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Amerika

Brasiliens Kampf gegen Sklavenarbeit

In Brasilien verlagert sich die extreme Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft zunehmend vom Land in die Stadt. 2013 wurden dort erstmals mehr Menschen aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit als auf dem Land.

"Früher kamen die meisten Anzeigen aus dem ländlichen Bereich", erinnert sich Ermittler Alexandre Lyra, Vorsitzender der Abteilung für Kontrolle und Bekämpfung von Sklavenarbeit im brasilianischen Arbeitsministerium (Detrae). "In den vergangenen fünf Jahren haben die Beschwerden in den Großstädten enorm zugenommen."

Insgesamt 2063 Personen wurden 2013 aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit, davon 1068 in Ballungsräumen. Dies geht aus dem jüngsten Bericht des brasilianischen Arbeitsministeriums (MTE) hervor, der Mitte Mai veröffentlicht wurde. Die meisten Opfer arbeiten im Baugewerbe.

Bei Kontrollen auf Baustellen wurden im vergangenen Jahr 849 Fälle von Sklavenarbeit aufgedeckt. In den Bereichen Landwirtschaft und Viehzucht waren es 618 Personen. Weitere 596 Personen wurden in "sonstigen" Wirtschaftszweigen wie der Textilbranche befreit.

Geschäft mit der Armut

Die bei offiziellen Kontrollen angetroffenen Zwangsarbeiter geben vermutlich nur einen minimalen Einblick in das große Geschäft mit der Armut. Nach Angaben des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Landesparlaments São Paulo gibt es allein in der Metropole rund 10.000

illegale Nähwerkstätten

mit 200.000 Arbeitern, darunter viele Zuwanderer aus Bolivien.

Sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse sind traditionell fester Bestandteil der brasilianischen Wirtschaft. Auf dem Land erstrecken sie sich vor allem auf die Herstellung von Holzkohle, Waldrodungen, Viehzucht und Sammelwirtschaft. In den Städten gehören Bauarbeiter, Näherinnen und Zwangsprostituierte zu den Opfern skrupelloser Arbeitgeber. "Vor einem Monat haben wir sogar elf Personen auf einem Kreuzfahrtschiff aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit", ergänzt Ermittler Alexandre Lyra.

Arbeit Flughafen Sao Paolo Brasilien sklavenähnliche Zustände (Foto: REUTERS/Paulo Whitaker)

Bei Kontrollen des brasilianischen Arbeitsministeriums wurden 2013 am Flughafen von Guarulhos in São Paulo 111 Bauarbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen vorgefunden

Seit 1995 geht die brasilianische Regierung systematisch gegen moderne Sklavenarbeit vor. Stärkere Kontrollen und wachsender öffentlicher Druck haben dazu geführt, dass die Zahl der Opfer kontinuierlich zurückgeht (siehe Grafik).

Vorreiter im

Kampf gegen Sklavenarbeit

ist der Bundesstaat São Paulo: 2013 verabschiedete das Landesparlament dort eine weltweit als Vorbild geltende Regelung, wonach Firmen für zehn Jahre ihre Betriebsgenehmigung verlieren, wenn ihnen in ihrer Wertschöpfungskette sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse nachgewiesen werden.

Lob von der Uno

"Brasilien ist ein Beispiel für die erfolgreiche Bekämpfung der Sklavenarbeit, es verfügt über starke Kontrollmechanismen", lobt Luiz Antonio Machado von der internationalen Arbeitsorganisation ILO. Machado koordiniert in Brasilien für die ILO das nationale Programm zur Bekämpfung von Zwangsarbeit. Für den Zuwachs bei sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen in den Metropolen macht Machado insbesondere die illegale Einwanderung verantwortlich.

Auch von der katholischen Kirche kommt Anerkennung. "Die Regierung strengt sich an, doch die Verdienste im Kampf gegen Sklavenarbeit gehen in erster Linie auf die sozialen Bewegungen zurück", sagt Enemésio Lazzaris, Bischof von Balsas im Bundesstaat Maranhão und Vorsitzender der Landpastorale CPT. "Die Leute lassen nicht nach. Sie üben permanent Druck auf die Regierung aus, damit sie ihre Arbeit macht."

Doch trotz aller Fortschritte verläuft der Kampf gegen moderne Sklaverei in Brasilien zäh. Nach Einschätzung von Experten ist eines der größten Hindernisse dabei das Gefühl der Straflosigkeit. Denn nach geltendem Recht verjähren Prozesse gegen sklavenähnliche Arbeitsbedingungen bereits nach zehn Jahren. "Brasiliens Justiz arbeitet langsam", sagt ILO-Koordinator Machado. "Wer nach zehn Jahren nicht bestraft worden ist, braucht nichts mehr zu befürchten."

Weitere Schwachpunkte sind mangelnde Aufklärung über die unterschiedlichen Formen von Zwangsarbeit sowie die Betreuung der befreiten Opfern. "In Brasilien mangelt es immer noch einem großen Teil der Bevölkerung an Zukunftschancen und Ausbildung. Viele glauben, sie haben keine andere Wahl und lassen sich von falschen Versprechungen verführen", weiß Ermittler Alexandre Lyra. Daran ändere sich auch nach einer Befreiung nichts.

Im brasilianischen Kongress stößt der Kampf gegen Sklavenarbeit sogar auf politischen Widerstand. Seit 15 Jahren hängt dort ein Gesetzesentwurf fest, der die Enteignung von Grundstücken vorsieht, auf denen Sklavenarbeit nachgewiesen wird. "Die Abgeordneten der Großgrundbesitzer-Fraktion bräuchten mal eine religiöse Unterweisung", meint Bischof Enemésio. "Sie belasten unserer Land."

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