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Politik

Brüsseler Spitzen

Empört waren die Staaten der Europäischen Union, als die rechtsgerichtete Regierung in Österreich ihre Arbeit aufnahm. Doch wer empört sich heute über Berlusconis Italien? Fragt DW-Korrespondent Alexander Kudascheff.

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Es ist noch nicht so lange her, da war Europa, genauer gesagt die Europäische Union, geeint. Geeint in der moralischen Entrüstung - über den östereichischen Schmähpolitiker Jörg Haider, der in der Alpenrepublik plötzlich nicht nur zu reden, sondern in der Regierung mitzubestimmen hatte. Wien wurde unter Quarantäne gestellt, isoliert, verachtet - mit einem Wort: es wurde zum Paria der europäischen Wertegemeinschaft. Zwar sprach man auf europäischer Ebene weiter mit den "Ösis", aber statt Familienphotos gab es plötzlich auf Gipfeln nur noch Gruppenphotos. Und so mancher Außenminister ( unrühmlich an erster Stelle: der Belgier Louis Michel) wollte nun nicht mehr in den Urlaub nach Österreich fahren und seine Landeskinder sollten am besten dort auch nicht mehr Ski fahren. Die 14 Moralapostel der EU waren sich einig, nur mit den Österreichern sprach niemand. Nach gut sechs Monaten war der Spuk vorbei, Wien wieder eine erstklassige Adresse in der EU und alle hatten sich wieder lieb, vor allem die östereichische Aussenministerin Ferrero-Waldner, die im Gegensatz zu so manchem ihrer Kollegen glanzvoll und sehr gut in vielen Sprachen der Gemeinschaft parlieren kann. Die EU war wieder richtig geeint - nur blieb so mancher soupcon in den Hinterköpfen. Hatten die sozialdemokratische Regierungsfamilie östereichische Innenpolitik machen wollen? Oder: hatte man sich die Alpenrepublik vorgenommen, weil Österreich ein kleines Land ist? Hätte man das auch getan, wenn beispielsweise ein Rechtsaußen in Paris, London, Berlin oder Rom an die Macht gekommen wäre? "Ja!", hörte man allenthalben während der europäischen Hochmoralphase. Und jetzt? Wo ist eigentlich die Entrüstung über Italien? Wo ist der Protest gegen einen radikalen Separatisten und Europafeind wie Umberto Bossi? Wer sagt etwas gegen Silvio Berlusconi, der alle Fernsehsender in einer Hand hält? Wo sind die Lichterketten gegen einen Faschisten im Flanellanzug wie Fini? Findet es niemand merkwürdig, wenn ein Wirtschaftsminister den EURO nicht mag? In Italien - Gründungsmitglied der EWG - steht Europa, stehen seine Werte auf dem Prüfstand. Doch die Lage wird kaum wahrgenommen. Und von einer Quarantäne der Unappetitlichen spricht auch niemand. Also gilt wohl doch zweierlei Mass in der europäischen Moral. Aber vielleicht ändert sich das, wenn die EU aus ihrer Europhorie und ihrem Neujahrsschlaf erwacht. Hoffentlich.

  • Datum 08.01.2002
  • Autorin/Autor Alexander Kudascheff
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1gRF
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