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Nahost

Brüchige Allianz gegen den "Islamischen Staat"

Die USA schmieden eine internationale Allianz gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat". Das Bündnis steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Interessen der potenziellen Verbündeten scheinen kaum vereinbar.

Wie hoch mag der so genannte Kollateralschaden sein? Am Donnerstag (18.09.2014) flog die syrische Luftwaffe Angriffe auf die von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) kontrollierte Stadt Al-Bab im Norden des Landes. Dabei wurden mindestens 15 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Zeugen sprechen sogar von über 30 Toten. Ihrer Darstellung zufolge hat die Luftwaffe eine Menschenmenge vor einer Bäckerei beschossen. Traf sie nur Kämpfer des "Islamischen Staats"? Die Zeugen bezweifeln es.

"Kampf um die Herzen"

Aktionen wie diese stellen für viele Syrer in den vom IS beherrschten Gebieten einen bitteren Vorgeschmack auf jene Angriffe dar, die die von den USA angeführte

Allianz gegen den "Islamischen Staat"

auch in Syrien fliegen könnte.

"Warum tötet man uns? Womit haben wir das verdient?", zitiert ein Korrespondent der mit der Politik des Nahen Ostens befassten Internet-Seite "Al-Monitor" einen Einwohner der Stadt Al-Bab. Das Interview fand noch vor dem Angriff statt. Die Bürger Al-Babs könnten demnächst womöglich doppelt in die Zange genommen werden: einerseits von den Kampfflugzeugen des Regimes. Andererseits von denen der internationalen Koalition. Viele Bewohner, so der Korrespondent von "Al-Monitor", hätten die Stadt darum bereits verlassen - ebenso wie zahlreiche IS-Kämpfer. Deren Strategen dürften sich nach Einschätzung von Al-Monitor über die drohenden Angriffe freuen. Denn diese würden dem "Islamischen Staat" nur weitere Sympathisanten und Unterstützer in die Arme treiben - und zwar "lokal ebenso wie international". Nötig, so das Magazin, sei darum eine andere Strategie: "Diesen Krieg gewinnt oder verliert man nicht durch Raketen oder Bomben, sondern über die Herze und Köpfe der Menschen." Wie sich diese aber gewinnen lassen, darauf haben die Strategen des künftigen internationalen Bündnisses bislang noch keine Antwort gefunden.

Szene in Bagdad nach der Explosion einer Autobombe, 19.07.2014 (Foto: dpa)

Täglicher Terror: Szene in Bagdad nach der Explosion einer Autobombe

Genau darauf wird es aber im Kampf gegen die sunnitische Terrororganisation IS ankommen. Denn aus der arabischen Welt kamen bereits einige Vorbehalte gegen die geplante Allianz. So äußerten die ägyptischen Muslimbrüder, deren Wort bei vielen arabischen Sunniten Gewicht hat, bereits Vorbehalte gegen die Invasion. Diese folge nicht "den Werten des Islam", sondern allein den Vorstellungen der USA.

Selbst Teile der vom IS eigentlich tödlich bedrohten Schiiten im Irak äußern sich ablehnend: Er wolle auf keinen Fall an der Seite der USA kämpfen, erklärte beispielsweise der irakische Geistliche und Milizenführer Muktada al-Sadr.

Den Vorbehalten der sunnitischen ebenso wie der schiitischen Seite zu begegnen ist für das Bündnis eine enorme Herausforderung. Zwar haben auch zahlreiche sunnitische Staaten erklärt, der geplanten Allianz beizutreten. Doch von diesen dürfte allein Katar genügend Einfluss auf die Muslimbrüder haben. Katar ist bis heute deren wichtigster Verbündeter. Der Umstand, dass der schiitisch dominierte Iran auf Drängen der USA kein Teil des militärischen Bündnisses sein wird, dürfte es wiederum schwer machen, die schiitischen Vorbehalte zu zerstreuen.

