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Politik & Gesellschaft

Brasilien kämpft mit den Folgen der Ölpest

Mindestens zwei Wochen soll Öl ins Meer vor Brasilien geflossen sein, nun ist das Leck laut Chevron geschlossen. Das schuldige US-Unternehmen muss eine Millionenstrafe zahlen und darf erstmal nicht mehr nach Öl bohren.

Ölteppich vor der Küste Brasiliens (Foto: AP)

Ölteppich vor der Küste Brasiliens

Die brasilianischen Behörden haben Chevron vorübergehend die Bohrlizenz auf brasilianischem Territorium entzogen. Diese Maßnahme gelte so lange, bis die Ursache für den Ölaustritt bei der Probebohrung am 7. November vollständig geklärt sei, teilte die Nationale Erdölagentur ANP am Mittwoch (23.11.2011) in Rio de Janeiro mit.

Bereits zwei Tage vorher hatten ANP und die brasilianische Umweltbehörde IBAMA Chevron zu einer ersten Strafzahlung von 50 Millionen Reais (20,5 Millionen Euro) verpflichtet. Wie der IBAMA-Vorsitzende Curt Trennepohl mitteilte, ist das die höchstmögliche Strafe, die die Umweltbehörde laut brasilianischem Gesetz ausssprechen kann. Die nationale Erdölagentur ANP hat ihrerseits ebenfalls zwei Strafen in derselben Höhe angedroht, zum einen weil der Konzern zu spät und unzureichend über das Ölleck informiert habe. Zum anderen weil Chevron nicht über die notwendigen technischen Voraussetzungen verfügt habe, um den Ölaustritt sofort zu stoppen. Insgesamt könnte der Konzern zur Zahlung von weiteren 40 Millionen Euro verurteilt werden.

Strafe ohne Wirkung

Offshore-Ölförderung vor der brasilianischen Küste (Foto: AP)

Offshore-Ölförderung: Brasilien bohrt vor der Küste von Rio de Janeiro...

Umweltschützer halten diese Strafe für viel zu niedrig. "Davon lässt sich Chevron überhaut nicht beeindrucken, diese Summen kann der Konzern leicht wegstecken", sagt Kay Britt von Greenpeace Deutschland im Interview mit DW-WORLD.de. Das US-Unternehmen erzielte im zweiten Quartal 2011 einen Gewinn von 7,7 Milliarden Dollar.

Zwar haben die brasilianischen Behörden den rechtlichen Rahmen voll ausgeschöpft, aber die im Umweltgesetz festgelegten Summen stammen aus dem Jahr 1998. Unter Berücksichtigung der Inflation müssten sie heute bei jeweils 47 Millionen Euro liegen. Strafen in dieser Größenordnung vermitteln den Eindruck, dass sich Umweltzerstörung lohne, so die brasilianische Biologin und Greenpeace-Klimaexpertin Leandra Gonçalves im Gespräch mit DW-WORLD.de. "Für den drittgrößten Erdölkonzern der Welt ist eine Strafe von 20,5 Millionen Euro sehr wenig. Das erwirtschaftet das Unternehmen innerhalb von einer Stunde", so Gonçalves.

Aus der Katastrophe im Golf von Mexiko gelernt?

Chevron kann gegen die verhängten Strafen noch Berufung einlegen. Der Konzern hatte am Wochenende (20.11.2011) die "volle Verantwortung für den Unfall" übernommen. "Wir verpflichten uns, alles verfügbaren Mittel einzusetzen bis der Ölteppich nicht mehr nachweisbar ist", heißt es in einer Pressemitteilung von Chevron. Das Ölleck war am 7. November entdeckt worden, aus Rissen im Gestein in der Umgebung des Bohrlochs war auf einer Länge von 400 Metern Öl ausgetreten. "Chevron hat sich erwischen lassen", urteilt Greenpeace-Projektmanager Kai Britt, "und jetzt müssen sie reagieren. Man hat natürlich aus der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gelernt." Die Angaben über die Menge des ausgetretenen Öls würden heruntergespielt.

Die Informationen zur Lage vor der brasilianischen Küste sind widersprüchlich: Nach Chevron-Angaben sollen 2400 Barrel Öl in den Ozean geflossen sein. Das Bohrloch sei inzwischen abgedichtet, neues Öl trete nicht aus, teilte der Ländermanager des Konzerns, George Buck, mit. Die Regierung schätzt die Menge bislang insgesamt auf über 5000 Barrel. Angesichts der Größe des Ölteppichs, der derzeit immer noch etwa zwei Quadratkilometer groß ist, geht die US-Umweltorganisation Skytruth sogar von bis zu 15.000 Barrel ausgelaufenem Öl aus. Bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko waren täglich rund 3000 Barrel Öl ins Meer gelaufen.

