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Amerika

Brasiliens Blauhelme in schwieriger Mission

Seit zehn Jahren leitet Brasilien die UN-Friedensmissionen in Haiti unter großem Lob der Vereinten Nationen. Brasilien hat sich damit international profiliert. Dennoch sind die Einsätze im Land selbst umstritten.

Brasilien versteht sich eigentlich nicht als Interventionsmacht - und leitet doch zwei der wichtigsten Friedensmissionen der Vereinten Nationen (UN). Dabei kommt den derzeit 1700 brasilianischen Blauhelmen zugute, dass ihnen nicht, wie etwa vielen Europäern, die Aura einer ehemaligen Kolonialmacht anhaftet. "In Haiti hat sich gezeigt, dass sich viele unserer Soldaten stark mit den armen Menschen dort identifizieren, weil sie selbst aus ähnlichen sozialen Verhältnissen stammen", berichtet der brasilianische UN-General Carlos Alberto Santos Cruz, der fünf Jahre lang die Haiti-Mission befehligte, bevor er die aktuell größte UN-Mission im Kongo übernahm.

Rio de Janeiro Feier 10 Jahre Minustah UN in Haiti UN-Botschafter Edmond Mulet (Foto: DW/Marina Estarque)

Lobt das brasilianische Friedensengagement: UN-Diplomat Edmond Mulet

"Qualität, Professionalität und Umfang des Engagements der Truppen und Offiziere sind bewundernswert", lobte Edmond Mulet die Blauhelme Anfang Juni bei einer Feier in Rio de Janeiro zum 10. Jahrestag der "MINUSTAH"-Mission in Haiti. Mit einem eigenen Stil hätten die Brasilianer und ihre vornehmlich lateinamerikanischen Verbündeten nicht nur die Konflikte, sondern auch ihre Ursachen bekämpft, schwärmte Mulet, beigeordneter Generalsekretär für Friedenseinsätze der Vereinten Nationen, regelrecht.

Zweifelhafter Ruhm

Zu einer solch positiven Beurteilung kommen durchaus nicht alle Beobachter. Omar Ribeiro Thomaz, Haiti-Spezialist der brasilianischen Universität Unicamp in Campinas, meint, die Mission sei eher eine Werbefläche für die Spendernationen. Von einem brasilianischen Stil könne kaum die Rede sein. Die Dominanz regionaler Blauhelme in Friedensmissionen sei eine UN-Idee der 90er-Jahre. Die Mission in Haiti habe sich vor allem durch übertriebene Gewalt ausgezeichnet, obwohl dort nicht einmal Krieg geherrscht habe: "Selbst nach dem Ende der gewaltsam verlaufenen politischen Krise, hat die MINUSTAH-Mission ihren kriegerischen Charakter behalten, obwohl die Situation unter Kontrolle war", kritisiert Anthropologe Thomaz.

Carlos Alberto dos Santos Cruz MONUSCO (Foto: Dirke Köpp)

Unzufrieden mit der Friedensstrategie: der brasilianische UN-Befehlshaber Carlos Alberto dos Santos Cruz

Die verantwortlichen Militärs wehren sich gegen solche Vorwürfe: "Das sind pauschale Behauptungen, die mitunter politisch motiviert sind. Wir konnten die marodierenden Gangs so schnell zerschlagen, gerade weil wir sehr entschlossen vorgegangen sind", sagt General Santos Cruz.

Kritische Militärs

Doch der Militär übt selbst Kritik an der UN-Strategie: "In sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht hat sich in Haiti nichts geändert. Immer noch gehen 50 Prozent der Kinder nicht zur Schule." Die Aktivitäten der UN müssten demnach über reine Sicherheitsaspekte hinaus gehen.

Auch der erste UN-Kommandant der Haiti-Mission, der Brasilianer Augusto Heleno Ribeiro Pereira, fordert ein Mandat für humanitäre Hilfe: "Die UN müssten eine Abteilung für Sozialprojekte haben, die mithilfe der Spenden unmittelbar die Lebenssituation der Betroffenen verbessert."

In Brasilien seien die Friedenseinsätze allgemein umstritten, auch weil sich das Land eigentlich nicht als Interventionsmacht versteht, meint der deutsche Politikforscher Kai Kenkel von der Katholischen PUC-Universität in Rio de Janeiro: "Aber wenn Brasilien mehr Einfluss will, muss es auch mehr Verantwortung übernehmen."

Traum vom ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat

Ursprünglich sollte das Engagement in Haiti, das am 1. Juni 2004 begann, Brasiliens Anspruch auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat untermauern. Tatsächlich gelang es Ex-Präsident Lula da Silva - nicht zuletzt durch zahlreiche Staatsbesuche während seiner Amtszeit von 2003 bis 2010 - Brasiliens Rolle auf dem internationalen Parkett deutlich zu stärken.

Brasilien Lula in Afrika (Foto: Ricardo Stuckert)

Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva auf Staatsbesuch in Angola

Vor allem afrikanische Länder sehen Brasilien als Verbündeten gegen den "Imperialismus" der Industriestaaten an. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Wahl des Vorsitzenden der Welthandelsorganisation WTO im vergangenen Jahr, als der Brasilianer Roberto Azevedo auch dank vieler afrikanischer Stimmen die Nase vorn hatte.

Schwindender Einfluss

Die aktuelle Staatspräsidentin Dilma Rousseff verlagerte den Fokus ihrer Politik zurück ins Inland. Zuletzt entsandte sie ihren Außenminister weder zur Syrien-Konferenz nach Genf, noch zur Münchner Sicherheitskonferenz. Dass der Weg in den New-Yorker-Sicherheitsrat nicht über Haiti führen würde, zeichnet sich bereits seit Längerem ab. Selbst brasilianische Diplomaten, wie der ehemalige Haiti-Botschafter Paulo Cordeiro de Andrade Pinto, halten diesen Anspruch für "Unsinn": "Dafür sind wir nicht aktiv genug in der Welt."

Omar Ribeiro Thomaz wird noch deutlicher: Anders als UN-Diplomat Mulet bei der Feier in Rio behauptet hat, habe Brasilien es nicht einmal geschafft, den Friedensmissionen einen brasilianischen Stempel aufzudrücken, meint der Politologe. "Brasilien ist ziemlich unprofessionell. Und die UN haben ihre festen Modelle, jeder Innovationsversuch wird abgewiesen." Um bis in den Sicherheitsrat vorzudringen, muss man etwas mehr Aufwand betreiben, als ein paar Friedensmissionen anzuführen.

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