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Amerika

Brasilien: Diagnose Frauenfeindlichkeit

Die Massenvergewaltigung einer 16-Jährigen hat in Brasilien Proteste in mehreren Städten ausgelöst. Für die Demonstranten ist das Verbrechen kein Einzelfall, sondern ein Symptom der Machokultur.

Paloma Oliveira hatte noch nie einen Protest organisiert. Dann rief die 24-jährige Studentin auf Facebook zu einer Demonstration gegen Vergewaltigungen auf. Zunächst ging die Einladung nur an ihre privaten Kontakte. Doch dann kursierten

Mitte vergangener Woche

im Internet Bilder vom nackten Körper der 16-jährigen Brasilianerin, die in Rio de Janeiro Opfer einer Massenvergewaltigung geworden ist.

Ein Video zeigt die bewusstlose Teenagerin, eine Stimme im Hintergrund verkündet, sie sei von mehr als 30 Männern vergewaltigt worden. Sie sei so schockiert gewesen, erzählt Oliveira, dass sie sich das Video gar nicht richtig hätte ansehen können. Vor allem aber wollte sie nun endlich etwas tun. Und damit war sie offenbar nicht alleine. Denn binnen weniger Stunden, wurde ihre - ursprünglich private - Einladung tausendfach geteilt.

Stunden darauf füllte eine Menschenmenge die Stufen zum Palácio Tiradente - dem Sitz des Landesparlaments von Rio de Janeiro. Unter den Transparenten der Demonstranten - Frauen wie Männer - waren Botschaften zu lesen wie: "Wer sich mit einer anlegt, legt sich mit allen an" und "Es waren 33 gegen uns alle."

Paloma Oliveira (Foto: DW/D. Bowater)

Die Studentin Paloma Oliveria will, dass mehr über die Frauenfeindlichkeit in Brasilien gesprochen wird

Das war vergangenen Freitag. Seither hat es noch weitaus größere Proteste in verschiedenen brasilianischen Städten gegen Frauenfeindlichkeit gegeben. Am Mittwoch versammelten sich allein im Zentrum von Rio de Janeiro 2000 Frauen.

Tägliche Gewalt anprangern

Die Studentin Oliveira ist überzeugt davon, dass die Massenvergewaltigung in Rio für viele Brasilianer kein isoliertes Ereignis ist, sondern die allgemeine Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft widerspiegelt. Auch sie habe schon Gewalt von eigenen Angehörigen erlitten.

Wie sie selbst nähmen viele Frauen das Verbrechen in Rio nun zum Anlass, endlich die Gewalt anzuprangern, die ihnen täglich entgegenschlägt: "Wir alle wissen, dass wir auf die eine oder andere Art Opfer von Missbrauch sind. Aber wir sprechen nicht darüber, weil es normal geworden ist. Aber je mehr wir darüber sprechen und unser Leid teilen, um so besser wird es."

Brasilien Protest gegen Vergewaltigung (Foto: DW/D. Bowater)

"Nein heißt nein" - Proteste vor dem Landesparlament in Rio de Janeiro

Eine Statistik der Nicht-Regierungsorganisation "Brasilianisches Forum für Öffentliche Sicherheit" geht davon aus, dass in Brasilien durchschnittlich alle zehn Minuten eine Frau vergewaltigt wird. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, da geschätzt nur 35 Prozent der Übergriffe angezeigt werden.

Umkehrung der Schuldfrage

Der aktuelle Fall zeigt zudem, wie Opfer von Vergewaltigungen

selbst für die Tat verantwortlich

gemacht werden: Obwohl Video- und Fotoaufzeichnungen die Vergewaltigung der bewusstlosen 16-Jährigen dokumentieren, wurde ihre Opferrolle im Internet infrage gestellt: Sie sei eben eine Gangsterbraut, die regelmäßig Sex gegen Drogen anbiete.

Sogar der Polizist, der zunächst die Ermittlungen leitete, äußerte öffentlich, es bestehe die Möglichkeit, dass es sich um einen einvernehmlichen Akt gehandelt habe. Erst auf öffentlichen Druck entzog ihm der Polizeipräsident den Fall. Fast eine Woche nach Auftauchen der Videos erklärte die neue Ermittlungsleiterin Cristiana Bento, die Aufnahmen belegten, dass es sich um eine kollektive Vergewaltigung gehandelt habe.

Brasilien Protest gegen Vergewaltigung (Foto: DW/D. Bowater)

"Frauen sind keine Löcher, sondern Menschen"

Bisher hat die Polizei

sieben Verdächtige identifiziert

. Zwei von ihnen stehen unter Arrest, die anderen wurden nach ihrer Befragung wieder entlassen. Das Opfer selbst gab am Sonntag ein anonymes Fernsehinterview, in dem sie ihr Mitgefühl für Frauen aussprach, die sich nicht trauen, über erlittene Übergriffe zu sprechen. Offenbar hat auch sie selbst Angst vor Repressalien. Denn nach Aussagen von Ermittlerin Bento will sie nicht mehr mit der Polizei sprechen.

"Vergewaltigungskultur" in Brasilien

Allein der anfängliche Umgang mit dem Fall lasse tief blicken, sagen die Rechtsanwälte Simone Quirino und Lucas Sada. Denn zunächst habe sich nur die Abteilung für Straftaten im Internet mit dem Fall beschäftigt - und keine Spezialisten für traumatisierte Opfer: "Es ist vollkommen klar, dass es keinen angemessenen Umgang gab, um das Opfer vor weiterer Traumatisierung zu schützen."

Dennoch, betonen die Menschenrechtsanwälte, seien übereilte Verhaftungen und Vorverurteilungen von Verdächtigen nicht hilfreich, um das grundlegende Problem hinter der "Vergewaltigungskultur" in Brasilien anzugehen: "Die Idee, ein Vergewaltiger sei kein Mensch, sondern ein Monster, ist recht angenehm. Das wirkt wie eine Mauer, die uns von den Vergewaltigern und ihrer Kultur trennt."

Aber genau das dürfe nicht passieren, fordern Quirino und Sada: "Arme, schwarze Frauen sind besonders gefährdet, aber die Gewalt gegen Frauen betrifft in Brasilien alle Bereiche, Orte und sozialen Klassen."

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