden, mühsamen und traurigen Prozess: Nämlich, die Fetzen von Erinnerung wie Scherben eines zerbrochenen Kruges wieder zusammenzuklauben und - irgendwie -  zu einem neuen Leben zusammenzusetzen. Ein Prozess, der sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird, viele Monate, wenn nicht Jahre. Manchen, schätzt Münster, werde das gelingen - anderen vielleicht nie.

Öffentliche Anteilnahme, die Gedenkminute im Bundestag? Sei ihm völlig egal, sagt Iñaki Ellakuria, der spanische Student, der den Anschlag erlebt und überlebt hat.  "Das ändert doch alles nichts an meiner Situation." Er wolle das alles einfach nur vergessen. 

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