1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Botox, Brüste, Kakerlaken: Das Dschungelcamp 2017

Millionen Fans schauen jedes Jahr im Januar zu, wie zwölf Kandidaten für eine TV-Show im Dschungel ihre Würde aufgeben. Silke Wünsch meint: Die Zwölf wissen, was sie da tun - und deswegen darf man auch über sie lachen.

Deutschland Dschungelkönig Menderes Bagci (picture-alliance/dpa/RTL/S. Menne)

Dschungelkönig 2016: Der knuffige Menderes Bagci verdient jetzt Geld mit Auftritten in Discotheken.

Die Kandidaten, die zwei Wochen lang im australischen Dschungel um den Titel "Dschungelkönig" kämpfen, sind zwölf Menschen, die irgendwann in ihrem Leben mal am Showbiz geschnuppert haben. Mal mehr, mal weniger. Es sind Ex-Teilnehmer von Castingshows. Ehemalige Fußballspieler. Models, Skandalnudeln, gealterte Popstars oder Schauspieler. Sie haben eins gemeinsam: Sie verdienen viel Geld für ihren Einsatz im Dschungel. Und dafür nehmen sie in Kauf, dass sie bei ihren Dschungelprüfungen rohe Tierhoden und lebendes Gewürm verspeisen müssen. Oder in dunklen Höhlen von furchtbaren Spinnen, Millionen Kakerlaken und anderen bösartigen Insekten angefallen werden.

"Menschenzoo"

Jedes Jahr aufs Neue finden die Redakteure des TV-Senders RTL genügend freiwillige B-, C- oder auch Z-Promis, die mitmachen wollen und knobeln mit Hilfe von Psychologen aus, welche zwölf Kandidaten sie im Dschungel aufeinander loslassen werden. Konstante Faktoren in diesem "Menschenzoo": Die Zicke. Die Nervensäge. Die Camp-Mutti. Das Weichei. Der Freak. Trotz aller Berechnung sind immer wieder Überraschungen dabei. So wollte es im vergangenen Jahr nicht wirklich zwischen den Kandidaten knallen, weil alle viel zu friedlich gestimmt waren.

Deutschland Fernsehen Serien Dschungelcamp (picture-alliance/dpa)

Daniel Hartwig und Sonja Zietlow sind auch in diesem Jahr wieder das rotzfreche Moderatorenpaar, das an keinem Kandidaten ein gutes Haar lassen wird

Dieses Jahr könnte es anders sein. Das versprechen sich die Macher und haben diesmal ein - vermeintlich - besonders explosives Gemisch zusammengestellt. Mit dabei unter anderem:

Gina-Lisa Lohfink, ehemalige Kandidatin bei "Germany's Next Top Model", bekannter durch einen Skandal-Prozess, in dem sie zwei Männer der Vergewaltigung bezichtigt hat, was sich später als Lüge herausstellte. Für Zündstoff dürfte die Anwesenheit ihres Ex-Lovers Marc Terenzi sorgen. Viel Haut wird das Erotik-Sternchen Sarah-Joelle zeigen; sie "brillierte" bereits in einer Nackedei-Show und fiel dabei nicht nur durch ihre Körperteile auf, sondern auch durch einen extrem hohen Nerv-Faktor. Berühmtester Mann ist wohl der Ex-Fußballweltmeister Thomas "Icke" Hässler, dessen Motivation am Dschungelcamp teilzunehmen nach seinen Worten einzig und allein darin liegt, dass er mal was anderes machen möchte als Fußball zu spielen.

Bei soviel Botox entgleisen keine Gesichtszüge mehr

Der einzige echte Star, der ins Camp einziehen sollte, hat vor Beginn der Show gekniffen: Nastassja Kinski, die Tochter des berühmt-berüchtigten Schauspielers Klaus Kinski, hat angeblich nicht gewusst, auf welche Reise sie da geschickt wurde - bis es ihr jemand gesteckt hat.

Dschungel-Kandidaten 2017 - Kader Loth (Picture-Alliance/dpa/J. Kalaene)

Als "Luxus-Gegenstand" darf Kader Loth Puder und einen Kajalstift mit ins Camp nehmen. Was sie damit wohl übertünchen möchte?

Das lassen wir so stehen und wenden uns der Ersatzkandidatin zu: Kader Loth. Freunden des Trash-Fernsehens ist sie wohlbekannt. Vor 13 Jahren nahm sie an "Big Brother" und "Die Alm" teil. Danach war sie ein It-Girl und streifte durchs Fernsehen, durch die Boulevardblätter und war regelmäßiger Gast auf B-Promi-Partys. Sie ging so oft beim Schönheitschirurgen ein und aus, dass es inzwischen schwerfällt, ihrem Gesicht eine Regung zu entlocken. Botox kommt in diesem Jahr bei besonders vielen Dschungel-Kandidaten zum Einsatz - doch Frau Loth ist zweifelsohne die Botox-Queen. Ähnlich viel Botox hat der 36-jährige It-Boy Florian Wess im Gesicht, was ihm den Spitznamnen "Botox-Boy" eingebracht hat.

