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Fußball

Braunschweig: Zurück in die Zukunft

Die Eintracht steht neben der Hertha als Bundesliga-Aufsteiger fest. Trainer Lieberknecht meistert den in Braunschweig so schwierigen Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Der Braunschweiger Domi Kumbela (3.v.l.) jubelt über seinTor mit Marc Pfitzner (l.) Dennis Kruppke und Benjamin Kessel (r.) (Foto: Peter Steffen/dpa)

Die Spieler von Eintracht Braunschweig jubeln

Wer Walter Schmidt zuhause in Braunschweig-Bienrode besucht, ein paar Kilometer nördlich vom alten Stadtkern, fühlt sich wie in einem Museum. Auf einer knarrenden Holztreppe geht es hinab in den Keller, den der frühere Eintracht-Spieler mit zahlreichen Pokalen, Wimpeln, Fotos und Schals dekoriert hat. Es sind Erinnerungsstücke seiner Karriere. Auf einem Bild grinst Schmidt mit dem großen Pelé um die Wette, ein anderes zeigt ihn beinhart im Zweikampf mit Gerd Müller.

Schmidt ist in Braunschweig so etwas wie eine Legende, fast ein Jahrzehnt stand er für die Eintracht auf dem Platz. Als "der Einzige, der Uwe Seeler im Griff hatte" ist der heute 75-Jährige Fans und Fachleuten in Erinnerung geblieben. Und als Meisterheld: Schmidt war eine der tragenden Säulen beim größten Erfolg der Vereinsgeschichte 1967, als Braunschweig völlig überraschend die Deutsche Meisterschaft gewann. "Das sind Glücksmomente im Leben, die sind unbeschreiblich", erzählt Schmidt, der noch heute Gänsehaut bekommt, wenn er an die Feier auf dem Altstadtmarkt zurückdenkt. "Die Häuser waren blau-gelb angestrichen und die ganze Stadt hat mit uns gesungen: So ein Tag, so wunderschön wie heute."

Bis kurz vor dem Abgrund

Braunschweigs Trainer Branco Zebec (2.v.l.), der Likörfabrikant Günter Mast (l.) und Paul Breitner (r.) besiegelen den Wechsel am 3. Mai 1977 in Bad Harzburg (Foto: dpa)

Likörfabrikant Günter Mast (l.-r.) und Trainer Branco Zebec besiegeln Paul Breitners Wechsel nach Braunschweig

Gesungen haben sie danach in Braunschweig nur noch selten. Zwar lockten die glorreiche Vergangenheit und das Geld von Sponsor und Jägermeister-Fabrikant Günter Mast noch große Namen wie Branko Zebec und Paul Breitner nach Braunschweig. Aber an die Erfolge von Schmidts Eintracht konnte keine der nachfolgenden Mannschaften anknüpfen. Statt weiterer Titel gab es Abstiege, hinzu kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zwischenzeitlich verschwand das Bundesliga-Gründungsmitglied sogar in der Oberliga. Die Fans strömten trotzdem zu Tausenden zu den Spielen. "Nach uns waren die Erwartungen immer sehr hoch", sagt Schmidt. "Aber es ist nun mal nicht einfach, so etwas zu wiederholen." Nach 28 Jahren Abstinenz bekommen die Fans nun wieder Erstliga-Fußball geboten.

Der Architekt des Erfolgs, Trainer Torsten Lieberknecht, kennt die Zahlen nur zu genau. Auch er ist mit der Eintracht-Historie bestens vertraut. Seine Abschlussarbeit zum Trainer-Diplom trägt den Titel: "Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig". Die jüngste Vergangenheit hat Lieberknecht selbst geprägt, es ist auch seine Geschichte. Der 39-Jährige, früher selbst Spieler in Braunschweig, hat dem maroden Traditionsklub neues Leben eingehaucht. In der Saison 2007/2008 drohte der Absturz in die Regionalliga, was wohl die Insolvenz zur Folge gehabt hätte. Drei Spieltage vor Schluss übernahm A-Jugend-Coach Lieberknecht. Am letzten Spieltag gelang Braunschweig der Sprung auf Rang zehn und damit die Qualifikation für die neu geschaffene Dritte Liga.

Zwischen damals und heute liegen gerade mal fünf Jahre. Gemeinsam mit Sportdirektor Marc Arnold hat Lieberknecht eine erfolgshungrige, eingespielte Mannschaft geformt, die taktisch beeindruckend flexibel ist und in der laufenden Saison ganz Fußball-Deutschland überrascht hat. Der Kern des Teams um Kapitän Dennis Kruppke und Torjäger Dominick Kumbela ist seit Jahren zusammen. Daran wird sich auch in der kommenden Spielzeit in der ersten Liga nicht viel ändern. Für vermeintliche Stars fehlt das Geld, neue Spieler, in erster Linie passende Charaktere, kamen bislang zumeist ablösefrei.

Spieler mit "Feuer" im Herzen

Eintracht Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht am Mikrophon (Foto: Dominique Leppin/dpa)

Der Vater des Ausftiegs: Eintracht Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht

"Wir entscheiden uns oft für den billigeren Spieler, der unterklassig spielt, aber dafür hat er meistens dieses Feuer, was wir brauchen", erklärte Lieberknecht einst das Erfolgsrezept. "Der Torsten hat einfach ein gutes Händchen", sagt Eintracht-Legende Walter Schmidt. 290.000 Euro haben Lieberknecht und Arnold in den vergangenen fünf Jahren für Transfers ausgegeben. Beim Nachbarn, dem von Volkswagen alimentierten Erstligisten aus Wolfsburg, verdient ein einzelner Spieler so viel im Monat.

In Braunschweig ist der Aufschwung seit Monaten unverkennbar, das beweist nicht nur der Blick auf die Tabelle, sondern auch die riesige Baustelle vor dem Stadion an der Hamburger Straße. Kräne, Bagger und Absperrgitter säumen den Weg zum Stadion. Zurzeit wird die Haupttribüne modernisiert. VIP-Logen und auch eine neue Geschäftsstelle werden gebaut. Pünktlich zur neuen Saison soll alles fertig sein. Braunschweig putzt sich raus für die (Bundesliga-)Zukunft.

Ohne das sportliche Duo Lieberknecht/ Arnold und ihre besonnene Arbeit wären sie bei der Eintracht nie soweit gekommen. Die beiden haben Geduld eingefordert und Nähe zu den Fans aufgebaut. Sie überzeugten die Menschen in Braunschweig mit einer gesunden Portion Demut vor der Vergangenheit und kleinen Gesten. In den Genuss einer solchen kam auch Walter Schmidt, als er im letzten Jahr wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Da er nicht mehr wie sonst mit den alten 67er-Kameraden ins Stadion gehen konnte, hat Lieberknecht auf einer Karte alle seine Spieler unterschreiben und Genesungswünsche ausrichten lassen. Das hat auch die Krankenschwester mitbekommen. "Sehe ich da Tränen in Ihren Augen, Herr Schmidt?", fragte sie neugierig. Außer einem seligen Lächeln war dem Patienten nichts zu entlocken.

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