1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

FIFA

Borbely: "Hunderte Fälle noch offen"

Nach ihrer Absetzung prophezeien die Ex-Ethikchefs der FIFA eine düstere Zukunft. Angesichts von mehreren hundert offenen Fällen drohen erhebliche Verzögerungen. Auch beim Skandal um die WM-Vergabe an Deutschland.

Durch das kontroverse Aus für die FIFA-Ethiker droht in mehreren hundert Fällen eine Hängepartie. Im 13. Stock des Al Raya Suites Hotel von Manama prophezeiten die abgesetzten Ethikchefs eine düstere Zukunft für die FIFA und rechneten scharf mit der Weltverbandsspitze um Präsident Gianni Infantino ab. "Der Reformprozess ist gestoppt, zumindest um Jahre zurückgeworfen. Die FIFA wird deswegen leiden", sagte der Schweizer Ex-Chefermittler Cornel Borbely neben dem deutschen Richter Hans-Joachim Eckert mit schneidender Stimme. "Ohne funktionierende Ethikkammer ist der Ethikcode ein totes Blatt Papier."

Der Schweizer berichtete bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz mit Blick auf das FIFA-Kongresszentrum, dass es derzeit "mehrere hundert" Ermittlungen gebe. Darunter ist auch noch das schwebende Verfahren um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland. Im März 2013 hatten die Ethikhüter ihre Ermittlungen gegen die WM-Macher um Beckenbauer aufgenommen. "Es wird sich verzögern", sagte Eckert generell, ohne auf spezielle Fälle einzugehen. Die entscheidende Frage sei: "Wie lange brauchen die neuen Kollegen, um sich einzuarbeiten in die neue Materie?" Und auch, mit welcher Vehemenz die Fälle weiter verfolgt werden, bleibt fraglich.

Nur Grindel und Gulati opponieren

Die Front gegen Eckert und Borbely war innerhalb des 37-köpfigen FIFA-Council allerdings nahezu geschlossen. Als einzige Mitglieder hatten DFB-Präsident Reinhard Grindel und US-Verbandschef Sunil Gulati sich während der Sitzung offen gegen den Personalplan Infantinos ausgesprochen. "Ich habe eindringlich darauf hingewiesen, dass es eine sehr schwierige Entscheidung ist, da nach meiner Einschätzung die Arbeit von Eckert und Borbely durchaus geschätzt worden ist", berichtete Grindel. Vergeblich. Für den Posten der Chefermittlerin schlug das Council die Kolumbianerin Maria Claudia Rojas vor, die rechtsprechende Kammer soll der frühere Präsident des Europäischen Gerichtshofs, Vassilios Skouris aus Griechenland, leiten. Dass sie beim Kongress am Donnerstag bestätigt werden, steht nicht in Zweifel.

FIFA-Experte: "Wie bei Trump und Comey"

Florian Bauer ARD Sportreporter (Florian Bauer)

FIFA-Experte Florian Bauer

FIFA-Experte Florian Bauer zog im DW-Interview eine Parallele zur Absetzung des bisherigen FBI-Chefs James Comey durch US-Präsident Donald Trump. "Ein Präsident sorgt dafür, dass die Ermittler ausgetauscht werden, die gegen ihn ermittelt haben", sagte Bauer und wies auf einen weiteren Grund für die Verzögerung in den laufenden Verfahren hin. "Die FIFA ist in der Schweiz angesiedelt und bewegt sich daher unter Schweizer Recht. Wer von den beiden Neuen kennt sich mit Schweizer Rechtsprechung im Detail aus? Es wird dauern, sich hier einzuarbeiten - und natürlich müssen Rojas und Skouris sich in die über hundert noch offenen Fälle einlesen."

Infantino hatte die Neuaufstellung mit Beschwerden über zu europäisch dominierte Kommissionen begründet – allerdings verzichtete er darauf, die Entscheidungen der Öffentlichkeit direkt nach der Councilsitzung zu erläutern. "Es ist nicht so, als hätten wir sie mit nicht-unabhängigen Leuten ersetzt", sagte FIFA-Vizepräsident Victor Montagliani aus Kanada bei BBC Radio 5 und kritisierte stattdessen Eckert und Borbely. "Es ist mir unangenehm, wenn Richter mit den Medien sprechen, sowohl während ihrer Amtszeit als auch danach. Ich denke, das ist ziemlich unprofessionell."

"Politisch motiviert"

FIFA - Gianni Infantino (picture-alliance/dpaE. Leanza)

Kann alles erklären - FIFA-Präsident Infantino

Nach eigenen Angaben erfuhren Eckert und Borbely erst nach der Landung in Bahrain durch die Medien von ihrem Aus. "Die Absetzung war unnötig und deswegen ausschließlich politisch motiviert", sagte Borbely. Seit 2015 habe die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer über siebzig Funktionäre verurteilt. Darunter waren auch der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter und Ex-UEFA-Chef Michel Platini.

Eckert sieht durch die Personalentscheidungen auch offene Fragen für den Weltverband rund um die strafrechtlichen Verfolgungen in der Schweiz und den USA wegen des FIFA-Korruptionsskandals zukommen. "Was werden die Strafverfolger in Bern machen? Was werden die Strafverfolger in den USA machen?", fragte der Korruptionsexperte aus München. "Aber es wird nicht einfacher für die FIFA." Im laufenden US-Verfahren gilt die FIFA bislang als Opfer - sollte sich dies ändern, würde dies die Lage massiv verschärfen.

asz/sw (sid, dpa)

Die Redaktion empfiehlt