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Aktuell Amerika

Boston-Bomber: Todesstrafe kam überraschend

Das Todesurteil gegen den Boston-Attentäter Dschochar Zarnajew (links) sorgt in den USA für heftige Debatten. Befürworter und Gegner der Hinrichtungen stehen sich wieder gegenüber. Gero Schließ berichtet aus Washington.

Das Grauen ist wieder da, so, als wäre es gestern gewesen und nicht vor gut zwei Jahren - damals, als der Boston-Marathon in einem Blutbad endete. Immer wieder zeigen CNN, Fox News und andere amerikanische TV-Sender die Bilder von der Zielgeraden, als plötzlich Bomben detonieren, Menschen schreien, Rauchwolken aufsteigen und das Chaos ausbricht.

Schlimmster Anschlag seit 9/11

Diese Fernsehbilder haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt, nur vergleichbar mit den Bildern des Anschlags von 9/11. Dazu hört man Kommentare von sendereigenen Rechtsexperten, die Sympathien für das Todesurteil erkennen lassen, das nun gefallen ist: "Die Monströsität und das Teuflische des Anschlags können nicht überbewertet werden", sagt einer von ihnen und blickt streng durch die dunkelgeränderte Brille.

Boston Marathon Explosion Anschlag 2013

Das Ende des Marathons 2013

Doch die Todesstrafe für Dschochar Zarnajew hat viele überrascht, auch Joseph Wippl, Rechtsexperte von der Universität Boston und ehemaliger CIA-Mitarbeiter: "Die Verteidigung hat sehr gute Argumente vorgetragen", sagt Wippl der Deutschen Welle, unmittelbar nachdem das Gericht in Boston das Todesurteil bekannt gegeben hat. Die Verteidigung habe darauf verwiesen, dass Zarnajew sehr jung sei und aus einer ideologisch vorbelasteten Familie komme, insbesondere geprägt durch seine Mutter. "Und dann der Fakt, dass er unter starkem Einfluss seines radikalisierten älteren Bruders war", sagt Wippl und gibt damit das Hauptargument von Zarnajews prominenter Anwältin Judith Clarke wieder.

Die Verteidigung habe alles getan, um die Todesstrafe abzuwenden und eine lebenslange Haftstrafe zu erreichen. "Aber das hat offensichtlich die Jury nicht überzeugt, die insbesondere von den Opfern des Bombenanschlags beeinflusst war“, konstatiert Wippl.

Die Porträts der Opfer sind nun im Fernsehen zu sehen, die Moderatoren nennen ihre Namen und ihr Alter. Drei Menschen waren bei dem Anschlag ums Leben gekommen und mehr als 200 verletzt worden, viele davon mit bleibenden gesundheitlichen Schäden.

"Ein Akt von Terrorismus"

Angesichts der "Gemeinheit und der Schwere des Verbrechens" sei die Todesstrafe "fair und gerecht", sagt Staatsanwältin Carmen Ortiz auf einer Pressekonferenz vor dem Gerichtsgebäude. Sie spricht auch von den politischen Motiven der Zarnajew-Brüder und schlussfolgert: "Das war ein Akt von Terrorismus."

Einige der Opfer waren im Gerichtssaal, als das Todesurteil verkündet wurde. Sie hätten gefasst nach vorne geschaut, ohne den Blickkontakt mit dem Angeklagten zu suchen. Auch Zarnajew, berichten Journalisten hinterher weiter, habe keine Regungen gezeigt. Einige der Opfer äußern sich über Social Media zum Urteil. Sydney Corcoran twittert: "Meine Mutter und ich glauben, dass er jetzt endlich aus unserem Leben verschwindet und wir wieder nach vorne blicken können", schreibt sie. Das Urteil sei nach dem Motto "Auge um Auge" gesprochen worden, zitiert sie die biblische Vergeltung.

Ein Mann namens Jordan antwortet auf Corcorans Tweet: "Ich bin kein Unterstützer der Todesstrafe, aber ich werde ihm keine Träne hinterherweinen." Adrianne Haslet, eine andere Überlebende, schreibt auf Twitter: "Ich bin begeistert von dem Urteil."

Bostons Bürger gegen die Todesstrafe

Die neue US-Justizministerin Loretta Lynch drückt ihre Zustimmung zurückhaltender aus und nennt das Urteil "eine passende Bestrafung für dieses horrende Verbrechen". Kein Urteil könne die Seelen derer heilen, die ihre geliebten Angehörigen verloren haben, läßt sie per Pressemitteilung ausrichten, "ebensowenig die Seele und den Körper derjenigen, die durch diese feige Tat lebenslang unter den Verletzungen leiden".

Professor Joseph Wippl / Boston Universität

Ebenfalls ein Gegner der Todesstrafe: Joseph Wippl

Die meisten in Boston seien gegen das Todesurteil, sagt Joseph Wippl und schätzt, dass Gegner die Befürworter in einem Verhältnis von 60 zu 40 überwiegen. Der Bundesstaat Massachusetts, in dem Boston liegt, hat die Todesstrafe schon lange abgeschafft. Da der Fall aber nach Bundesrecht verhandelt wurde, spielte das beim Verfahren gegen Zarnajew keine Rolle.

Auch Rechtsexperte Wippl zählt zu den Gegnern der Todesstrafe und hält das Urteil deswegen für "schlecht". Es gebe kaum noch hochentwickelte Staaten, die die Todesstrafe verhängten, sagt er. Nur noch Länder wie China, Saudi Arabien oder Iran würden das tun, "aber das sind seltsame Bettgenossen". Außerdem befürchtet Wippl, dass Zarnajew nun "zu einem Märtyrer für islamische Extremisten" hochstilisiert werden könnte. Wenn er lebenslänglich ohne Berufung bekommen hätte, wäre das verhindert worden, so Wippl.

Amerikaner diskutieren

Das Todesurteil für Dschochar Zarnajew beschäftigt viele Menschen in den USA, auch in der Hauptstadt Washington. "Das war die falsche Entscheidung", meint Fernando Laguarda. Er sei sehr enttäuscht, dass die Todesstrafe verhängt worden sei, weil er auch generell dagegen sei. "Ich respektiere die Entscheidung, dass er schuldig gesprochen wurde, aber er sollte dafür für eine lange Zeit hinter Gitter." Martha O´Donnel sagt, lebenslänglich wäre vermutlich schmerzhafter für Zarnajew gewesen als die Todesstrafe. Sammantha Rose dagegen spricht von einer "fairen Strafe". Der Täter sei selbst mit seinen 21 Jahren alt genug gewesen um zu wissen, was er tat.

Prozess Terroranschlag Boston Proteste gegen Todesstrafe

Proteste gegen die Todesstrafe vor dem Gerichtsgebäude

Wann die Todesstrafe vollstreckt wird, ist nicht absehbar. Es gilt als sicher, dass Zarnajews Verteidigung gegen das Urteil Berufung einlegt. Joseph Wippl und andere Beobachter vermuten, dass sie der Jury Voreingenommenheit vorhalten dürfte. Alle Jury-Mitglieder stammen nämlich aus Boston und Umgebung, jeder hat vermutlich seine eigene Geschichte im Zusammenhang mit dem Attentat. Bis ein Berufungsgericht sein Urteil spricht, wird vermutlich viel Zeit vergehen. "Ich sag's Ihnen", seufzt Wippl, "es wird viele, viele Jahre dauern".

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