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Europa

Brüssels salafistische Hochburg

Brüssels größte Moschee wird von Saudi-Arabien finanziert - von einem salafistischen Regime. Die Moschee-Führung distanziert sich vom Terror, doch sie spielt offenbar nicht mit offenen Karten. Aus Brüssel Barbara Wesel.

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Nervosität in Brüssel

Man wolle eine starke Botschaft an die belgische Gemeinschaft senden, sagt Mohamed Ndiaye, einer der Imame des Islamischen und Kulturellen Zentrums in Brüssel: "Wir drücken unsere tiefe Trauer aus über die Attentate in Paris. Unsere Gedanken sind bei den Franzosen und den Familien der Opfer."

Das Islamische Zentrum, die größte Moschee Brüssels, steht am Rande des Parks Cinquantenaire mitten im EU-Viertel, wenige Gehminuten von der Europäischen Kommission entfernt. Während die Gläubigen zum Freitagsgebet eintreffen, hat die Leitung des Gotteshauses eine Pressekonferenz einberufen. Sie will dem Ruf entgegentreten, als Zentrum der belgischen Salafistenszene zur Radikalisierung von Muslimen beigetragen zu haben.

Dialog auf Arabisch

Ndiaye gibt einen Überblick über die Aktivitäten des Zentrums. Neben den Gottesdiensten gebe es in der Moschee Arabischkurse, Begegnungen mit EU- Vertretern und belgischen Bürgern, Ausbildung für Imame, Koranunterricht für 700 Kinder und vieles mehr. Er entwirft das Bild einer bestens in das belgische Leben eingebetteten Einrichtung, die ihren Auftrag in der kulturellen Verständigung sieht.

Ndiaye hält seinen Vortrag in perfektem Französisch. Nach ihm spricht der Oberste Imam Abdelhadi Sewif auf Arabisch: Der Islam sei eine Religion des Friedens und der Wohltätigkeit. Mit terroristischer Gewalt, wie in Paris, habe sie nichts zu tun. Auch der Direktor des Zentrums, Jamal Momenah, möchte nicht, dass die Moschee mit den radikalen Islamisten in Molenbeek in Verbindung gebracht wird.

Sie hätten den Islam nicht richtig verstanden. Das sei wie in einer Familie, in der manchmal auch ein einzelnes Mitglied schlechte Dinge tue. Momenah ist der saudische Vertreter in der Runde, Sewif stammt aus Ägypten.

Leitung der Moschee Centre Islamique: Mohamed Ndiaye, Jamal Momenah und Abdelhadi Sewif (Foto: DW/Wesel)

Zwei Imame und der Direktor der Moschee im Parc du Cinquantenaire

Auf die Frage, warum seine Moschee mit ihrer privilegierten Stellung nicht versucht habe, Einfluss zu nehmen auf die seit Jahren bekannten Hassprediger von Molenbeek, weicht Momenah aus. Jeder sei für sich selbst verantwortlich, man arbeite getrennt von den anderen Predigern. Auch Momenah spricht auf Arabisch zu den Journalisten, obwohl er seit drei Jahren in Belgien lebt. Imam Sewif ist sogar schon seit 2004 in Belgien.

Was sie davon halten, wenn in den Moscheen nur noch in der Landessprache gepredigt werden dürfe? Alles werde doch übersetzt, heißt die Antwort. Das Bestehen auf der arabischen Sprache fördere keine muslimische Parallelgesellschaft, beteuern sie.

Belgiens Pakt mit dem saudischen König

Im Gegensatz zu der positiven Selbstdarstellung des Islamischen Zentrums stehen kritische Medienberichte. "Die große Moschee im Cinquantenaire ist seit dreißig Jahren ein aktiver Hort des Salafismus, der den Nährboden für dessen Netzwerke bildet", schrieb die französische Zeitung "Libération" wenige Tage vor den Anschlägen von Paris.

König Faisal von Saudi-Arabien (Foto: picture alliance)

König Faisal von Saudi-Arabien...

Sie zitiert den Islamforscher Michael Privot vom Europäischen Netzwerk gegen Rassismus: "Salafistisches Gedankengut ist bei den Muslimen in der belgischen Hauptstadt sehr verankert." Es gehe auf den Bekehrungseifer von Saudi-Arabien in Brüssel zurück. "Die belgischen Autoritäten haben (in dieser Frage) seit 30 Jahren mit dem Feuer gespielt."

Finanziert wird die große Moschee im Cinquantenaire von der Islamischen Weltliga, deren Geld weitgehend aus den Kassen Saudi-Arabiens stammt. Die Geschichte der Moschee begann 1967. Belgiens Staatskassen waren leer und das Land suchte nach einer Möglichkeit, günstig Öl zu kaufen.

König Baudouin von Belgien (Foto: picture alliance)

... und sein Vertragspartner König Baudouin von Belgien

Der damalige König Baudouin machte deshalb einen Deal mit dem saudischen Monarchen Faisal Ibn Abd al-Aziz al-Saud: Im Tausch gegen preiswertes Öl überließ er ihm den orientalischen Pavillon aus der zurückliegenden Weltausstellung im Park Cinquantenaire mit einem 99 Jahre geltenden Pachtvertrag.

Gleichzeitig übertrug der Belgier seinen saudischen Freunden die Ausbildung der muslimischen Imame für die steigende Zahl der Zuwanderer aus Afrika und den Maghrebstaaten. Es war ein Freibrief für das saudische Königshaus, die Botschaft des Salafismus zu verbreiten.

Skandal um Direktor

Im vergangenen Sommer brachte Wikileaks eine dunkle Facette der Geschichte der Moschee ans Licht. Sie widerspricht den offiziellen Beteuerungen der Moschee-Oberen, sich für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. So war dem saudischen Botschafter in Brüssel im April 2012 mitgeteilt worden, dass die belgische Regierung ein Problem mit dem Moschee-Direktor Khalid Alabri habe.

"Seine Predigten waren salafistisch, anti-israelisch, anti-westlich. Das oberste Prinzip war der Vorrang des Salafismus vor allem anderen", berichtete damals ein Zeuge im belgischen Sender RTBF. Die Reden von Alabri waren so extrem, dass sie sogar die rote Linie der Belgier überschritten. Alabri wurde stillschweigend abgezogen.

Brüssel, Belgien: Razzia gegen Terror in Molenbeek (Foto: picture alliance/dpa)

Anti-Terror-Razzia im Stadtteil Molenbeek am 16. November

Die offizielle Organisation der belgischen Moscheen, der "Exekutivrat der Muslime in Belgien, fühlt sich von der großen Moschee im Cinquantenaire seit Jahren in die Offensive gedrängt. Bis zum Ende des Jahres will sich der Rat neu aufstellen, um der saudi-arabisch gesteuerten Moschee etwas entgegensetzen zu können. Die aus Marokko stammenden Imame im Rat berichten, dass auch der Regierung in Rabat der Einfluss der Salafisten zu stark geworden sei.

Der belgische Journalist und Terrorismus-Experte Claude Moniquet meint, dass die besonders liberale Auslegung von Meinungsfreiheit in Belgien den Staat veranlasst hätte, die Verbreitung radikaler Lehren jahrzehntelang zu tolerieren. Außerdem wollte die Politik vielfach sozialen Frieden und keine Konflikte mit Zuwanderern. Jetzt aber werde es schwer werden, das Ruder herumzureißen und die verlorenen Jahre bei der Bekämpfung islamistischer Gesinnung aufzuholen.

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