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Sport

Brasiliens ungeliebte Spitzensportlerinnen

Die beste Fußballerin der Welt kommt aus Brasilien. Doch in ihrer Heimat kann Marta da Silva nicht professionell spielen. Während Brasilien der Herren-WM entgegenfiebert, gibt es nicht einmal eine nationale Frauenliga.

Einmal in den Fußabdrücken eines berühmten Fußballspielers stehen: Erst den einen, dann den anderen Fuß, Kopf hoch, lächeln: ein beliebtes Urlaubsfoto vieler Touristen, die in die brasilianische Strandmetropole Rio de Janeiro reisen. Im legendären Maracanã - dem riesigen Stadion, in dem brasilianische Fußballträume wahr wurden und zerbarsten, wo die Trennung zwischen arm und reich für 90 Minuten vergessen wird, wo alle gemeinsam auf den Rängen hüpfen und jubeln, vor allem wenn die geliebte Nationalmannschaft, die Seleção spielt - dürfen sich nur die Großen verewigen: Ronaldo, Franz Beckenbauer und Romário stampften hier ihre Fußabdrücke in den Boden - direkt neben denen der immer noch alles überragenden Fußballerlegende Pelé. Die Füße von rund 90 weiteren großen Weltklassekickern findet man hier im Beton gegossen - und die einer einzigen Fußballerin: Marta Vieira da Silva.

Marta Vieira Da Silva bei der Verleihung des Ballon d'Or am 17.12.2007 Zürich (Foto: )

Marta Vieira Da Silva bei der Verleihung des Ballon d'Or 2007

"Das war ein sehr emotionaler Moment, als ich damals meine Füße im Maracanã verewigen durfte", sagt Marta, wie sie meist nur genannt wird, im Gespräch mit der DW. Von 2006 bis 2010 - also fünf Mal in Folge - wurde sie zur Weltfußballerin gekürt, zehn Mal gehörte die 28-Jährige bereits zu den drei Finalistinnen - so auch bei der letzten Wahl im Januar 2014. Auch Marta ist eine Legende - allerdings im Frauenfußball.

Schlechte Voraussetzungen für Frauenfußball

Wer mit "Pelé im Rock", wie Marta genannt wird, sprechen will, findet sie nicht in Brasilien. Sie lebt in Schweden - mittlerweile ihre zweite Heimat - und spielt hier beim schwedischen Erstligisten Tyresö FF. Schon mit 18 Jahren ging die Ausnahmespielerin in das skandinavische Land - denn, damals wie heute, herrschen dort weitaus bessere Bedingungen für weibliche Fußballerinnen.

"In Brasilien gibt es keine Struktur für den Frauenfußball. Es gibt nicht einmal einen geregelten nationalen Wettbewerb." Die größte weibliche Fußball-Legende, weltweit bekannt, kann in ihrem eigenen Land - dem fußballverrückten Brasilien - nicht professionell spielen. Dafür musste sie nach Europa.

Der Journalist Jorge Luiz Rodrigues bestätigt das: "Die Bedingungen für weibliche Fußballerinnen sind sehr beschränkt, einen professionellen Fußball für Frauen gibt es in Brasilien im Grunde nicht." Rodrigues gehört zu den ersten, die in Brasilien überhaupt über Frauenfußball berichteten, und ist bis heute auch oft noch der einzige. Deswegen darf er auch für den Fußball-Weltverband FIFA die Nominierung für die Weltfußballerin des Jahres von brasilianischer Medienseite vornehmen.

Neymar wichtiger als ganze Frauenmannschaft

Keine professionelle Liga, schlechte Bezahlung, wenige Clubs. Einfach haben es Frauenfußballerinnen in Brasilien nicht. Und das, obwohl die brasilianische Nationalmannschaft zu den besten der Welt gehört. Derzeit steht sie hinter den USA, Deutschland und Japan auf Platz vier der Weltrangliste. Doch selbst diese gute internationale Stellung und das Erreichen des Olympiafinales scheinen brasilianischen Investoren und Medien nicht genug zu sein, um dem Frauenfußball mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Einer der wenigen professionellen Vereine mit einer gut funktionierenden Frauenmannschaft war bis vor kurzem der FC Santos. Neben Pelé und anderen Weltklassekickern hat der Club auch Neymar, den aktuellen Superstar der männlichen Nationalmannschaft, hervorgebracht. Um ihn zu halten, brauchte der Verein Geld und schloss kurzerhand die Frauenabteilung. Dabei munkelt man, dadurch wurde gerade einmal ein Zehntel eines Monatsgehaltes des Jungstars finanziert. Kurz darauf wechselte Neymar trotzdem nach Barcelona. Dort bekam er ein noch besseres Angebot.

