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Fokus Osteuropa

Bosnien-Herzegowina: Interreligiöser Dialog als Herausforderung

In Bosnien-Herzegowina leben Christen, Muslime und Juden zusammen. Nach Krieg und Verbrechen gegen Angehörige aller Ethnien ist das friedliche Zusammenleben nicht einfach. Doch es gibt viel versprechende Ansätze.

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Gemeinsamkeit Monotheismus

Auch mehr als zehn Jahre nach dem Krieg in Bosnien-Herzegowina herrschen noch Spannungen unter den Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Die Gräueltaten, die man sich gegenseitig angetan hat, sind noch nicht gänzlich überwunden. Vertriebene sind zum Teil noch nicht in die Orte zurückgekehrt, wo sie vor dem Krieg lebten. Doch es besteht der Wille, friedlich zusammen zu leben. Als einen Weg zur Versöhnung betrachten gerade Religionsvertreter, den interreligiösen Dialog voranzutreiben.

So unterstützt etwa die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung in Sarajewo Projekte, die den interreligiösen Dialog fördern. Ein großes, europaweit einzigartiges Projekt ist das kürzlich gegründete "Institut für Interreligiösen Dialog". Dort sollen sich die Angehörigen der verschiedenen Religionen austauschen und sich, beziehungsweise die Religion des Anderen, kennen lernen. Christina Krause, Leiterin des Regionalbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sarajewo, erklärt die Ausgangslage so: "Die Probleme bestehen darin, dass die Religionsgemeinschaften und Kirchen eigentlich nicht mehr auf Augenhöhe sind. Nach dem Krieg, aber auch schon vorher, gab es sehr viele tiefgehende Verletzungen und sehr viele Mythen, die dann letztendlich auch die Religionsgemeinschaften getrennt haben".

Achtung vor dem Glauben des Anderen

Um eine Wiederannäherung von außen zu unterstützen, sei es erforderlich, an etwas anzuknüpfen, was in Bosnien-Herzegowina schon vor dem Krieg existiert habe, meint Pfarrer Christoph Ziemer, der viele Jahre lang solche Projekte begleitet hat: "Es gibt in Bosnien eine Tradition der wechselseitigen Achtung der Religionen. Es heißt: Wer den Glauben des Anderen nicht achtet, der achtet auch seinen eigenen nicht. Es gibt also eine alte Tradition der Achtung des Glaubens des Anderen. Es gibt bestimmte Brücken, an denen sich Beziehungen festmachen. Das sind z. B. die Feste", meint Ziemer. Eine weitere Möglichkeit, einen friedlichen Weg zu finden, sei es, über das zu sprechen, was zwischen den Völkern stehe – also konkret über den Krieg, die Gewalt. Dafür müsse eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden. So berichtete Pfarrer Ziemer, der sich in der ehemaligen DDR aktiv für die Wiedervereinigung einsetzte, von der deutschen Vergangenheit und was es heißt, die eigene Schuld anzuerkennen und nach den Verbrechen weiter zu leben. Ziemer erinnert sich: "Ich sollte darüber reden, was nach dem 2. Weltkrieg passiert ist. Und ich habe versucht, das so redlich wie möglich zu machen. Redlich, aufrichtig, so genau wie möglich, auch mit den Schwierigkeiten, die wir da gehabt haben, aber auch den Schritten, die wir gegangen sind. Und das Echo war für mich ganz bewegend." Denn die Menschen fingen an, darüber zu sprechen, welche Schuld sie und ihr Volk auf sich geladen hätten, erklärt Pfarrer Ziemer.

Wissen schafft Vertrauen

Das gegenseitige Kennenlernen der Religion und der Traditionen schaffe Vertrauen, meint auch Mato Zovkic, Generalvikar der Erzdiözese Sarajewo. Dafür gegründet worden sei in Bosnien vor zehn Jahren der so genannte Rat für Interreligiösen Dialog. Versammelt sind darin die Oberhäupter aller Konfessionsgemeinschaften in Bosnien-Herzegowina.

Dennoch fehle es noch immer an Wissen übereinander, meint Zovkic: "Wenn man jemanden nicht kennt, dann kann derjenige, der anders ist, eine Gefahr für mich werden. Natürlich lebt man in Bosnien seit Jahrhunderten zusammen. Man hat eine gewisse generelle Information: was feiert mein Nachbar – Weihnachten oder muslimische Feste, aber man müsste mehr über den Glauben, die Tradition, die Spiritualität des Nachbarn wissen. Nur so können wir mehr Vertrauen zu einander haben", meint der Generalvikar.

Annäherung schon im Kindesalter

Des Weiteren arbeitet der Interreligiöse Rat auch mit dem Nachwuchs. Im Juni wurde beispielsweise ein Sommercamp für 40 Kinder im Alter von acht bis 14 Jahren organisiert. Teilgenommen haben jeweils zehn Kinder aus jeder Religionsgemeinschaft. Eine Woche lang sollten sie miteinander über die religiösen Sitten ihrer Glaubensgemeinschaft sprechen. "Religionslehrer der jeweiligen Gemeinden sind dabei und erklären den anderen katholische Sitten, muslimische Sitten, jüdische Sitten, orthodoxe Sitten. Das ist eine sehr gute Initiative zu interreligiösem Zusammenarbeiten auf der Ebene der Jugend. Nach dem Krieg, nach der so genannten ethnischen Säuberung, sind die meisten Schulen bei uns ein-ethnisch. Es ist wichtig, dass die jungen Leute sich treffen, kennenlernen und Freundschaft schließen", so Zovkics Überzeugung.

Mirjana Dikic
DW-RADIO, 4.7.2007, Fokus Ost-Südost