Eine TV-Sendung spaltet Deutschland

Kein Fernsehformat spaltet die Nation so wie dieses. Das "Dschungelcamp" - oder wie es richtig heißt: "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" - ist für die einen Fernsehunterhaltung auf niedrigster Stufe, andererseits wurde die Sendung 2013 für den renommierten Grimmepreis vorgeschlagen. Beide Seiten haben Recht. Unser Niveau sinkt stark, wenn wir den Protagonisten dabei zusehen, wie sie sich im Schlamm wälzen, unaussprechliche Dinge essen oder über andere Camp-Bewohner lästern. Es geht an die Grenzen der Geschmacklosigkeit und der Fremdschämfaktor ist extrem hoch. Im Grunde genommen müsste man der Sendung jegliche kulturellen Bezüge absprechen. Psychologen und Soziologen erklären in regelmäßigen Abständen, warum wir einerseits so fasziniert und andererseits so abgestoßen sind. 

Dirk Bach und Sonja Zietlow (picture-alliance/dpa)

Das Grimme-Institut wollte die letzte Staffel, die der 2012 verstorbene Dirk Bach moderiert hat, auszeichnen

Das Grimme-Institut jedoch fand 2013 eine leidenschaftslose und nachvollziehbare Erklärung: Es nominierte das "Dschungelcamp" in der Unterhaltungskategorie, weil es ein "gruppenpsychologisches Experiment sei und aufgrund seiner Überraschungen spannend bis zum Ende", so damals die Begründung des Grimme-Direktors Uwe Kammann. Er lobte auch die Inszenierungen, die Moderationen, die Kamerafahrten, den dramaturgisch geschickten Zusammenschnitt. Verteidiger der Hochkultur konnten es nicht fassen und schwangen empört die Moralkeule - doch im Grunde haben die Grimme-Leute doch recht: Das Format ist trotz seiner Umstrittenheit perfekt gemachtes Unterhaltungs-Fernsehen.

Exzellente Musikauswahl

Den Grimmepreis hat das "Dschungelcamp" letztendlich nicht gewonnen. Doch die Fans sind ihm treu geblieben. Auch wegen dem, was außer den Szenen aus dem Camp und den bösartigen Zwischenmoderationen noch geboten wird: Die Musikredakteure leiten hervorragende Arbeit bei der Auswahl der Stücke, mit denen sie passgenau die Szenen untermalen. Aktueller Mainstream wird da eher spärlich eingesetzt, stattdessen gibt es immer wieder Songperlen, die den Musikkenner in Entzücken versetzen.

Für weiteren Spaß sorgt der Hashtag#ibes auf Twitter. Die Kommentare der User übertreffen sich in Witz, Ironie und Gehässigkeit. Was die Kritiker regelmäßig auf den Plan ruft: Es sei niederträchtig und völlig niveaulos, sich auf Kosten derer, die aufgrund finanzieller Notlagen in den Dschungel gehen, zu amüsieren.

Zu nichts anderem aber ist dieses Format erfunden worden und läuft nicht nur im Deutschen Fernsehen, sondern auch in Großbritannien (dort kommt es her), Rumänien, Ungarn, den Niederlanden, Dänemark - und selbst in Australien. Funfact: Die Australier drehen nicht im eigenen Land, sondern im Krüger Nationalpark in Südafrika. Gelaufen ist das Format auch in Frankreich, Schweden, in den USA und in Indien.

Die Kandidaten wissen, was sie da tun

Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! Dschungelprüfung (RTL)

Kandidaten, die dem Zuschauer nicht gefallen, werden gerne in die Ekelprüfungen geschickt

Ob aus finanzieller Notlage heraus oder in der Hoffnung, der Karriere nochmal einen Schub zu geben: Wer nach elf Jahren Dschungelcamp noch nicht gemerkt hat, auf was er sich da einlässt, dem ist auch dann nicht mehr zu helfen, wenn die halbe Nation empört wegguckt.

Die Zuschauer sind durchaus geneigt, einem netten, sympathischen Kandidaten ihre Gunst zu erweisen. So konnte im letzten Jahr das Busenwunder Sophie Wollersheim durch ihre ehrliche Art punkten, der bescheidene und sympathische Menderes Bagci wurde zum Sieger gekürt. Wer sich aber schlecht benimmt, intrigant und hinterhältig ist, der wird von den Zuschauern bestraft, in die übelsten Prüfungen geschickt und fliegt dann über kurz oder lang raus. Denn die Zuschauer entscheiden letztendlich, wen sie sehen wollen. Und das sind in der Regel die Guten.

Unterm Strich hat die Teilnahme noch keinem dieser "Stars" geschadet. Denn nach ihrem Dschungelurlaub werden die meisten Kandidaten regelmäßig in die Formate zurück geholt, aus denen sie einst gekommen sind - wenn sie sich im Dschungel besonders hervorgetan haben. Wichtig für ihre weiteren Auftritte in der Öffentlichkeit sind die Spuren, die die Camper hinterlassen, egal ob als Kotzbrocken oder Sympath - dementsprechend werden sie gebucht. Der Titel "Dschungelkönig" ist dagegen so viel wert wie eine Kakerlake bei einer Dschungelprüfung.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links