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Spurensuche

Brüder im Ringen um Gott

Der ungläubige Thomas: Dominikanerpater Bernhard Kohl über Glaube und Zweifel, für ihn kein feindliches Brüderpaar, sondern Bundesgenossen des aufrichtig Suchenden im Ringen um Gott. Ein Beitrag der katholischen Kirche.

Spurensuche Zwei Männer am Fenster (stocksnap.io/K. Nimz)

Glaube und Zweifel: alles andere als zwei feindliche Brüder.

Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Gruppe von Brüdern des Dominikanerordens die Benediktinerabtei Santo Domingo de Silos im Norden Spaniens besucht. Dort wurden wir von einem Mönch mit den Worten begrüßt, dass die Brüder aus dem Dominikanerorden ja alle dem heiligen Thomas ähnelten. Wir fühlten uns sehr geschmeichelt. Natürlich, welcher Dominikaner möchte nicht in irgendeiner Weise Thomas von Aquin ähneln. Dann setzte der Benediktinerpater allerdings eine Pointe auf die Begrüßung: „Nein, diesen Thomas meine ich nicht – ich meine den ungläubigen aus der Bibel!“

Warum er gerade diesen Vergleich zu den Dominikanern gezogen hat, ist eine Frage der Theologiegeschichte. Warum dieser Vergleich etwas in mir angestoßen hat, ist eine Frage des Glaubens. – Oder eine Frage des Zweifels? Der Apostel Thomas zweifelt an der Aussage seiner Mitjünger: „Wir haben den Herrn gesehen“ (Joh 20,25). Er ergreift die erste Gelegenheit, um Sicherheit zu gewinnen: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Ein Apostel zweifelt und ringt mit seinem Glauben.

Zwei feindliche Brüder?

Zunächst einmal erscheinen sich Glaube und Zweifel auf ganzer Linie auszuschließen. Als Glaubender soll man – so Friedrich Nietzsche – „ohne Vernunft, durch ein Wunder, in den Glauben hineingeworfen werden“1 und dabei immer im Blick behalten, „dass damit die Begründung des Glaubens, alles Nachdenken über seine Herkunft ebenfalls schon als sündhaft ausgeschlossen sind“2. Als Glaubender will man nicht den vernünftigen, hellsichtigen Zweifel, sondern, so fährt Nietzsche fort, „Blindheit und Taumel und einen ewigen Gesang über den Wellen, in denen die Vernunft ersoffen ist“3. Naja, wer das glaubt wird selig. Aber gleichzeitig gilt: Wer sich gegen den Zweifel immunisiert, unempfindlich macht, verzichtet offenkundig auf eine Begründung seines Glaubens, die von der Vernunft ernst genommen werden könnte.

Ein Ausschluss des Zweifels kann also kein gangbarer Weg sein. Außerdem hat der Zweifel ja auch durchaus positive Qualitäten: Er kann ent-täuschen. Er befreit von Selbsttäuschung, Selbstzufriedenheit, zu starkem Selbstbewusstsein im Glauben. Es scheint also wenig dadurch gewonnen, Glaube und Zweifel als feindliche Brüder zu betrachten. Vielmehr kann ich als glaubender Mensch den Zweifel als Bundesgenossen willkommen heißen – natürlich ohne ihm das Feld zu überlassen – weil er mich daran erinnert, womit ich eigentlich umgehe, wenn ich vom Glauben spreche: mit Gott. Mein Zweifel erinnert mich daran, dass vor diesem Hintergrund meine Worte und Gewissheiten schnell eine Nummer zu groß werden – oder eben zu klein.

Rüstzeug für den Zweifelsfall

Aber: ich muss an meinen Zweifeln nicht verzweifeln, weil ich ihnen nicht wehrlos ausgeliefert bin. Als Rüstzeug für den Zweifelsfall halte ich drei Punkte für wichtig:

  • Jeder sollte vor sich selbst und vor Gott Rechenschaft über seinen Glauben geben und jede Gelegenheit nutzen, ihn auch intellektuell zu stärken, zu durchdenken, zu durchgrübeln. Ich stelle mal eine gewagte Behauptung auf: Wenn sich uns die Gelegenheit böte, dann wären wir sogar verpflichtet, so wie Thomas zu handeln. Wir wären im griechischen Sinne des Wortes Idioten – auf uns selbst beschränkte Menschen – wenn wir eine solche Gelegenheit nicht ergreifen würden.
  • Als Menschen können wir uns immer wieder neu und gegenseitig beglaubigen. Glaube lebt aus unserem Zeugnis heraus. Nur so kann sich der Zweifelnde, der mutlos gewordene in „Mitglaubens-Solidarität“ wieder aufrichten.
  • Ein guter Zweifel ist immer noch besser, als jede Lethargie im Glauben. Wer zweifelt, der ist in seinem tiefsten Inneren auf der Suche nach Wahrheit, nach Gott. Zweifel bedeutet nämlich zumindest, dass mir etwas nicht egal ist, dass mir nicht egal ist, ob ich überhaupt, was und wie ich über Gott denke.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kann ich die Aussage des Benediktinerpaters als Kompliment für jeden Gläubigen und ernsthaft Suchenden verstehen.

1 Friedrich Nietzsche, Morgenröte, KSA 3, De Gruyter – dtv, München 1999, Nr. 89.
2 Ebd.
3 Ebd.

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., ist Dominikaner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und derzeit Visiting Scholar am Dominican Institute of Toronto.