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Wissen & Umwelt

Brasilianer streiten um Appetitzügler

Schlankmacher mit Nebenwirkungen: Schönheitswahn und illegale Apotheken tragen in Brasilien zum unkontrollierten Konsum von Diätmedikamenten bei. Jetzt wird über ein Verbot diskutiert.

"In kurzer Zeit sehr viel Gewicht verlieren" - das versprechen verschiedene Anbieter, die im Internet gewichtsreduzierende Pillen mit dem Wirkstoff Sibutramin verkaufen. In Brasilien wird zurzeit über den fragwürdigen Appetitzügler heftig gestritten. Seit 2011 ist das Medikament nur mit ärztlicher Behandlung und per Rezept erhältlich, nun entscheidet die oberste brasilianische Zulassungsbehörde, ob das Medikament komplett vom brasilianischen Markt genommen werden soll. 

In Deutschland, den USA, Kanada, Argentinien und vielen anderen Ländern darf der Wirkstoff schon seit 2010 nicht mehr verkauft werden. Verbraucherschützer warnen vor erheblichen Risiken, weltweit sei es bereits zu 34 Todesfällen im Zusammenhang mit Sibutramin gekommen. Während das Medikament in vielen Ländern verboten ist, fand es in Brasilien reißenden Absatz: Brasilianer konsumieren die Hälfte des weltweit verkauften Sibutramins, gab der Präsident der brasilianischen Zulassungsbehörde Dirceu Brabano an.

Eigentlich sollen Medikamente mit dem Wirkstoff Patienten mit starkem Übergewicht, der Adipositas, helfen, Gewicht zu verlieren. In Brasilien beschaffen es sich auch andere, viele andere. Menschen, die kein Übergewicht haben und dennoch das Medikament illegal im Internet erwerben und es nutzen als sogenannten Appetitzügler nutzen. Doch die Einnahme der Pillen ohne ärztliche Untersuchung birgt Risiken und ist ein großes Problem in dem südamerikanischen Land, in dem eine schlanke Taille so wichtig ist.

Pillen für die gute Figur

Eine Frau misst ihren Bauchumfang (Foto: rico287 - Fotolia.com)

Schlank um jeden Preis: Auch Fettabsaugen ist bei vielen Brasilianern beliebt

Auch Claudia (Name von der Redaktion geändert) nahm regelmäßig vermeintlich schlankmachende Pillen zu sich. Bereits mit 13 Jahren, erinnert sich die junge Brasilianerin, machte sie ihre erste Diät. Und schon damals standen Appetitzügler mit dem Wirkstoff Sibutramin auf ihrem Speiseplan: "Manchmal habe ich sie drei Monate lang genommen, dann habe ich wieder aufgehört. Danach habe ich wieder angefangen und habe sie für mehr als sechs Monate oder ein Jahr benutzt", erzählt sie der DW. Heute ist die Beamtin 34 Jahre alt und kann nicht mehr sagen, wie viele Diäten sie seit damals hinter sich hat. Diätpillen gehörten für sie immer mit dazu, meistens kaufte sie diese illegal im Internet.

Heute schluckt Claudia keine Medikamente mehr - vor eineinhalb Jahren hat sie damit aufgehört, weil die Beschaffung des Produkts immer schwieriger wurde. Das liegt an der Verschärfung der Medikamentenvorschriften, die seit 2011 in Brasilien gelten.

Risiko für Herzkreislauferkrankungen wird erhöht

Die internationalen Aufsichtsbehörden erklären das Verbot in den anderen Ländern mit den Ergebnissen einer Studie, die als SCOUT-Studie (Sibutramin Cardiovascular OUTcomes Trial) bekannt ist. Die Studie wurde im Jahr 2009 von der us-amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde beauftragt. Sie untersuchte Patienten, auf den Wirkstoff Sibutramin reagieren: Menschen, die eine Veranlagung zu Herzkreislauferkrankungen haben und unter anderen an Komplikationen im Zusammenhang mit Übergewicht leiden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Einnahme von Sibutramin das Risiko von Herzkreislauferkrankungen um 16 Prozent erhöht. Außerdem stellte man fest, dass nur 30 Prozent derjenigen, die die Substanz zu sich nahmen, mindestens fünf Prozent ihres Gewichts innerhalb von drei Monaten verloren.

Die brasilianische Organisation für Adipositas-Forschung Abeso verteidigt den Wirkstoff dennoch. Das Verbot der Substanz bedeutet für die Vorsitzende Cintia Cercato den Wegfall eines ihrer Meinung nach wichtigen Elements bei der Behandlung von Übergewicht. "Die erste Option ist der Wandel des Lebensstils, die zweite die medikamentöse Behandlung. Dann sollte man erst an einen chirurgischen Eingriff denken“, erklärt sie. "Das Verbot der Medikamente würde die Behandlung stark limitieren.“

Brasilien im Schlankheitswahn   

Die Ärztin gesteht jedoch auch ein, dass nicht nur Personen mit Übergewicht die Pille zu sich nehmen. "In Brasilien gibt es ein Schönheitsideal, das einen großen Einfluss auf die Menschen hat.“ Es liege jedoch in der Verantwortung der zuständigen Behörden, den Verkauf besser zu kontrollieren, so die Ärztin: "Das Medikament darf natürlich nur bei denjenigen ankommen, bei denen es auch ankommen soll“, sagt sie.

In den Köpfen vieler Brasilianer scheint die Brisanz des Themas jedoch nicht angekommen zu sein. In dem Land, das weltweit auf Platz zwei mit den meisten Schönheitsoperationen steht, denken viele Menschen an nichts anderes als an ihre Figur. Auch Claudia gibt zu: "Wenn es einfacher wäre, Sibutramin zu bekommen, würde ich auf jeden Fall wieder damit anfangen, die Pillen zu nehmen.“ Sie würde jedoch gleichzeitig zu einem Arzt gehen und sich medizinisch begleiten lassen, sagt die Beamtin, die nach der langjährigen Einnahme der Schlankheitsmedikamente unter Bluthochdruck leidet.

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