1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fokus Südosteuropa

Bosnische Arbeiter gehen auf die Straße

Arbeitsniederlegungen häufen sich, weil Arbeitgeber Löhne zu spät zahlen oder Menschen wegen der Wirtschaftskrise die Kündigung droht. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit steigen die sozialen Spannungen im Lande.

Mann wartet am Bahnhof, Symbolbild für Arbeitslosigkeit (Foto: Bilderbox)

Arbeitslosigkeit steigt rasant

In den vergangenen Monaten häufen sich die Arbeitsniederlegungen in Bosnien und Herzegowina. Beobachter führen das auf die schlechte wirtschaftliche Führung von Unternehmen zurück. Besonders unzufrieden sind Arbeiter und Angestellte staatlicher Betriebe.

In Sarajewo sind beim größten bosnischen Groß- und Einzelhändler für Baumaterial 70 Mitarbeiter in den Streik getreten, weil sie seit 70 Monaten nur einen Minimallohn erhalten haben, und das auch noch mit monatelanger Verspätung. Zugleich sind über zehn Gewerkschaftssekretäre einer Maschinen- und Hydraulikfabrik im zentralbosnischen Novi Travnik in Hungerstreik getreten. Sie möchten die Lohnforderungen der 350 Mitarbeiter dieser Firma durchzusetzen.

Generalstreik nicht ausgeschlossen

Gewerkschaftsbund von Bosnien und Herzegowina steht auf einem Schriftband, darunter sitzen auf einem Podium drei Männer, im Vordergrund sitzt das mit dem Rücken zum Betrachter zugewandte Publikum (Foto: DW)

Gewerkschaften erhöhen Druck auf Arbeitgeber

Die Vorsitzende der Einzelhandelsgewerkschaft der Föderation Mersiha Besirovic sagt, dies sei nur der Beginn eines sozialen Aufbegehrens. "Die Gewerkschaften stehen vor der Herausforderung jetzt ihre Kampfkraft unter Beweis zu stellen." Es sei auf jeden Fall absehbar, dass wegen der steigenden sozialen Spannungen und finanziellen Notlage der Arbeitnehmer ein Protest auf den nächsten folgen werde, "bis sie kulminieren", prognostiziert die Gewerkschafterin.

Die Gewerkschaft in der Serbenrepublik fordert unterdessen einen neuen Tarifvertrag, sozialen Schutz sowie bezahlte Überstunden. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, hat sie einen Generalstreik in der gesamten Entität angekündigt. Zudem wirft sie zahlreichen Arbeitgebern in dieser Entität vor, die Weltwirtschaftskrise als Ausrede zu nutzen, um Mitarbeiter zu entlassen.

Wirtschaftswissenschaftlerin Svetlana Cenic meint, diese Situation sei bereits vergangenes Jahr absehbar gewesen, weil die Regierung nichts unternommen habe, um den arbeitsrechtlichen Status der Arbeitnehmer zu verbessern.

Explodierende Arbeitslosenquote

Einschätzungen zufolge haben 2009 rund 70.000 Arbeitnehmer in Bosnien-Herzegowina ihre Arbeit verloren. Dazu kommen weitere 2.000 Mitarbeiter des größten bosnischen Holzverarbeiters Krivaje, weil dort die Produktion eingestellt wurde.

In einer weiteren mittelbosnischen Stadt streiken 60 Mitarbeiter eines mittelständischen Hotel- und Gaststättenbetriebes, weil sie seit September 2009 keine Lohnauszahlungen mehr bekommen haben. "Für Oktober haben wir noch einen Anteil bekommen, und jetzt warten wir darauf, dass unser Firma das Geld aufbringt", klagt ein Mitarbeiter.

Die Gewerkschaften schreiben den Arbeitgebern die Schuld zu und werfen ihnen mangelnde Fürsorge für die Mitarbeiter vor. Die Gewerkschaftsvorsitzende der Serbenrepublik Ranka Misic sagt, das Maß sei voll und ein Streik sei im Augenblick die einzige legitime Waffe der Arbeiter: "Wir haben drei, vier, ja fünf nicht ausgezahlte Monatslöhne ausgehalten. Wir können nicht zulassen, dass die Regierung in Banja Luka diejenigen unterstützt, die unsere Rechte missachten", so die Gewerkschaftsführerin.

Regierung Mitschuld

Banja Luka Regierungssitz (Foto: DW)

Vorwürfe gegen die Regierung in Banja Luka entkräftet

Wirtschaftsexperten zufolge tragen dagegen nicht allein die Arbeitgeber die Schuld an der desolaten Lage, sondern auch die Behörden in Bosnien. Diese hätten es versäumt, ein positives Klima für Beschäftigung zu schaffen. Wirtschaftsexpertin Cenic räumt aber auch ein, dass manche Arbeitgeber die schlechte Wirtschaftslage ausnutzten, um bequem Personal abzubauen. Dies könne aber nicht verallgemeinert werden: "Denn welcher Arbeitgeber wird schon einen guten Arbeiter freiwillig entlassen", gibt Cenic zu bedenken.

Nach Angaben der Agentur für Arbeit in Bosnien-Herzegowina haben im vergangenen Jahr 73.000 Arbeitnehmer ihre Arbeit wegen der Rezession verloren. Die Arbeitslosenquote ist in Bosnien-Herzegowina mit über 40 Prozent ohnehin sehr hoch. Es wird indes angenommen, dass die Dunkelziffer noch höher ist, weil die amtlichen Angaben nicht die Entlassungen von Schwarzarbeitern enthalten. Schätzungen zufolge wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt dieses Jahr nicht verbessern. Daher fürchten Experten, das die sozialen Spannungen sich dieses Jahr verstärken werden.

Autoren: Dragan Maksimovic / Mirjana Dikic

Redaktion: Fabian Schmidt

Die Redaktion empfiehlt