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Welt

Brasilien drängt auf chinesischen Markt

Brasilien will vermehrt Industrieprodukte nach China ausführen und die eigene Abhängigkeit von Rohstoff-Exporten reduzieren. Präsidentin Rousseff führt im Vorfeld des BRIC-Gipfels Gespräche in Peking.

Dilma Rousseff, presidential candidate for the Workers Party, gestures after voting during Brazil's presidential election runoff in Porto Alegre, Brazil, Sunday, Oct. 31, 2010. (AP Photo/Felipe Dana)

Mit großem politischen Selbstbewusstsein tritt Dilma Rousseff ihre China-Reise an

Einhundert Tage nach ihrem Amtsantritt beginnt die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff an diesem Montag (11.04.2011) einen zweitägigen Staatsbesuch in Peking. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen Wirtschaftsfragen. Beide Länder wollen ihre Handelsbeziehungen weiter ausbauen. Brasilien geht selbstbewusst und mit klaren Forderungen in die entsprechenden Verhandlungen. Gegenüber der Presse betonte ein Sprecher der Präsidentin im Vorfeld des Besuchs, Brasilien strebe "einen Ausbau der Handelsbeziehungen" an sowie "einen besseren Marktzugang für brasilianische Produkte in China." Darüber hinaus könnten brasilianische Unternehmen eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas spielen.

Die brasilianische Industrie hofft auf Impulse durch Geschäfte mit China (Foto: AP)

Brasilien will die eigene Industrie über Nachfrage aus dem Ausland modernisieren

Brasilien und China unterhalten seit 1974 diplomatische Beziehungen, deren Ausbau und Vertiefung kürzlich in einem "Gemeinsamen Aktionsplan" für den Zeitraum von 2010 bis 2014 festgeschrieben worden ist. "Grundlage für die guten Beziehung zwischen beiden Ländern ist die wirtschaftliche Partnerschaft, vor allem seit China 2009 zum wichtigsten Handelspartner Brasiliens aufgestiegen ist und auch als Investor zunehmend an Bedeutung gewinnt", erklärt der brasilianische Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen Argemiro Procópio gegenüber DW-WORLD.DE.

Doch die Beziehungen "entwickeln sich in äußert traditionellen Muster", bedauert Procopio. "Wir sind große Rohstoffexporteure, unsere Hauptprodukte sind Getreide und Mineralien. Wir importieren hingegen Industrieprodukte. Das ist gewissermaßen die Fortsetzung von historisch gewachsenen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, die für Brasilien nicht zukunftsweisend sind." Voraussetzung für den Aufbau einer langfristig angelegten strategischen Partnerschaft ist Procopio zufolge "die Öffnung des chinesischen Marktes auch für industrielle Produkte aus Brasilien".

Wachsende Handelsbeziehungen

Soja-Plantage in Brasilien - das Land ist der größte Soja-Exporteur der Welt (Foto: AP)

Brasilien ist der weltgrößte Sojaproduzent und -exporteur

In den vergangenen zehn Jahren ist der Warenaustausch zwischen China und Brasilien fast um das 25-fache gestiegen, von 2,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2000 auf 56,4 Milliarden US-Dollar in 2010. Das geht aus Statistiken des brasilianischen Außenministeriums hervor. Und nach Angaben des Brasilianisch-Chinesischen Wirtschaftsrates (CEBC) beliefen sich die chinesischen Direktinvestitionen in Brasilien auf über 13 Milliarden US-Dollar. Am stärkten hat davon der Energiesektor profitiert, vor allem Erdöl- und Erdgasfirmen, aber auch der Bergbau und die Schwerindustrie.

Im gleichen Zeitraum ist der Gesamtwert der brasilianischen Importe aus China von einer Milliarde US-Dollar auf 25 Milliarden gestiegen. Allein im vergangenen Jahr hat Brasilien Waren im Gesamtwert von fast 31 Milliarden Dollar nach China exportiert – eine Steigerung von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rohstoffe wie Sojabohnen oder Eisenerz machen zwei Drittel der Ausfuhren aus.

Der CEBC-Analyst Edison Renato hat auf chinesischer Seite die Tendenz ausgemacht, die Rohstoff-Importe aus Brasilien auf hohem Niveau zu stabilisieren, bzw. weiter auszubauen. "Das konterkariert jedoch das Ziel der brasilianischen Industrie zunehmend Fertigprodukte zu exportieren", stellt Renato fest.

Eisenerz aus Südamerika wird in einem chinesischen Hafen gelöscht (Foto: AP)

Chinas Industrie ist auf Rohstoff-Importe wie z. B. Eisenerz, angewiesen

China macht sich Gedanken um ein koordiniertes und nachhaltig gesteuertes Wachstum – das geht Renato zufolge aus dem im März durch den chinesischen Volkskongress beschlossenen Fünf-Jahres-Plan hervor. Darin ist bis 2015 ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich sieben Prozent vorgesehen, mit einem klaren Schwerpunkt auf der wirtschaftlichen Umstrukturierung und der Förderung von kleinen und mittleren Hochtechnologie-Unternehmen. Der brasilianische Analyst schätzt, dass es diese Vorgaben für brasilianische Industrieprodukte "unvergleichlich schwer machen werden, auf den chinesischen Markt zu gelangen."

"Brasilien muss sich auf China als neue wirtschaftliche Weltmacht einstellen", forderte Edison Renato, der der Regierung von Dilma Rousseff gleichzeitig empfiehlt, "die industriepolitischen Fehler der Vergangenheit zu korrigieren." Die Ansätze zur wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung "haben nicht dazu geführt, dass Brasilien heute international konkurrenzfähig ist", so Renatos ernüchternde Bilanz.

Dilma Rousseffs China-Agenda

Karte der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

China ist das wirtschaftliche Schwergewicht in der BRIC-Gruppe

Am Dienstag (12.04.2011) wird die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff von ihrem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao in Peking empfangen. Auf der Tagesordnung stehen Gespräche über die strategische Partnerschaft zwischen beiden Ländern, sowie die Unterzeichnung mehrer bilateraler Abkommen zur Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Verteidigung, Landwirtschaft, Energie, Bildung und Sport.

Bevor Rousseff am Mittwochabend von Peking nach ins südchinesische Sanya weiter reist, wo sie am Treffen der BRICS-Gruppe teilnimmt, wird die brasilianische Staatschefin noch mit dem Parlamentspräsidenten Wu Bangguo sowie mit Premierminister Wen Jiabao zusammentreffen. Die Einberufung des sogenannten "Brics"-Gipfels (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) unterstreicht die zunehmende Führungsrolle Chinas unter den wirtschaftlich aufstrebenden Staaten. Konkrete Ergebnisse wurden von Beobachtern nicht erwartet.

Autorin: Ericka de Sá

Redaktion: Roselaine Wandscheer/ Mirjam Gehrke

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