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Wirtschaft

Boss zeigt Biss

Erst Hungerlöhne, dann Pressezensur: Die Clean Clothes Campaign erhebt schwere Vorwürfe gegen die Luxusmarke Hugo Boss. Die Veröffentlichung einer Studie wurde anwaltlich behindert.

Niedriglöhne in der Textilindustrie sind ein Aufreger, Pressezensur ist es ebenso. Wenn beides in einen direkten Zusammenhang mit einem großen, nein: einem glamourösen deutschen Unternehmensnamen gerät, könnte leicht eine Skandalgeschichte daraus werden.

Am Ursprung der - möglichen - Skandalgeschichte steht die nüchterne Wissenschaft: Die Clean Clothes Campaign, die die Arbeitsbedingungen von rund drei Millionen Textilarbeiterinnen in neun osteuropäischen Ländern und in der Türkei #link:http://cleanclothescampaignireland.org/wp-content/uploads/2014/06/Stitched-Up-Eastern-Europe-Report.pdf:ausgewertet hat#, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Hugo Boss Arbeiterinnen weit unter dem ortsüblichen Mindestlohn bezahlt.

Durch anwaltliches Drohgebahren erreichte das Unternehmen anschließend, dass der Firmenname aus der Pressemitteilung zur Studie getilgt wurde.

"Übliche" Hungerlöhne, "untragbares" Verhalten

Die Luxusmarke sei mit ihrer - laut Studie - extremen Niedriglohnpolitik in Nähfabriken nicht allein, wie die Urheberinnen betonen: "Das (Ergebnis von Hugo Boss, Anm. d. Red.) ist nicht der 'worst case'", sagt Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign im Gespräch mit der DW. Es sei gang und gäbe, dass gerade Aufträge über Luxusartikel, die in kleineren Stückzahlen hergestellt werden, an osteuropäische Nähereien vergeben würden, während in Asien eher die Serienproduktion von Billigketten angesiedelt sei.

Die Lücke zwischen gesetzlichem Mindestlohn und dem geschätzten existenzsichernden Basis-Lohn klaffe in den europäischen Niedriglohnländern aber noch stärker als in Asien, so die Erhebung. Bei Modehäusern im höheren Preissegment - wie Hugo Boss oder auch Max Mara - stehen die Löhne, die in der Fertigung offenbar bezahlt werden, daher in besonders krassem Gegensatz zu den Endpreisen.

Dass derartige Botschaften wenig schmeichelhaft für's Firmenimage sein können, liegt auf der Hand. Doch Musiolek findet noch deutlichere Worte für das, was sich nach Veröffentlichung der Studie zwischen dem Luxuskonzern und Studienurhebern abgespielt hat: "Kein anderes Unternehmen hat versucht, die kritische Berichterstattung zu unterbinden. Dieses Verhalten ist untragbar."

Fashionweek-Show von Hugo Boss. Foto: Sebastian Willnow/dapd

"Vertrauensvolle Zusammenarbeit" mit den Lieferanten - das Luxus-Modelabel Hugo Boss

Die Erhebung sei dem Unternehmen bereits eine Woche vor Veröffentlichung mit der Bitte um Stellungnahme zugestellt worden. Eine Reaktion kam allerdings erst, als sie der Presse zugänglich gemacht wurde: Dann habe Hugo Boss eine bekannte Anwaltskanzlei engagiert, um zu erreichen, dass der Unternehmensname aus der Pressemitteilung gestrichen wird. Das #link:http://www.presseportal.de/:Portal, das die Meldung veröffentlicht hatte,# kam dieser Forderung umgehend nach. Die Anwaltskanzlei habe mit Unterlassungserklärungen, Abmahnungen und weiteren Schritten gedroht. "Die Verantwortlichen haben uns gesagt: "Wir kennen diese Anwaltskanzlei, die machen das wirklich. Deshalb nehmen wir den Namen Hugo Boss jetzt wirklich besser überall raus.'" Das Informationsportal bestätigte diese Angaben gegenüber der DW.

