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Wirtschaft

Brasilien lässt die Krise hinter sich

Brasilien hat die globale Wirtschaftskrise gut verdaut - dank massiver Konjunkturprogramme der Regierung Lula. Im nächsten Jahr soll die Wirtschaft schon wieder um 4,5 bis fünf Prozent wachsen.

Die brasilianische Nationalflagge (Foto: Jürgen Sorges)

"Ordem e progresso" - Ordnung und Fortschritt lautet die Inschrift der brasilianischen Nationalflagge

Ursprünglich hatte Brasiliens Regierung gehofft, die globale Wirtschaftskrise würde einen großen Bogen um das größte Land Lateinamerikas machen und lediglich das Wachstumstempo von zuletzt fast sechs Prozent abbremsen. Aber dann verteuerten sich die Kredite, stagnierte der Export, knickten Schlüsselindustrien ein. Die Regierung reagierte schnell - und richtig: Sie senkte die Zinsen, pumpte Milliarden in den Finanzmarkt, heizte den privaten Konsum mit Subventionen und Steuergeschenken an und legte ein milliardenschweres Wohnungsbauprogramm auf.

Tatsächlich springt die Konjunktur wieder an. Im September meldete das staatliche Statistikamt erstmals seit Monaten wieder schwarze Zahlen: Im zweiten Quartal ist Brasiliens Wirtschaft um 1,9 Prozent gewachsen. Ende 2008 waren es noch minus 3,4 Prozent, im ersten Quartal minus ein Prozent. Triebfeder des Aufwärtstrends sei vor allem der private Konsum, meint Rebeca Palis, Direktorin des Statistikamtes: "Das anhaltende reale Wachstum der Einkommen, die Kreditvergabe an Privatpersonen und dazu noch die Steuersenkungen, die die Regierung beschlossen hat - das alles hat den Konsum positiv und direkt beeinflusst."

Expansive Finanz- und Steuerpolitik

Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (Foto: AP)

In der Krise richtig reagiert: Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva

Auch Patrik Carvalho, Vertreter der Industrievereinigung von Rio de Janeiro, ist zufrieden mit den wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Regirung von Präsident Lula: "Strukturell gesehen steht Brasilien sehr gut da, wächst stetig in nachhaltiger Form. Und wir merken, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte Finanz- und Steuerpolitik einsetzen können, also die Zinsen senken, Subventionen vergeben und Steuererleichterungen durchführen können. Dies hat generell gesehen einen positiven Anstoß für die brasilianische Wirtschaft gegeben."

Derzeit steht Brasilien besser da als jedes andere Land Lateinamerikas: Die Industrie wächst, die Dienstleistungen ziehen an, die Exporte übersteigen wieder die Importe, Die Armen von gestern sind die Kunden von heute für Firmen wie der größten brasilianischen Einzelhandelskette Casas Bahia. Sie bescheren mit ihrem Konsum den Unternehmen des Landes kräftige Gewinne. Dank vieler Sozialprogramme sind gut zwölf Millionen Brasilianer in den letzten fünf Jahren in die untere Mittelschicht aufgestiegen. Die Hoffnungen der Brasilianer beruhen vor allem auf sich selbst, auf einen Binnenmarkt mit 190 Millionen Menschen. Die Wirtschaftsleistung soll 2010 um 4,5 bis fünf Prozent steigen. Und die Investitionen liegen auf Rekordniveau.

"Brasilien wird unterschätzt"

Ein Pkw vom Typ VW-GOL (Foto: dpa)

Volkswagen do Brazil ist einer der größten Arbeitgeber des Landes

Davon profitieren auch deutsche Unternehmen. Über 1000 deutsche Firmen gibt es in Brasilien, gemeinsam beschäftigen sie 250.000 Menschen. Volkswagen in São Paulo beispielsweise ist einer der größten Arbeitgeber des Landes. Hinzu kommt, dass das Schwellenland Brasilien seine Hausaufgaben gemacht hat: Denn das Bankensystem ist robust, die Beschäftigung steigt, die Inflation ist unter Kontrolle und die Währung, der brasilianische Real, ist seit langem stark und stabil. Rolf-Dieter Acker von der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer hält Brasilien nach wie vor für ein unterschätztes Land. "Dabei hat Brasilien einen hohen technologischen Standard, verfügt aber auch über sehr viele natürliche Ressourcen und ist vergleichsweise gut gerüstet, um eine Krise zu überstehen."

Auch Peter Rösler vom deutschen Lateinamerika-Verein in Hamburg glaubt, dass Brasilien für deutsche Unternehmen ein Land der Zukunft ist. "Brasilein ist unterwegs von einem Schwellenland zu einem Industrieland", meint er - und deshalb werde der Warenaustausch zwischen Deutschland und Brasilien weiter zunehmen. In der Rangfolge der deutschen Handelspartner ist Brasilien zwar nicht unter den Ersten zu finden, allerdings wächst der Handel mit dem größten südamerikanischen Land. In den letzen zehn Jahren hat sich das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern mehr als verdoppelt, von 8,4 Milliarden Euro 1998 auf 18 Milliarden im Jahr 2008.

Börsenhändler in Sao Paolo (Foto: AP)

Die Kurse an der Börse in Sao Paolo haben längst wieder Vorkrisenniveau erreicht

Damit ist Brasilien der achtgrößte Handelspartner Deutschlands außerhalb der EU und der wichtigste in Lateinamerika - mit deutlichem Abstand vor Mexiko. Aus brasilianischer Sicht gehört Deutschland bereits jetzt zu den wichtigsten Handelspartnern. Nach Daten des brasilianischen Handelsministeriums war Deutschland im Jahr 2008 der fünftgrößte Abnehmer brasilianischer Exporte und der viertwichtigste Lieferant von Importen. Die Deutschen kaufen in Brasilien vor allem Eisenerz, Kaffee und Soja. Brasiliens Importe aus Deutschland stiegen noch stärker, um fast 39 Prozent. Sie erreichten zwölf Milliarden Dollar. Vor allem deutsche Maschinen, Chemie- und Elektrotechnikprodukte erfreuten sich großer Nachfrage.

Autoren: Carsten Thurau, Gottfried Stein, Alexandre Schossler
Redaktion: Rolf Wenkel

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