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Kultur

Brasiliens wilder Norden

Sklavenarbeit - das klingt nach längst vergangenen Zeiten. Aber es gibt sie noch. Die wenigsten wissen es und die wenigsten kümmert es. In Brasilien leben nach offiziellen Schätzungen über 40.000 Menschen in Sklaverei.

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Allein und rechtlos

Das Land ist groß und weit ab der urbanen Zentren, vor allem in den nördlichen Bundesstaaten an der Grenze zum Amazonas, herrschen eigene Regeln. Die Arbeitslosigkeit in den Gemeinden ist groß, die Bildung gering. Auf der Suche nach Arbeit lassen sich Männer, manchmal sogar ganze Familien, von Schleppern mit falschen Versprechungen auf weit abgelegene Landgüter bringen. Es sind große Güter mit teilweise bis zu 70.000 Hektar Land, auf dem Rinder mit modernster Technik für den Export gezüchtet werden.

Arbeiten können sie dort, doch ein Gehalt sehen viele von ihnen nie. Oft ist das Ende der Reise der Beginn einer endlosen Schuldknechtschaft. Sie müssen abzahlen: Den Schlepper, die Unterkunft, Ernährung und Arbeitskleidung. Der nächste Ort liegt hunderte Kilometer entfernt, eine Flucht ist meistens unmöglich.

"Zusammengepfercht wie Vieh"

Die Zustände gehen weit über einen Verstoß gegen das Arbeitsgesetz hinaus, sagt Marcelo Campos, Leiter der mobilen Einsatzgruppen des Arbeitsministeriums, die auf den Landgütern Inspektionen durchführen. "Oft finden wir die Arbeiter in den unwürdigsten Unterkünften vor, zusammengepfercht wie Vieh. Die Nahrung ist völlig unzureichend, wenn es überhaupt welche gibt. Oft gibt es kein sauberes Trinkwasser. Sie trinken Wasser aus dem Fluss oder Bach, in dem sie sich und ihre Wäsche waschen."

Knapp 5000 Arbeiter haben mobile Einsatzgruppen im vergangenen Jahr 2003 aus sklavenänlichen Verhältnissen befreit, so viele wie nie zuvor. Eine Kontrollaktion kann bis zu 15 Tage dauern, denn die Beamten bleiben so lange, bis der Landgutbesitzer den Arbeitern eine Entschädigung auszahlt. Das ist in der Regel aber auch schon alles, was er fürchten muss.

Das brasilianische Gesetz sieht eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren für Sklavenarbeit vor. In der Praxis wird es so gut wie nie angewendet, weil gute Anwälte immer einen Dreh finden.

"Radikaler Schritt": Enteignung

Als erstes Land hat Brasilien den Vereinten Nationen vor kurzem einen Bericht über die Existenz von Sklavenarbeit übergeben. Bis 2006 soll damit Schluss sein. Ein hochgestecktes Ziel, mit dem sich die Regierung selbst unter Druck setzt. Sie hat erneut einen Antrag auf Verfassungsänderung ins Rennen durch die politischen Instanzen in Brasilia geschickt, der seit 2001 auf Halde liegt. Er sieht vor, Landgüter auf denen Sklavenarbeit praktiziert wird, zu enteignen und der Agrarreform zur Verfügung zu stellen.

"Das ist zweifellos ein radikaler Schritt, den wir gehen wollen, aber die Sklavenarbeit ist auch ein radikaler Verstoß gegen die Menschenrechte", sagt Ruth Vilela, Staatssekretärin im Arbeitsministerium. Zur Zeit finden in Brasilia regelmäßig öffentliche Anhörungen zum Antrag statt. Die Regierung hofft, dass er bald im Parlament durchkommt.

Doch die Fraktion der Agrarlobby ist groß und es gilt, sich auf eine klare Definition von Sklavenarbeit zu einigen.

Angst vor der Willkür

"Wir beobachten auf der Gegnerseite starke Bestrebungen, erniedrigende Arbeitsverhältnisse abzustufen, so als könne man Verstöße gegen die Würde des Menschen auch noch klassifizieren. Eine gefährliche Argumentation", findet Vilela.

Aber eine, die viel Zustimmung erhält. Rodolfo Tavares, Vorsitzender des einflussreichen Verbands der Landbesitzer, befürchtet die Zwangsenteignung könne in reine Willkür münden. "Dieses Gesetz wird Investoren verprellen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindern. Die Regierung sollte ihre Kräfte vielmehr in die Infrastruktur auf dem Land stecken, statt mit diesem Gesetz Investoren zu verprellen."

"Da ansetzen, wo es weh tut"

Im "Wilden Norden" Brasiliens, einem Gebiet das in den 1960er-Jahren gewaltsam für die Landwirtschaft erschlossen wurde, hat der Staat zu lange zu wenig Präsenz gezeigt. Heute sind die Strukturen festgefahren, was auch den Fortschritt bei der Agrarreform so schwierig macht.

Marcelo Campos von den mobilen Einsatzgruppen glaubt dennoch fest daran, dass eine härtere Gesetzgebung ein notwendiger Schritt wäre. "Man muss da ansetzen, wo es weh tut, sonst ist unsere Arbeit fast nichts wert. Wir befreien die Arbeiter heute und morgen werden sie woanders ausgebeutet."

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