Fußball ist nichts für Frauen

Brasiliens Kapitänin Bruna Benites und eine schwedische Spielerin und Schwedens Nilla Fischer (Foto: )

Bruna Benites (l.), Kapitänin der Damen-Seleção

Für seine weibliche Kollegin Marta war der Wechsel nach Europa elementarer: "Ich musste nach Schweden gehen, um auch als professionelle Fußballerin zu wachsen. In Brasilien hätte das nicht geklappt", sagt sie. Ursprünglich kommt Marta aus einer kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens. Schon früh begann sie, Fußball zu spielen - sehr zum Ärger ihres großen Bruders. "Er wollte nicht, dass ich Fußball spiele, und wollte mich im Grunde schützen. Denn in der Stadt wurde es mit sehr argwöhnischen Blicken begutachtet, dass ein Mädchen Fußball spielte", erzählt sie heute. "Aber mein Bruder hatte immer viel zu tun, und so schaffte ich es dann doch immer, irgendwie abzuhauen und zu spielen."

Auch Martas Mannschaftskameradin in der Nationalauswahl, die gleichaltrige Bruna Benites, ist unter befremdeten Blicken aufgewachsen. Wenn sie mit ihren Brüdern Fußball spielte, riet man ihr, ihre Zeit nicht mit diesen "Männersachen" zu verlieren. Doch auch Bruna ließ sich nicht beirren und spielt heute für den Club "São José Esporte Club" im Bundesstaat São Paulo - ein kleiner, eher unbekannter Verein. Auch Bruna selbst ist weitgehend unbekannt im Land: Sie hat noch nicht einmal einen portugiesischsprachigen Eintrag in dem Onlinelexikon Wikipedia. Dabei ist sie die Kapitänin der brasilianischen Nationalmannschaft. "Ich habe überhaupt kein Problem, durch die Stadt zu laufen, eigentlich werde ich nur sehr, sehr selten von jemanden erkannt und um ein Autogramm gebeten", sagt die Fußballerin im DW-Interview.

Viele Vorurteile: lesbisch, langsam, langweilig

"Es gibt noch immer viele Vorurteile", sagt Sportjournalist Jorge Rodrigues. Vor allem glaubten viele Menschen, dass weibliche Fußballerinnen per se lesbisch sind. "Außerdem wird oft behauptet, das Spiel wäre zu langsam, die Pässe zu lang", stellt der erfahrene Sportjournalist, der auch schon über fünf Männer-Fußball-WMs berichtete, und lässt durchblicken, dass er diese Ansicht nicht teilt.

Wenn es überhaupt einmal Ansätze gibt, den Frauenfußball in Brasilien voranzutreiben, kommen sie von Seiten der FIFA. "Was fehlt, ist der Wille der Clubs", sagt Rodrigues. Und das Geld, das fehle natürlich auch.

Seleção-Spielführerin Bruna Benites spielt noch immer in ihrem brasilianischen Team: "Ich lebe gerne in der Nähe meiner Familie", erzählt sie. Neun Angebote aus dem Ausland habe sie bereits erhalten. Und bald wird wohl auch sie den Schritt für ihre Karriere tun und ihr Heimatland verlassen.

Marta da Silva dagegen wird Mitte dieses Jahres nach Brasilien kommen. Jedoch nicht, um Fußball zu spielen, sondern nur zum Zuschauen: Sie ist als einzige Frau, neben weltweit bekannten Größen wie Ronaldo und Pelé, FIFA-Botschafterin für die Männer-WM im Sommer dieses Jahres. "Ich träume davon, dass die neue Generation junger Frauen, die jetzt nachwächst, die Chance hat, in Brasilien, in ihrer Heimat, professionell Fußball zu spielen", sagt sie. Viel habe sich schon getan, sagt Marta, vor allem die Vorbehalte gegenüber jungen Mädchen, die Fußball spielen, seien inzwischen geringer. Trotzdem ist noch viel zu tun, sagt Marta und fügt hinzu: "Ich durfte zwar die ersten weiblichen Fußabdrücke im Maracanã hinterlassen. Aber es sollen auf keinen Fall die letzten sein."

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