"Vertrauensvolle Zusammenarbeit"

Die Nobelmarke dementiert nicht, zieht aber ihrerseits die Studienergebnisse in Zweifel: "Den Vorwurf, Hugo Boss unterschreite die ortsüblichen Mindestlöhne, weisen wir ganz klar zurück", heißt es in der Stellungnahme des Unternehmens gegenüber der DW. Der Konzern arbeite vielmehr "vertrauensvoll mit seinen Lieferanten zusammen, die regelmäßig von unabhängigen und eigenen Teams überprüft werden. Hierbei wird streng darauf geachtet, dass die Lieferanten mindestens den jeweiligen gesetzlichen Mindestlohn einhalten." Dies entspreche "nicht zuletzt den Sozialstandards des Konzerns, die auf den Konventionen der International Labor Organisation (ILO) sowie der 'Universal Declaration of Human Rights' der Vereinten Nationen basieren." Von Armutslöhnen könne dem entsprechend "nicht die Rede" sein.

Dem widersprechen die Studienergebnisse: Danach verdienen Hugo-Boss-Näherinnen in der Türkei und in Kroatien nur lediglich ein Drittel dessen, was sie zum Leben bräuchten. "In der Türkei zum Beispiel liegt das Existenzminimum - das auf türkisch die 'Hungergrenze' genannt wird - für eine Familie bei 1002 Euro, einige Gewerkschaften sprechen auch von 1100 Euro", so Musiolek. "Der durchschnittliche Lohn der Arbeiterinnen, die Hugo-Boss-Bekleidung nähen, liegt allerdings zwischen 330 bis 400 Euro." Sie prangert zudem an, dass sich das deutsche Unternehmen nicht dafür einsetzt, dass sich das Personal gewerkschaftlich organisieren kann. "Da ist einfach kein Kläger. Die Arbeiterinnen sind so verschüchtert, dass sie sich überhaupt nicht wehren." Wer sich in Gewerkschaften organisiere, werde in der Türkei bis heute "diffamiert und als PKK-Terrorist bezeichnet".

Näherin in der Türkei. Foto: Mustafa Ozer/dpa

330 bis 400 Euro, nur ein Drittel des Mindestlohns, verdient eine türkische Näherin - so die Clean Clothes Campaign

Rund neun Millionen Betroffene

Die Studie hat die Arbeitsbedingungen bei 50 führenden europäischen Bekleidungsunternehmen ausgewertet, darunter auch H&M, C&A, Zara, Adidas, Puma, Nike, Levi's, Benetton, Tom Tailor und Max Mara. Überprüft wurden nur direkte Lieferanten der Modehäuser. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ergebnisse einer (bereits geplanten) Überprüfung von Unterlieferanten noch einmal "wesentlich schlechter" ausfallen.

Zugrundegelegt wurden offizielle Statistiken, wonach in den untersuchten Ländern rund zwei Millionen Arbeiterinnen registriert sind. Konservativ geschätzt beträgt die Zahl der unregistrierten Beschäftigten, die ohne jede soziale Sicherheit arbeiten, eine weitere Million, so Musiolik. In den untersuchten postsozialistischen Ländern beläuft sich die Summe der registrierten Arbeiter und Arbeiterinnen auf 700.000, die der unregistrierten auf 350.000.

In der Türkei sind in der Bekleidungs- und Lederindustrie 508.000 Personen registriert; mindestens 1,5 Millionen arbeiten informell. Bei einer - niedrig angesetzten - Familiengröße von durchschnittlich drei Personen seien daher "mindestens neun Millionen Menschen" von den Arbeitsbedingungen in den Nähfabriken abhängig, da diese Einkommen häufig die einzigen seien - und auch die einzigen, die an Sozialabsicherungen geknüpft sind.

Gezielt um eine Stellungnahme zum anwaltlichen Eingreifen gebeten, schickt der Unternehmenssprecher von Boss eine weitere Mail: "Bezüglich Ihrer Anfrage können wir sagen, dass eine Agenturmeldung zurückgezogen wurde, weil sie in Bezug auf uns inhaltlich nicht richtig war. Dies ist, wie Sie wissen, in keiner Weise ungewöhnlich."

Weshalb das Unternehmen allerdings zunächst auf Presseanfragen - unter anderem vom Spiegel - abwehrend und bis heute nicht mit Transparenz und der Veröffentlichung der hauseigenen Zahlen reagiert, bleibt offen. Dies wäre ein effizientes und zudem übliches Mittel, der Firmensicht argumentatives Gewicht zu verschaffen.

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