1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Braucht die Bahn noch Lokführer?

In Deutschland streiken wieder die Lokführer - der längste Ausstand in der Bahn-Geschichte. Könnte dieser Beruf in Zukunft womöglich ganz aussterben? Autonome Mobilität wird immer beliebter und hat viele Vorteile.

SkyTrain Düsseldorfer Flughafen (Foto: picture alliance/dpa).

Der SkyTrain am Düsseldorfer Flughafen fährt bereits seit 2002 führerlos

"Piep, piep, piep", früh am Morgen klingelt der Wecker - zu früh. Lieber noch einmal umdrehen, nur fünf Minuten. Doch aus fünf werden 15. Mit offenen Schnürsenkeln und Jacke in der Hand geht es im Sprint zur U-Bahn Station, um es noch rechtzeitig zur Arbeit zu schaffen. Am Bahnsteig schlägt die Tür vor der Nase zu. Warum? Es gibt kein Führerhaus, aus dem ein Lokführer in den Rückspiegel blickt und für die Zuspätkommer ein Auge zudrückt. Die U-Bahn fährt völlig autonom. In Nürnberg ist das seit 2008 Realität. Vielleicht auch bald in ganz Deutschland?

Kein menschliches Versagen, aber auch keine Menschlichkeit

Zwei U-Bahnlinien sind in Nürnberg inzwischen führerlos. Als Erste in ganz Deutschland. Die Standzeiten an jeder Station sind elektronisch gespeichert: Zu Hauptverkehrszeiten länger, an schlecht besuchten Bahnhöfen dafür etwas kürzer. "Das automatisierte System sorgt für deutlich mehr Sicherheit im täglichen Nahverkehr", erklärt Elisabeth Seitzinger vom Verkehrsverbund Großraum Nürnberg. Die Bahn wisse demnach, ob etwas den Türbereich blockiert, oder ob Gegenstände auf den Schienen liegen. Für Fahrgäste, die vor verschlossenen Türen stehen, hat das automatische System aber leider kein Verständnis.

Durch die Automatisierung spart der Verkehrsverbund Personal. Drei Mitarbeiter arbeiten in der Zentrale, auf der gesamten Strecke sind es insgesamt sechs. Die meisten Fahrer hätte man umgeschult. Seitzinger bescheinigt der Umstellung ein sehr positives Zeugnis: "Wir sind sehr zufrieden mit der Automatisierung." Die letzte von drei U-Bahn Linien wird nach wie vor konventionell betrieben. Ein Umbau ist derzeit nicht in Planung. Mangelnde Wirtschaftlichkeit ist der Hauptgrund. Auch bei den Nürnbergern, vor allem bei den Bahnfahrenden, kommt die U-Bahn ohne Lokführer - nach anfänglichen Berührungsängsten und einem flauen Gefühl beim einen oder anderen Fahrgast - inzwischen gut an. "Wir haben sogar Touristen, die extra deswegen nach Nürnberg kommen", sagt Seitzinger.

Trotzdem sieht man sowohl in Deutschland als auch sonst auf der Welt führerlose Bahnen eher selten. Grund dafür ist in Deutschland aber nicht die Technik.

Nürnberg vollautomatische U-Bahn ARCHIV 2008

Ungewohnter Anblick: Auch die U-Bahn in Nürnberg fährt seit 2008 völlig autonom

Technisch möglich, rechtlich nicht

"Der Mensch wird bereits sehr stark durch die Technologie unterstützt", erklärt Thomas Strang vom Institut für Kommunikation und Navigation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Zusammen mit anderen Forschern hat er ein Kollisionsvermeidungssystem entwickelt, das den Lokführer vor gefährlichen Situationen warnt. Schwierigkeiten bei der autonomen Zugfahrt sieht er vor allem in der Lokalisierung - der Zug muss jederzeit wissen, wo er sich befindet - und in der Geschwindigkeit des Fernverkehrs.

Auch Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, sieht in der Technik nicht das Problem: "Technisch ist es machbar, aber die Rechtslage in Deutschland lässt nicht zu, dass man ein System anstatt eines Fahrers einsetzt." U-Bahnen wie in Nürnberg seien dabei ein Sonderfall. In Großstädten wie New York, Paris, Peking oder Barcelona gäbe es autonome U-Bahnen schon lange. "Potenzielle Gefahren für den Menschen kann man in der U-Bahn deutlich besser abschirmen, weil sie unterirdisch verläuft. Es gibt keinen freien Zugang zu den Gleisen", erklärt Klingner. Durch Detektionssysteme könnten Gefahren frühzeitig erkannt werden. Klingner ist sich sicher: "Im Bereich U-Bahn wird sich die Technik durchsetzen."

Im offenen Schienenverkehr ist die Lage rechtlich aber komplizierter. Menschen können ungehindert an die Gleise gelangen. Bei einem Unfall wäre der Aufschrei sehr groß.

Teure Zukunftsmusik

Über kurz oder lang wird der Fahrgast im Zug also weiterhin eher vom Lokführer begrüßt. Ohnehin wäre es wirtschaftlich nicht für alle Linien rentabel, automatisiert zu fahren. Besonders die wenig befahrenen Strecken - außerhalb der Städte - werden wohl ewig auf eine führerlose Bahn warten müssen. Wer in Nürnberg lebt, kann nur darauf hoffen, mit der U1 zur Arbeit fahren zu können. Denn bei der besteht für Verschlafene die Chance, die Tür nicht vor der Nase zugeschlagen zu bekommen.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema