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Kultur

Brücke am Fluss: "Goethe"-Projekt in Kamerun

Eine Industriestadt in Kamerun wird zum Ort der Kunst – an einer Brücke aus der deutschen Kolonialzeit. Ein Projekt des Goethe-Instituts. Klingt abgedreht? Bei den Menschen im Ort ist die Kunst hochwillkommen.

Brücke von Edea in Kamerun, August 2011 (Foto: DW/Aya Bach)

Kurz vor der Brücke von Edea stauen sich Busse, Lastwagen, Autos: Hier muss jeder Maut zahlen, der von der Hafenmetropole Douala in die Hauptstadt Yaoundé möchte. Im Stop and Go der Fahrzeuge drängeln sich Kinder und Erwachsene, die Obst, Kokosnüsse und orangefarbene "Mintoumba" verkaufen, Maniok in Bananenblättern. Oder Bitacola, unscheinbare braune Nüsse, die aphrodisische Wirkung versprechen. Drei bis 15 Euro am Tag kann man hier verdienen, an guten Tagen auch mal mehr.

Leben mit der Straße

An der Mautstelle von Edea, Kamerun: Eine Frau verkauft 'Mintoumba', eine Spezialität aus Maniok in Bananenblättern, August 2011 (Foto: DW/Aya Bach)

Leben mit der Straße: die Mautstelle von Edea

Wer nicht an der Straße arbeitet, lebt mit der Straße. Der Fernverkehr geht mitten durch Edea, Lastwagen mit abgeholzten Regenwald-Riesen donnern vorbei. Die Prosa des Alltags bestimmt das Leben: Ein Aluminiumwerk. Ein Kraftwerk. Gespeist wird es vom Fluss Sanaga, dem majestätischen Strom, der Edea zu Füßen liegt. Doch Edea hat eine berühmte Brücke, die für die meisten Kameruner mehr ist als ein prosaisches Bauwerk: Vor 100 Jahren, während der Kolonialzeit, von deutschen Ingenieuren konstruiert, führt sie hier über den Fluss.

Ursprünglich eine Eisenbahnbrücke, wird sie heute von Fußgängern und Mopedfahrern genutzt. Für den großen Verkehr gibt es inzwischen eine neue Trasse. Doch heute noch sind viele stolz auf die alte Brücke, ungeachtet der Kolonialgeschichte: Sie ist Symbol für Aufbruch und Fortschritt, mit ihr verbindet sich der Traum von einem besseren Leben. Und in den Augen vieler ist es ein Wunder, dass sie seit einem Jahrhundert hält.

Der Künstler Pascale Marthine Tayou und die Leiterin des Goethe-Instituts Yaoundé, Dr. Irene Bark, vor der Brücke von Edea in Kamerun, August 2011 (Foto: DW/Aya Bach)

Kamerunisch-deutsche Geschichte: Pascale Marthine Tayou und Irene Bark, Leiterin des Goethe-Instituts Yaoundé, an der Brücke von Edea

Ambivalente Geschichte

In diesen Tagen tut sich etwas an beiden Ufern des Sanaga: Kürzlich wurden Bauzäune an der Brücke errichtet, bald rücken Bagger an und graben Fundamente für acht riesige Skulpturen: weit überlebensgroße Figuren auf hohen Säulen, die von ferne so aussehen werden, als schwebten sie über den metallenen Bögen und Streben.

Ein Arbeiter im Atelier des Künstlers Emile Youmbi in Yaoundé in Kamerun fertigt eine Skulptur, August 2011 (Foto: DW-TV)

Noch im Entstehen: Skulpturen für die Brücke

Die Initiative dazu kommt vom Goethe-Institut Kamerun, das seit 50 Jahren im Land aktiv ist. Zum Jubiläum will Institutsleiterin Irene Bark ein kulturelles Zeichen setzen und zugleich einen kritischen Blick auf die deutsche Fremdherrschaft im Land werfen, die von 1884 bis 1916 dauerte. "Wenn man sich näher mit diesem Bauwerk befasst", erzählt sie, "kommen sehr ambivalente Dinge zum Vorschein. Der Bau der Brücke war sehr schwierig, die Arbeiter wurden ausgenutzt." Auch daran sollen nun die Skulpturen erinnern - ein Kontrapunkt zur verbreiteten Bewunderung für den "deutschen" Bau, zu dem die Kameruner in Wahrheit viel beigetragen haben.

Rollenmodelle durchbrechen

Als Projektleiter hat Irene Bark den Kameruner Künstler Pascale Marthine Tayou gewonnen. Er ist im internationalen Kunstbetrieb zu Hause und war schon bei den wichtigsten Ausstellungen der Welt vertreten. Jetzt lebt er abwechselnd in Kamerun und Belgien. 1967 geboren, hat er die Kolonialzeit nicht mehr erlebt, auch nicht die Herrschaft der Briten und Franzosen, die bis 1960 dauerte. "Das ist die Geschichte meiner Eltern", sagt Tayou, "nicht meine eigene. Für mich ist es normal, mit Franzosen oder Deutschen zu arbeiten." Dennoch ist in seinen Arbeiten das schwierige Verhältnis zwischen Afrika und Europa ein wichtiges Thema.

