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Welt

Brasiliens Nachrichten von den "Ninjas"

Sie nennen sich "Ninjas" und wollen die brasilianische Berichterstattung revolutionieren. In sozialen Netzwerken werden sie als Alternative zu den traditionellen Medien gefeiert, weil sie immer mittendrin sind.

Bei den Protesten in Brasilien im Juni dieses Jahres, als Hunderttausende gegen Korruption, den Einsatz öffentlicher Gelder für die Fußball-WM oder wegen fehlender Infrastruktur und mangelnden Investitionen in Gesundheit und Bildung auf die Straße gingen, war ein ähnliches Phänomen zu beobachten wie auf dem Tahir-Platz in Ägypten vor zwei Jahren: Nicht nur die etablierten Medien berichteten, sondern auch Protestierende. Während die Fernsehanstalten aus großer Distanz von den Dächern der Metropole sendeten, mischten sich Mitglieder der 2012 gegründeten Mediengruppe "Ninja" unter die Demonstranten - und übertrugen live. Dafür brauchten sie lediglich Handys, einen Internetzugang und eine Facebook-Seite, die während der Protesttage rasch ein großes Publikum anzog.

"Wir wurden so bekannt, weil die Menschen eine Berichterstattung erwarteten, die näher an ihnen dran ist", erklärt der Journalist und Leiter der "Ninjas", Bruno Torturra. "Die traditionellen Medien mussten erst einmal erfassen, was auf der Straße und in den Netzwerken passierte - wir waren immer direkt dabei und sendeten alles live. Es gab eine große Nachfrage nach freier Berichterstattung." Und genau dafür steht das Akronym "Ninja": für "Narrativas Independentes, Jornalismo e Ação", also für unabhängige Berichte, Journalismus und Aktion.

Rückständigkeit der brasilianischen Medienlandschaft

Demonstranten mit einem Plakat mit der Aufschrift Meine Partei ist mein Land (Foto: REUTERS/Junior Lago)

Die Ninjas - Berichterstattung aus der Mitte der Menschen

Eines der Ziele der "Ninjas" sei es, so Torturra, Informationen für die Bevölkerung bereitzustellen, wobei jeder selbst zum Medienvermittler werden könne. "Wir wollen die Welt der Nachrichten demokratisieren und dadurch die Menschen besser informieren. Der Journalismus muss überdacht und erneuert werden", sagt er, und spielt damit auf die großen Medienanstalten an, die in den Händen weniger Menschen liegen.

Rund zehn einflussreichen Unternehmerfamilien gehören über ihre Konzerne die wichtigsten Rundfunksender und Printmedien des Landes. Auch viele Politiker kontrollieren wichtige Massenmedien: Das alte Pressegesetz aus der Zeit der Militärdiktatur wurde zwar 2009 aufgehoben, doch eine Einigung über eine zeitgemäße Neufassung ist nicht in Sicht. Unterdessen erlauben Wahlgesetze und zusätzliche Bestimmungen Eingriffe in die Berichterstattung. Der Journalist und Soziologe Venício de Lima spricht in diesem Zusammenhang von einer "Rückständigkeit" seines Heimatlandes.

Im Januar dieses Jahres veröffentlichte die Organistaion Reporter ohne Grenzen (ROG) ihre Rangliste der Pressefreiheit: Brasilien landete auf Position 108 von 179. Das liege vor allem an der zunehmenden Gewalt gegenüber Journalisten, aber auch daran, dass Medienkonzentration und politische Einflussnahme noch immer einen unabhängigen Journalismus behindern würden, so ROG.

Eine alternative Berichterstattung

Die "Ninjas" bringen frischen Wind in die brasilianische Medienlandschaft, glaubt die Journalistin und Professorin für Medienwissenschaften, Sylvia Debossan Moretzsohn: "Die 'Ninjas' füllen eine Lücke, vor allem deshalb, weil sie die Straßenreportage wiederentdecken. Sie ist eine Form der Dokumentation der Realität. Gleichzeitig sprechen sie Aspekte an, die nicht zur Berichterstattung der traditionellen Medien gehören oder nur peripher vorkommen." Die traditionellen Medien seien "die Geiseln der offiziellen Quellen und Pressestellen. Sie recherchieren eben nicht dort, wo sie eigentlich sollten: auf der Straße."

Demonstranten fliehen vor der Polizei (Foto: REUTERS/Ricardo Moraes)

Demonstranten fliehen während des Weltjugendtags vor der Polizei

Der Soziologe Lima ist jedoch der Ansicht, dass die Reichweite der "Ninjas" überbewertet wird: "Eine Schätzung, die allerdings von Mitgliedern der Gruppe geäußert wurde, besagt, dass sie auf dem Höhepunkt der Proteste die Aufmerksamkeit Hunderttausender hatten." Lima wisse nicht, wie die Berechnung durchgeführt wurde. Zudem müssten diese Zahlen im brasilianischen Kontext gesehen werden. Sie sind also im Hinblick darauf zu betrachten, dass in Brasilien 193 Millionen Menschen leben, von denen nicht jeder einen Zugang zum Internet hat.

Für Sylvia Debossan Moretzsohn ist es wichtig, dass Gruppen wie die "Ninjas" einen Weg finden, distanziert zu berichten. "Es ist schwierig, wenn sie selbst die Protagonisten ihrer eigenen Beiträge sind. Sie müssen ihre Berichte bearbeiten, damit die Menschen sie verstehen." Torturra, der Leiter der "Ninjas", berichtete, die Gruppe würde diesbezüglich mittlerweile alles unternehmen, was möglich sei: Aufnahmen machen, aus denen Beiträge entstehen, die dann als fertiges Medienprodukt ins Netz gestellt werden und investigative Texte veröffentlichen. Am Wochenende (03./04.08.2013) will die Gruppe ihre eigene Internetseite freischalten.

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