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Politik

Bootcamps für Jugendliche: Drill ohne Nutzen

Gehorsam, Disziplin, militärischer Drill: Konservative deutsche Politiker wollen kriminelle Jugendliche in Erziehungslager nach US-Vorbild stecken. Doch machen Bootcamps aus jungen Straftätern tatsächlich brave Bürger?

Ein Ausbilder drängt einen Jugendlichen in einem Erziehungslager in Florida zu Liegestützen (Mai 2006, Quelle: DPA)

Mit militärischem Drill aus der Kriminalitätsfalle?

Besucht man im Internet die Seiten einschlägiger US-amerikanischer Erziehungslager, springt einem ein Motiv immer wieder ins Auge: Ein junger Mann mit kahl rasiertem Kopf, die Augen aggressiv auf den schutzbefohlenen Jugendlichen gerichtet, der Mund weit aufgesperrt - zur Gebrüll-Grimasse verzerrt.

Sportprogramms für jugendliche Sexualstraftäter in den USA(März 2007, Quelle: DPA)

Drill statt "Kuschelpädagogik" fordern deutsche Konservative

Drill, militärisches Gebrüll, unbedingter Gehorsam: Mit Armee-Methoden versuchen die USA seit 20 Jahren Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind, in so genannten Bootcamps wieder in die Gesellschaft einzugliedern - als Alternative für ein- bis zweijährige Haftstrafen. Wer sich für drei Monate den Torturen des Camps aussetzt, kann in die Freiheit entlassen werden. Mittlerweile können Eltern ihre schwererziehbaren Kinder auch dann dem "Teenage Help Service" übergeben, wenn sie noch nicht straffällig geworden sind - und die präventive Erniedrigung ihrer Sprösslinge mit bis zu 10.000 Dollar monatlich bezahlen.

Demütigen, brechen, aufbauen

Vorbild der Erziehungslager ist die militärische Grundausbildung, das so genannte Bootcamp der US-Marines: Die Rekruten stehen dort für 13 Wochen unter ständiger körperlicher Anspannung, sind permanent den Erniedrigungen ihrer Ausbilder ausgesetzt. Das Prinzip: Sie werden gedemütigt, gebrochen - und wieder aufgebaut.

Was viele Amerikaner als effiziente Erziehungsmethode feiern, wollen nun auch konservative Politiker in Deutschland renitenten Jugendlichen angedeihen lassen. Denn seit vor gut zwei Wochen zwei Jugendliche einen Rentner in der Münchner U-Bahn krankenhausreif geschlagen hatten, kocht eine Debatte über härtere Strafen und Erziehungsmethoden für minderjährige Delinquenten - eine Wahlkampfdebatte.

Delinquenten als Wahlkampfthema

Der hessische Ministerpraesident und Spitzenkandidat der CDU, und Innenminister Volker Bouffier präsentieren ein Wahlplakat (2.1.2008, Quelle: AP)

Will mit einer Sicherheitsdebatte die Wahl gewinnen: Roland Koch (l.)

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der bei der Landtagswahl Ende Januar um sein Amt fürchten muss, veröffentlicht fast täglich neue Forderungen zu härteren Strafen für Jugendliche. Kriminelle ausländische Jugendliche will er am liebsten abschieben, bei deutschen Delinquenten sollen härtere Strafen und Bootcamps helfen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich am Freitag (4.1.2008) für einen "Warnschuss-Arrest" von einigen Wochen und Erziehungslager aus.

Dabei sind die rauen US-Erziehungsmethoden bei Pädagogen wie Kriminologen in Deutschland sehr umstritten. "Diese Bootcamps in den USA, die hier jetzt als großes Modell gefeiert werden, sind Dressur- und Folteranstalten, da kann man nur dringend vor warnen", sagt der Bamberger Erziehungswissenschaftler Georg Hörmann, der zum Thema mehrere Bücher veröffentlicht hat.