Kunsthandwerkliche Holzfiguren im Atelier des Künstlers Emile Youmbi in Yaoundé in Kamerun, die als Modelle für große Skulpturen dienen, August 2011 (Foto: DW/Aya Bach)

Die Modelle für die Brücken-Kunst: kunsthandwerkliche Holzfiguren

So wie bei den Brücken-Skulpturen. Sie entstehen im Atelier des Künstlers Emile Youmbi, der Tayous Konzept umsetzt. Die etwa drei Meter hohen Figuren sind bislang noch gesichtslose Riesen mit zotteliger Jute-Haut. Darauf wird Emile Youmbi eine Betonschicht auftragen und sie bemalen. Wie sie dann aussehen, verraten die Modelle: schmale Holzfiguren, wie es sie in einigen Ländern Afrikas zu kaufen gibt. Sie zeigen eigenartige Hybridwesen: Afrikaner in europäischer Kleidung oder Europäer mit dunkler Haut? Eine der schwarzen Gestalten hat einen Fotoapparat um den Hals, eine andere trägt einen Arztkittel. "Das sind sogenannte 'colons', die es als Kunsthandwerk seit Kolonialzeiten gibt", erklärt Pascale Marthine Tayou. Für ihn wie geschaffen dazu, Rollenbilder infrage zu stellen. "Das ist auch ein Spiel mit meiner eigenen Rolle, das ist Ironie!"

Unterstützung in der Stadt

Der Künstler Pascale Marthine Tayou (l), der Bürgermeister der Stadt Edea, Dieudonné Ndozke (m), und der Patriarch Richard Mbep (r.) vor der Préfecture der Stadt Edea in Kamerun, August 2011 (Foto: DW-TV)

Kunst und Politik: Tayou mit Bürgermeister Dieudonné Ndozke und Patriarch Richard Mbep

Ob das auch die Bewohner von Edea so sehen werden? Jedenfalls sind sie einbezogen in die Arbeit. Irene Bark und Pascale Marthine Tayou haben viele Gespräche mit ihnen geführt, auch mit dem Bürgermeister. "Wir sind extrem stolz auf das Projekt", sagt Dieudonné Ndozke und hofft sogar auf einen Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung seiner Stadt. Dass die Kunst Edea aufwerten wird, glaubt auch Patriarch Richard Mbep, der farbenprächtige Gewänder trägt und die traditionelle Kultur pflegt. Als Schriftsteller und Filmemacher glaubt er zugleich an die Innovationskraft von Kunst: "Die Plastiken können die Menschen dazu inspirieren, selbst Skulpturen zu machen oder malen zu lernen."

Magie der Zahlen

Er könnte recht haben. Die "Edealisten", wie Tayou die Stadtbewohner manchmal nennt, haben sich für das Projekt engagiert – und Selbstbewusstsein gezeigt: Sein Konzept wurde nicht einfach abgenickt. Acht Skulpturen, das geht nicht, erklärten sie ihm und haben eine neunte verlangt: Die Neun ist eine magische Zahl. So hat Tayou eine zusätzliche Figur geplant, einen Patriarchen, der die lokale Kultur verkörpert. Ein Novum in Kamerun – und ein erstaunliches Beispiel für Innovation und Tradition zugleich.

Die Künstler Pascale Marthine Tayou (l) mit dem Künstler-Duo Salifou Lindou (m) und Hako Hankson (r) vor deren Atelier in Douala in Kamerun, August 2011 (Foto: DW/Aya Bach)

Kunst für Edea: Pascale Marthine Tayou (l), Salifou Lindou (M) und Hako Hankson (r) vor dem Atelier

Regenschirm und Fliegenklatsche

Auch an einer weiteren Skulptur, die im Umfeld der Brücke entstehen soll, haben die Einwohner mitgearbeitet: Sie sollte an ein Alphabet erinnern, das vor rund hundert Jahren im Herzen Kameruns, im Königreich der Bamoun, erfunden wurde. Heute ist es weitgehend in Vergessenheit geraten. Dass Tayou den Kamerunern einen Teil ihrer Geschichte zurückgeben wollte, erschien den Leuten in Edea zu abgehoben. Sie baten das Künstlerteam, Symbole hinzuzufügen, die mit ihrem Leben zu tun haben. Regenschirme, Fliegenklatschen, Vögel. Oder Fische aus dem Fluss Sanaga.

Kunst und Imagination

"Das hat uns zuerst gestört", sagen die Künstler Salifou Lindou und Hako Hankson, die Tayous Konzept in diesem Fall umsetzen. "Aber als wir darauf eingegangen sind, fanden wir, dass das unserer Arbeit etwas Magisches hinzufügt."

Ein Stück Imagination jenseits des Alltags? Tayous Projekt setzt darauf, dass Kunst die Menschen beflügelt und das Leben verändert. Im besten Fall wird sie auch für die "Edealisten" eine Brücke sein, die über das Leben an der Straße hinausführt.

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Cornelia Rabitz