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Amerika

Brasiliens Gefängnisse quellen über

Immer wieder kommt es in brasilianischen Gefängnissen zu blutigen Häftlingsrevolten. Die Haftanstalten sind überfüllt, weil viele Gefangene trotz verbüßter Strafe teils noch jahrelang eingesperrt bleiben.

Protestierende Gefängnisinsassen in Sao Paulo (Archivbild)

Häftlinge in Sao Paulo protetieren gegen unzumutbare Bedingungen hinter Gittern

Über 12.600 Häftlinge werden derzeit in brasilianischen Gefängnissen illegal festgehalten. Mit dieser Zahl ging der Präsident des Obersten Bundesgerichts, Gilmar Mendes, kürzlich an die Öffentlichkeit. Als Vorsitzender des Nationalrats für Justiz (CNJ) legte er eine Studie vor, der zufolge sich schlichtweg niemand um die Häftlinge kümmert - weder während der Haftzeit noch nach verbüßter Strafe. Von Resozialisierungsmaßnahmen könne keine Rede sein.

Vergessen hinter Gittern

Das hat Fabiane Sampaio aus Sao Paulo am eigenen Leib erfahren. Beim Versuch, Drogen in ein Gefängnis zu schmuggeln, wurde sie geschnappt und zu einer drakonischen Strafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Nach einem Jahr und neun Monaten Haft entschied ein Berufungsrichter, dass die 23-jährige Mutter einer kleinen Tochter genug gestraft sei und freigelassen werden sollte.

Überfüllte Gefängniszelle in Espirito Santo, Brasilien

Überfüllte Gefängniszelle in Espirito Santo, Brasilien


Das war im August 2008. "Doch rausgelassen haben sie mich erst im Januar. Ich war also fünf Monate zu lange im Gefängnis", erzählt die junge Frau. Sie sei von der Anstaltsbürokratie "einfach vergessen worden". Sie habe sich in einem Teufelskreis befunden. "Je mehr man protestiert, umso weniger kümmert man sich um den Betreffenden. Als ich drin war, konnte ich kein einziges Mal mit dem Gefängnisanwalt sprechen. Als ich mal einen Arzt brauchte, hat man den auch nicht gerufen."

Psychische Belastung

Eigentlich frei sein zu können mit der Aussicht, zur Familie zurückzukehren - stattdessen aber auf völlig unbestimmte Zeit, ohne irgendeine Information, weiter in einer überfüllten Zelle aushalten zu müssen, das verursacht psychischen Stress bei den Gefangenen, der sich auch auf die Mithäftlinge auswirkt. Fabiane Sampaio wird bis heute von den Erinnerungen an die unerträglichen Haftbedingungen heimgesucht. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich bin richtig wild geworden und habe revoltiert. Da drin ist es ja furchtbar dreckig. Wir haben uns die Zellen mit Ratten und riesigen Kakerlaken geteilt."

Sie selbst habe Glück gehabt, sagt sie heute rückblickend - sie hat "nur" fünf Monate zu lange hinter Gittern gesessen. Doch in vielen Fällen sitzen Häftlinge zwei oder drei Jahre im Gefängnis, bevor es überhaupt zu einem Verfahren und zu einem Urteil kommt. Doch nicht nur das Justizsystem vergisst die Häftlinge, sobald sich die Zellentüren hinter ihnen schließen. In den Haftanstalten ist die medizinische und soziale Betreuung äußerst dürftig, erzählt Fabiane Sampaio. "Als eine von uns ein Kind gekriegt hat, wurde nicht mal ein Arzt geholt. Sie hat auf dem Betonboden der Zelle entbunden, alles war voller Blut."

Mängel im Justizsystem

Auf die Haftentlassung sei sie in keiner Weise vorbereitet worden. Und außerhalb des Gefängnisses fand sie keine Anlaufstelle, die ihr bei der Wiedereingliederung half. Einen Job hat sie immer noch nicht gefunden. "Niemand gibt mir eine Chance, weil ich ja im Knast war." Wenigstens sonnabends und sonntags kann sie Werbung an Verkehrsampeln verteilen - das bringt pro Wochenende umgerechnet 13 Euro.

Die Kirche, die immer wieder die Lage in den Gefängnissen anprangert, engagiert sich über die bischöfliche Gefangenenseelsorge, die Pastoral Carceraria, für die Menschen hinter Gittern. Der Anwalt der Gefangenenseelsorge, Pedro Ferreira hat Fabiane Sampaio in der Haft betreut und sich für ihre Entlassung eingesetzt.

Pfarrer Valdir Silveira von der Gefängnis-Pastoral Sao Paulo mit Mitarbeitern

Die Gefängnis-Pastoral Sao Paulo bietet geistliche Unterstützung und berät Angehörigen von Häftlingen

Das größte Problem sei die unzureichende Ausstattung des Justizapparates. Es gebe zu wenige Richter und Anwälte. "Im Teilstaat Sao Paulo sind gerade einmal 30 öffentliche Verteidiger für 160.000 Gefangene zuständig." Richter und Staatsanwälte müssten laut Gesetz regelmäßig die Gefängnisse inspizieren. Doch Papier ist geduldig, niemand kontrolliert, ob die Inspektionen tatsächlich durchgeführt werden. "Und dann passiert es eben, dass Häftlinge vergessen werden. Deshalb sind die Gefängnisse völlig überfüllt", resümiert Anwalt Ferreira.

Kreislauf der Gewalt

Bis 2010 sollen alleine im Teilstaat Sao Paulo 49 weitere Haftanstalten errichtet werden, die dem Steuerzahler enorme Kosten aufbürden. Würde man stattdessen mehr öffentliche Verteidiger einstellen und Gefangene fristgemäß entlassen, brauchte man nicht einmal die Hälfte der vorgesehenen Anstalten zu bauen, so Pedro Ferreira. Zudem werden in Brasilien immer noch viele Menschen wegen Bagatelldelikten, etwa dem Diebstahl von Lebensmitteln im Supermarkt, gleich für mehrere Jahre eingesperrt.

"Die Gefängnisse werden zu Fabriken des Hasses und der Brutalität - zu Universitäten des Verbrechens. Das erzeugt immer schädlichere soziale Wirkungen. Höhere Strafen produzieren immer mehr Schwerkriminelle", diagnostiziert der Pastoralanwalt. Bis zu 70 Prozent der brasilianischen Häftlinge sind Wiederholungstäter. Es fehlen Programme zur Resozialisierung und Reintegration.

Aus Sicht der Gefangenenseelsorge ist ein völliges Umdenken in Justiz und Polizei, im gesamten Staatsapparat nötig. Zudem müsste eine breite gesellschaftliche Debatte über öffentliche Sicherheit und die zunehmende Gewaltkriminalität geführt werden. Nicht zufällig habe Brasiliens Bischofskonferenz die diesjährige Brüderlichkeitskampagne just diesem Thema gewidmet, betont Pastoralanwalt Ferreira. "Wir hoffen sehr auf diese Kampagne und haben landesweit, bis hinauf in die Regierung, Debatten gestartet. Wir kämpfen für die Humanisierung der Gefängnisse, damit die Gewalt zurückgeht."

Autor: Klaus Hart

Redaktion: Mirjam Gehrke

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