Gewalt erzeugt Gegengewalt

Das Grundproblem der Bootcamps liege in dem Glauben, Gewalt mit Gewalt bekämpfen zu können, so Hörmann: "Da wird im Grunde auf Kraft, Härte und Brutalität vertraut, man will Leute mit den gleichen Mitteln bestrafen, an denen sie selbst bereits gescheitert sind." Wer - wie die beiden Münchner Jugendlichen - mit Gewalt groß geworden sei, glaube auch, Gewalt und Macht seien die einzig probaten Mittel zur Problemlösung. "Und diese Mittel können doch nicht Grundlage für die Erziehung sein", sagt Hörmann.

Drei Männer streiten in einem U-Bahnhof in München mit Fahrgasten. (30.12.2007, Quelle: AP)

Ein Gewaltverbrechen in der Münchner U-Bahn hat die Debatte ausgelöst

Untersuchungen zum Erfolg von Bootcamps aus den USA bestätigen seinen Befund. Nach einer Studie des US-Justizministeriums führten die Camps bei den Jugendlichen zwar zu "positiven kurzfristigen Erfolgen bei ihren Einstellungen". Auch die Fähigkeit Probleme zu lösen werde verbessert. Langfristig bringen die Camps jedoch wenig: "Mit ein paar Ausnahmen führen die Verhaltensänderungen nicht zu einer geringeren Rückfälligkeit."

Hohe Rückfallquote

Eine Studie aus Pinella County in Florida von 2006 wird noch deutlicher: Von 740 Jugendlichen, die zwischen 1993 und 2005 im örtlichen Bootcamp einsaßen, setzten 666 ihre kriminelle Karriere nach der fragwürdigen Grundausbildung fort - und landeten erneut im Gefängnis. Rückfallquote 90 Prozent.

Doch viele der rund 400 US-Bootcamps bringen nicht nur wenig - manchmal überleben die Jugendlichen das Lager nicht. Ein Teenager soll in einem Camp im Bundesstaat Utah verhungert sein, nachdem er als Strafe nichts zu essen bekam und dennoch täglich 16 Kilometer laufen musste. In einem anderen Lager starb eine 15-Jährige, die eine erlittene Vergewaltigung seelisch überwinden sollte - bei einem erzwungenen Langstreckenlauf. Mindestens 30 Jugendliche sind nach Recherchen der New York Times in den vergangenen 20 Jahren in Bootcamps ums Leben gekommen.

Jugendliche brauchen Struktur

Erziehungslager in Pennsylvania (Archiv, Quelle: AP)

In diesem US-Camp sollen Jugendliche misshandelt worden sein

Dabei sei das Grundprinzip, straffälligen Jugendlichen Disziplin und Konsequenz beizubringen, nicht falsch, sagt Hörmann. "Jugendlichen einen regelmäßigen, strukturierten Tagesablauf nahezulegen, mit Sport und der Konfrontation mit eigenem Fehlverhalten, das ist durchaus sinnvoll - aber in der richtigen Form", sagt der Pädagogik-Professor.

Die "richtige Form" könnten Einrichtungen wie das "Projekt Chance" in Baden-Württemberg bieten. Seit 2001 kommen einige jugendliche Straftäter statt in die JVA in Häuser ohne Gitter, dafür aber mit strengen Regeln. Von sechs Uhr morgens bis spät abends absolvieren die Straftäter ein hartes Programm aus Sport, Schule und Ausbildung. Wer sich an die Regeln hält, sich in die Gruppe einbringt und nicht abhaut - dem winken Bewährung und Ausbildungsplatz. Zwar geht es auch hier um Disziplin, "aber eben nicht um Dressur und Erniedrigung", sagt Hörmann. Bisher gibt es in Deutschland fünf Einrichtungen, die derartige Ansätze verfolgen.

Ein Drittel schafft es sicher

Jeden Jugendlichen können freilich auch diese Projekte nicht zu Vorzeige-Bürgern erziehen, sagt Hörmann. Es gelte eine Dreier-Regel: "Ein Drittel der Jugendlichen kann völlig wiederhergestellt werden, ein Drittel kommt so einigermaßen klar, ein Drittel wird rückfällig."

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