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Politik

Brüsseler Haufen

Warum gehen eigentlich so viele Neuankömmlinge in Brüssel mit gesenktem Blick über die holprigen Bürgersteige und warum schaut kein Fußgänger am Zebrastreifen nach links oder rechts? Bernd Riegert erklärt warum.

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Bernd Riegert

Der suchende Blick auf den Boden ist in der europäischen Hauptstadt so wichtig, weil es in Brüssel offenbar zu viele Hunde oder zu sorglose Hundeherrchen- und frauchen gibt. "Es ist wie die Suche nach Tretminen", meinte mein neuer Nachbar aus Italien neulich. Erst nach einigen Monaten wird er sich daran gewöhnen, Slalom zu laufen und die Hundehaufen aus den Augenwinkeln zu erkennen. Die Brüssler führen ihre treusten Freunde gerne an Orte zur Darmentleerung, wo sie garantiert die größte Aufmerksamkeit erregen. Erst kürzlich entdeckte ich eine noch dampfende Hinterlassenschaft auf einem der blütenweißen Müllsäcke, die man in Brüssel in Ermangelung von Mülltonnen vor die Haustür stellt. Die armen Müllmänner! Ganz zu schweigen von den Haufen auf meiner Eingangstreppe oder dem mehrstufigen Gebilde vor dem ARD-Studio in dieser Woche.

Zebrastreifen sind heilig


Da müsste doch eigentlich einmal eine europäische Richtlinie her, die den Kommunen den Umgang mit Hunden, Haufen und Haltern vorschreibt. Aber das wäre dann wohl zuviel der Regelungswut. Seufz! Dabei können Häufchen wirklich die Staatsmacht in Belgien herausfordern. Vor einigen Jahren löste ein konisch geformter, braun metallisch glänzender Kotberg in Gent einen Bombenalarm aus. Die angerückte Polizei sperrte den Platz weiträumig ab und konnte die "Bombe" relativ schnell entschärfen. In Wien werden Hundehalter inzwischen bestraft. In Paris gibt es die legendären Haufen-Staubsauger auf Motorrädern. In Brüssel aber werden die von der Stadt zaghaft eingerichteten Hundeklos systematisch ignoriert.

Gebeutelte Fußgänger, die wieder einmal reingetreten sind, können sich wenigstens damit trösten, dass in Brüssel unerwartet Zebrastreifen eine Art Kult-Status besitzen. Ohne anzuhalten und nach links oder rechts zu schauen, kann man selbst bei starkem Verkehr Straßen in Brüssel auf dem Zebrastreifen überqueren. Die Belgier halten tatsächlich - notfalls mit quietschenden Reifen - an, selbst Busfahrer. Vorsicht jedoch bei den zahlreichen Autos mit ausländischem Kennzeichen! Miteuropäer aus Frankreich, Italien oder Polen sind nicht an belgische Zebrastreifen-Vorrang-Regeln gewöhnt.

Alternative Energiequelle Hundehaufen

Einmal im Jahr werden die zahllosen Zebrastreifen frisch geweißelt. Diesmal waren die Straßenarbeiter vor meinem Haus besonders großzügig und haben einen ganz neuen Zebrastreifen aufgemalt. Und Sie ahnen es schon, es vergingen nur wenige Stunden und den ersten Balken des jungfräulichen Überwegs zierte ein braunes Mahnmal wider die Rücksicht. Ein Hundehaufen! Aaaahgrrmmppff!

Die Stadtväter von San Francisco haben beschlossen, Hundehaufen einzusammeln und aus der Biomasse Energie zu gewinnen. Vielleicht sollte auch die EU so gegen die hohen Ölpreise ankämpfen. Bitte.

  • Datum 16.08.2006
  • Autorin/Autor Bernd Riegert
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8yEj
  • Datum 16.08.2006
  • Autorin/Autor Bernd Riegert
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