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Kultur

Brüchige Alpenidylle

Die Leipziger Buchmesse präsentiert als Gastland die Schweiz und ihre Literatur, auch die rätoromanische. Diese vierte Sprache der Alpenrepublik ist vom Verschwinden bedroht, aber ihre Literaturszene ist sehr lebendig.

"Zu verkaufen: Käse und Literatur" steht am Haus von Leo Tuor. Der Schriftsteller lebt mit seiner Familie in Val, in einem abgeschiedenen Dorf im Schweizer Kanton Graubünden. Er ist einer von acht Einwohnern und wohnt dort, weil in der Gegend noch Surselvisch gesprochen wird. Das ist einer der fünf Dialekte des Rätoromanischen. Die rau und melodisch klingende Sprache ist aber bedroht. "Solange es in Graubünden eine eigene Literatur gibt, geht die Sprache nicht unter", sagt Leo Tuor und schreibt gegen ihr Verschwinden an - wenn er nicht auf der Alp, beim Jagen oder Käsemachen ist. "Cavrein" heißt sein neues Buch, ein Essay über die Jagd, voller literarischer und philosophischer Anspielungen.

Rätoromanisch - eine bedrängte Sprache

Schriftsteller Leo Tuor (Foto: Yvonne Böhler)

Schriftsteller Leo Tuor

Noch etwa 50.000 bis 60.000 Menschen sprechen heute rätoromanisch oder bündnerromanisch, wie - neben Deutsch, Französisch und Italienisch - die vierte Amtssprache der Schweiz auch heißt. Die Anfänge gehen auf das Jahr 15 v. Chr. zurück, als sich in Rätien die dortigen Sprachen mit dem Lateinischen zu mischen begannen. Rätoromanisch ist eine Minderheitensprache. Aber damit nicht genug: es spaltet sich außerdem in fünf Dialekte auf: Vallader, Putèr, Sursilvan, Sutsilvan und Surmiran.

Ende des 19. Jahrhunderts befanden fortschrittliche Liberale, das Rätoromanische verhindere den Anschluss Graubündens an die moderne Welt und plädierten dafür, es abzuschaffen. Da regte sich Widerstand, der 1938 - kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs - in einer Volksabstimmung gipfelte. 92 Prozent der Männer - Frauen waren nicht zugelassen - stimmten für Rätoromanisch als Nationalsprache. Inzwischen wird es vom Deutschen verdrängt und gehört, wie zum Beispiel auch das Sorbische oder das Korsische zu den bedrohten Sprachen. Wer von den Einheimischen, von Zuzüglern und Touristen ganz zu schweigen, weiß beispielsweise, dass St. Moritz im Oberengadin eigentlich San Murezzan heißt und dass dort Putèr gesprochen wird? Immer wieder wird das Ende des Rätoromanischen eingeläutet. Aber allen Unkenrufen zum Trotz - die Sprache ist noch da.

Zurück auf die Alp

Im Val Lumnezia, dem Tal des Lichts, sprechen zum Beispiel 95 Prozent der Bewohner rätoromanisch. Dort, im 1500 m hoch gelegenen Vrin, lebt Pia Solèr, eine schreibende Alphirtin. "Die Weite fühlen" heißt ihr Buch - ein anrührender, schlichter Erfahrungsbericht über ihr Leben auf der Alp, ohne literarischen Anspruch. Die Rätoromanin hat ihn auf Deutsch geschrieben: "Das Deutsche geht mir nicht so nahe wie das Romanische. Ich habe auch den größeren Wortschatz in Deutsch, und ich lese es mehr."

Die Alp als Thema der Literatur oder die Jagd wie bei Leo Tuor wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Weg von den Kuhställen, hin zum Urbanen, hieß es damals. Das ist vorbei, stellt der Literaturwissenschaftler Clà Riatsch aus Zürich fest: "Leo Tuor und Arno Camenisch sind extrem innovativ in ihrer Schreibart, in ihren Kunstformen, thematisch aber gehen sie zurück zu den Wurzeln, auf die Alpen Schafe hüten, Jagd bei Leo Tuor, Bauerntum, Dorfgemeinschaft, Dorfwirtschaft bei Arno Camenisch."

Schriftsteller Arno Camenisch (Foto: Janosch Abel)

Schriftsteller Arno Camenisch

Der ist der "shooting star" der rätoromanischen Literatur. "Egal wo, man trägt den Sound mit sich", sagt Arno Camenisch im schönen helvetischen Singsang und durchmischt seine deutschen Texte mit Wortschöpfungen aus dem Romanischen. Der 34-jährige Schweizer Erfolgsaustor und Performer lebt in Biel, stammt jedoch aus Tavanasa. Dieses Bergdörfchen mit seinen zum Teil sonderbaren Gestalten hat durch Arno Camenisch Eingang in die Literatur gefunden, zum Beispiel in "Sez Ner", dem ersten Band seiner Bündner Trilogie. Darin erzählt er von saufenden Alphirten und groben Kerlen, vom letzten Abend in einer Dorfkneipe, von großen Lawinen und bekränzten Kühen, die nach dem Sommer auf der Alp wieder ins Dorf getrieben werden. Oder von kaputten Sesselliften wie in seinem jüngsten Roman "Fred und Franz".

Am besten zweisprachig

Um die bedrohte Sprache zu erhalten, gibt die Schweiz inzwischen viel Geld aus. Ein Versuch zu ihrer Rettung: das Rumantsch Grischun, eine Einheitssprache für alle Romanen in Graubünden. Auf Kantonsebene dient sie erfolgreich als Verwaltungssprache, in den Schulen hat sie es jedoch schwer. Und auch Schriftsteller verwenden sie kaum.

Schriftstellerin Angelika Overath (Foto: Philipp Ostrowicz)

Schriftstellerin Angelika Overath

Sie schreiben inzwischen meist zweisprachig oder gleich auf Deutsch, nicht zuletzt, um sich damit eine größere Leserschaft zu sichern. So auch Leta Semadeni. Sie ist die Grande Dame der rätoromanischen Lyrik. Sie übersetzt Gedichte aber nicht, sondern lässt die Sprachen miteinander in einen Dialog treten.

Ganz anders Angelika Overath. Die Deutsche ist eine Kultur- und Sprachvermittlerin. Vor sieben Jahren zog sie mit ihrer Familie in den Ort, in dem sie jahrelang ihre Ferien verbracht hatte: Sent im Unterengadin. In Ihrem Buch "Alle Farben des Schnees - Senter Tagebuch" schreibt sie über ihr Ankommen und die Annäherung an die fremde Sprache: "Ich fand diese Sprache so wahnsinnig schön, ich musste immer weinen, so schön fand ich sie." Inzwischen schreibt Angelika Overath kleine Gedichte auf Rätoromanisch.

Blick auf die Welt

Eine Deutsche, die versucht, sich auf Vallader auszudrücken, eine Romanin, die wie Pia Solér nur auf Deutsch schreibt, ein Autor wie Leo Tuor, der mit seinen surselvischen Sprachspielen seinem Übersetzer einiges abverlangt, eine Lyrikerin, die ihre Gedichte gleich zweisprachig verfasst, ein phantasievoller Performer, der in beiden Sprachen gekonnt hin- und her springt - die rätoromanische Gegenwartsliteratur ist nicht nur reich an sprachlichen Ausdrucksformen, sondern auch inhaltlich reizvoll: sie hat das Ursprüngliche im Blick und verwandelt es auf vielfältige Weise. Waren die Berge einst einengend, so öffnet sich jetzt von ihnen aus die Sicht auf die Welt.

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