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Amerika

Brasilianischer Blick auf die Wahl

Auch in Deutschland sind in diesem Jahr Wahlbeobachter im Einsatz. 19 Wissenschaftler aus 18 Ländern fahren vor der Bundestagswahl quer durch die Republik. Mit dabei: Ein Brasilianer.

Marcos Nobre und ein Kollege an einem Wahlkampfstand der Grünen in Mannheim (Foto: dw)

Marcos Nobre (li) und ein Kollege an einem Wahlkampfstand der Grünen in Mannheim

Wahlkampf in Deutschland. Auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Mannheimer Hauptbahnhof steht eine kleine Bühne. Die Jugendorganisation der Gewerkschaft Verdi hat zur Podiumsdiskussion eingeladen. Gekommen sind die Mannheimer Direktkandidaten der Grünen, der SPD und der Linken. Im Publikum sitzen viele junge Wähler.

Ausländische Analyse

Auch der Brasilianer Marcos Nobre hat auf einer der wackeligen Bierbänke Platz genommen. Der Philosophieprofessor reist derzeit quer durch die Republik. Er ist einer von 19 Deutschlandexperten, die auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) die Bundestagswahl beobachten. Die Wissenschaftler aus 18 verschiedenen Ländern haben alle bereits in oder über Deutschland geforscht. In dieser Woche führen sie Gespräche mit Wirtschaftsvertretern, analysieren Streitgespräche der Spitzenkandidaten, lassen sich die Wahlkampfstrategien der Parteien erklären und besuchen Medienhäuser.

Neue Ideen fürs System

Ndidi Nnoli-Edozien und Makato Ida bei einer Podiumsdiskussion vor dem Mannheimer Hauptbahnhof (Foto: dw)

Ndidi Nnoli-Edozien und Makato Ida bei einer Podiumsdiskussion vor dem Mannheimer Hauptbahnhof

Nobre interessiert sich vor allem dafür, wie kleinere Programmparteien zur Öffnung des politischen Systems beitragen können. In Brasilien gebe es seit den neunziger Jahren zwar eine stabile Mitte, die das Land führe. Das politische System, so Nobre, verschließe sich jedoch gegenüber neuen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen. In Deutschland könne man hingegen beobachten, wie soziale Bewegungen und Programmparteien neue Themen in die politische Diskussion einbringen.

Der brasilianische Professor hofft auf vergleichbare Prozesse in seinem Land. Die grüne Politikerin Marina Silva könne dazu beitragen, glaubt er. Mit einem Umweltschutzprogramm bewirbt sie sich um das brasilianische Präsidentschaftsamt. Dass sie gewinnt, sagt Nobre, sei dabei gar nicht wichtig. Wichtig sei vielmehr, dass durch die Kandidatur neue Probleme in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Die Wähler für Politik begeistern

Ndidi Nnoli-Edozien (Foto: dw)

Ndidi Nnoli-Edozien will mehr Kreativität in der Politik

Im Gegensatz zu Brasilien gehören die Grünen in Deutschland längst zu den etablierten Parteien. Vor einem Bio-Supermarkt in Mannheim haben sie einen Wahlkampfstand aufgebaut. Der grüne Abgeordneten Gerhard Schick konnte gerade einen jungen Wähler dazu bewegen, seine Stimme für ihn abzugeben. Darüber freut sich auch Ndidi Nnoli Edozien aus Nigeria - nicht, weil sie auch für die Grünen stimmen würde, sondern weil es gelungen ist, einen Wähler für Politik zu interessieren.

In Nigeria, so Nnoli-Edozien, seien die Menschen schon sehr interessiert an Politik: "Aber das Gefühl, dass man mit einer Stimme etwas beeinflussen kann, das haben wir in Nigeria noch nicht hingekriegt." Die Präsidentin der Nigerianischen "Growing Business Foundation" interessiert sich besonders für alternative, kreative Wahlkampfformen, die auch ohne großes Budget auskommen. In Deutschland hat sie das bisher aber nicht gefunden. "Wir müssen kreativer werden in unserer Politik", fordert sie - für Nigeria und für Deutschland. Dann könnten auch die Schichten angesprochen werden, die sonst nicht zur Wahl gehen würden. Obama habe das in den USA gezeigt.

"Deutsche Politiker arbeiten professioneller"

Der Japaner Makoto Ida an einem Wahlkampfstand der Grünen (Foto: dw)

Der Japaner Makoto Ida (Mitte) interessiert sich sehr für deutsche Politik

Auch der Japaner Makoto Ida verfolgt die Diskussion sehr aufmerksam. Dem Professor für Strafrecht und Vize-Präsident der Tokioter Keio Universität fällt auf, dass deutsche Politiker viel professioneller arbeiten. In Japan hingegen werde in der Politik nur eine vereinfachte Diskussion geführt. Dort könnten daher auch Schauspieler, Sänger oder Journalisten in der Politik erfolgreich sein. "Die deutschen Politiker denken da viel exakter, viel rationaler."

Autor: Philipp von Bremen

Redaktion: Dirk Bathe