Irans fragwürdige Rolle

Dabei haben die USA viele gute Gründe, den

Iran

nicht in das Bündnis aufzunehmen. Zwar stellt der Islamische Staat für den Iran, ebenso wie für alle anderen Staaten der Region, eine Gefahr dar. Doch durch seine Forderung, auch das Regime Baschar al-Assads in die Anti-IS-Koalition aufzunehmen, hat der Iran nach Ansicht einiger Kommentatoren zumindest einen Teil seiner Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den sunnitischen Dschihadismus wieder verspielt.

Der Analyst Abdulrahman al-Rasheed begründet das mit der unrühmlichen Rolle des syrischen Diktators. Al-Rasheed weist in der dem saudischen Regime nahestehenden Zeitung "Sharq al-Awsat" auf die Unterstützung Teherans für Assad hin. Dieser habe nämlich viele der heutigen Kämpfer des "Islamischen Staates" zu Beginn des syrischen Aufstands aus dem Gefängnis entlassen und die Dschihadisten lange gewähren lassen, um so die säkulare Opposition zu schwächen. Assad dürfe man darum nicht in das Bündnis aufnehmen, so Al-Rasheed.

Bashar al-Assad bei seiner Vereidigung, 16.07.2014 (Foto: Reuters)

Geburtshelfer des "Islamischen Staats": Baschar al-Assad

Für Assad selber steht derzeit sehr viel auf dem Spiel. Er bietet sich darum international nicht nur als Anti-Terror-Kämpfer an, um sich außenpolitisch wieder zu legitimieren. Ebenso sieht er sein Regime im Inneren immer stärkeren Angriffen des IS ausgesetzt. So sorgten Massenerschießungen syrischer Soldaten durch IS-Terroristen in den Reihen des syrischen Militärs für Unruhe.

Darum ist es für Al-Rasheed durchaus fraglich, ob Assad langfristig mit den Dschihadisten fertig wird. Würde er nun in die Anti-IS-Koalition eingebunden, würde ihn das nicht nur politisch, sondern auch militärisch entlasten. Das aber verbiete sich angesichts der vom Regime verübten Verbrechen: "Wenn ISIS bislang rund 5000 Menschen getötet hat, was ist dann mit den 200.000 Menschen, die das syrische Regime getötet hat?"

Widersprüchliche Aufgaben

Die internationale Allianz steht daher vor einem Dilemma. Sie muss den Islamischen Staat

im Irak

ebenso wie in Syrien bekämpfen. Dabei muss sie darauf achten, dass sie dadurch nicht zum politischen Überleben des Assad-Regimes oder einem Erstarken des Iran beiträgt. Dies würden die sunnitischen Bündnispartner nicht akzeptieren. Zudem braucht sie die Unterstützung der in viele Fraktionen gespaltenen arabischen Öffentlichkeit.

US-Außenminister John Kerry in Paris, 15.09.2014 (Foto: AFPG / Getty Images)

Hüter einer schwierigen Koalition: US-Außenminister John Kerry

Ziel dürfe es darum nicht allein sein, den sunnitischen Terrorismus zu bekämpfen. Ebenso müsse man sich gegen den schiitischen Terror wehren, schreibt der Kommentator Salman Aldossary mit Blick auf die ebenfalls im Irak kämpfende schiitische Hisbollah. "Die Wahrheit ist, dass es sunnitischen genauso wie schiitischen Extremismus gibt", so Aldossary in der Zeitung "Sharq al-Awsat". "Die internationale Allianz wird darum so lange keinen Erfolg haben, wie sie nicht alle Formen des Terrorismus zu bekämpfen versucht - sei es sunnitischen, sei es schiitischen."

Der Kampf gegen islamistischen Terrorismus kann langfristig nur gewonnen werden, wenn die Rivalität zwischen den beiden großen islamischen Strömungen ein Ende findet. Derzeit wird diese Rivalität in Syrien und im Irak in Form eines Stellvertreterkriegs ausgefochten. Den Preis für die Rivalitäten der sunnitischen und schiitischen Führungsmächte zahlen die Zivilisten der beiden Länder.

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