Unabsehbare Langzeitfolgen

Havarierte Plattform der staatlichen Petrobras vor der Küste von Brasilien (Foto: O Globo)

... nicht immer unfallfrei, vor zehn Jahren versank eine Plattform im Meer

Das volle Ausmaß der möglichen Umweltschäden lässt sich derzeit nicht abschätzen, gibt Kay Britt zu bedenken. "Das Problem ist die Langzeitwirkung. Was passiert, wenn das Öl doch an Land angeschwemmt wird? Man müsste jetzt einen sogenannten Fingerprint von dem Öl nehmen. Damit kann man auch Jahre später noch die Herkunft von Öl nachweisen, wenn es an der Küste auftaucht." Im Golf von Mexiko habe Greenpeace diese "genetischen Fingerabdrücke" des ausgelaufenen Öls genommen. Damit könne man auch in Zukunft die Kosten für die Reinigung und Beseitigung von Ölverschmutzungen von den verantwortlichen Konzernen zurückverlangen.

Doch viele Schäden sind mit Geld nicht zu reparieren, gibt Leandra Gonçalves zu bedenken. "Im Golf von Mexiko beobachten wir, dass sich über ein Jahr nach der Katastrophe erst zehn Prozent der geschädigten Ökosysteme wieder erholt haben. Daraus lässt sich ableiten, dass auch Brasilien lange mit den Folgen der Schäden zu tun haben wird, die Chevron verursacht hat." Die Region, in der Chevron in 1200 Metern Tiefe Probebohrungen durchgeführt hat, ist nach Angaben des Umweltsekretärs von Rio de Janeiro, Carlos Minc, nicht nur für den Fischfang wichtig, auch sei sie Lebensraum der Buckelwale, Zügeldelfine und großen Tümmlern.

"Chevron setzt jetzt Dispersionsmittel ein, um den Ölteppich aufzulösen. Man will die Bilder nicht in den Medien haben", kommentiert Kai Britt das Vorgehen des Ölkonzerns – und warnt vor den Langzeitfolgen für den Menschen, der am Ende der Nahrungskette stehe: "Öl ist toxisch und krebserregend. Das Öl sinkt auf den Meeresgrund und vergiftet Boden, Pflanzen und Tiere. Und irgendwann landet es dann auf unserem Teller."

Brasiliens Reserven

Luftaufnahmen von dem Ölteppich vor der brasiliansichen Küste (Foto: AP)

Drei Kilometer lang und 800 Meter breit soll der Ölteppich inzwischen sein

Leandra Gonçalves macht sich Sorgen um die Verzögerung, mit der Chevron den Ölunfall gemeldet und das Leck abgedichtet hat. "Das zeigt, wie wenig das Unternehmen auf solche Pannen vorbereitet war. Es mangelt an der nötigen Infrastruktur und an Notfallplänen und beweist auch die Gleichgültigkeit der brasilianischen Regierung, die nicht rechtzeitig gehandelt hat und die als verlässlicher Partner für die Zivilgesellschaft versagt hat."

Das staatliche brasilianische Erölunternehmen Petrobras ist mit 30 Prozent an dem jetzt in die Schlagzeilen gelangten Ölfeld Frade beteiligt, Chevron hält 51,7 Prozent der Anteile. Die Förderkapazität liegt bei 79.000 Barrel täglich.

Vor der brasilianischen Küste waren in den vergangenen Jahren immer wieder große Ölvorkommen entdeckt worden, die aber in mehreren Kilometern Tiefe unter einer Salzdecke liegen. Für Kay Britt von Greenpeace Deutschland ist es unverantwortlich, immer tiefer unter dem Meer nach Öl zu bohren. "Es ist zu gefährlich, da zu bohren, wo der Mensch physikalisch nicht hinkommt. Die Arbeit wird von Robotern ausgeführt, das ist zwar ein Kostenanreiz. Aber man ist technisch nicht in der Lage, im Notfall angemessen zu reagieren." Doch nicht allein wegen möglicher Öl-Katastrophen fordert Greenpeace die sofortige Einstellung von Tiefseebohrungen. "Wenn wir alles Öl fördern würden, das zurzeit verfügbar ist, würde die Erde vor dem Klimakollaps stehen", warnt Kai Britt.

Autorin: Mirjam Gehrke/Ericka Galindo

Redaktion: Alexandre Schossler

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