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Ein Leben in der Weimarer Republik: Kurt Tucholsky

Cornelia Rabitz19. August 2012

Er war einer der bedeutendsten Publizisten seiner Zeit: Satiriker, Kabarettautor, Sozialist und Pazifist. Und weil er so viel schrieb, benutzte er gleich mehrere Pseudonyme. Kurt Tucholsky war eine schillernde Figur.

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Kurt Tucholsky in Paris, 1928 (Foto: Sonja Thomassen)

Er war ein Rastloser und Zerrissener, ein Meister der Selbstinszenierung, elegant, schwungvoll, ein Charmeur, Partygänger und Herzensbrecher. Vor allem aber war er Autor und kritischer Beobachter seiner Zeit. Kurt Tucholsky, dessen kurzes Leben nur von 1890 bis 1935 währte, studierte Jura, bevor er sich ganz der Schriftstellerei widmete. Und das Werk, das ihn mit einem Schlag bekannt machte, war 1912 ausgerechnet ein "Bilderbuch für Verliebte" mit dem Titel "Rheinsberg", eine verspielte, leicht erotische Erzählung, die zum Bestseller wurde.

Der Autor selbst hatte sich etwas ausgedacht, um den Verkauf anzukurbeln. Er eröffnete zusammen mit seinem Freund, dem Illustrator Kurt Szafranski, am Kurfürstendamm in Berlin eine provisorische Bücherbar. Jeder, der dort ein Exemplar von "Rheinsberg" kaufte, bekam einen Schnaps obendrauf. Die Bar wurde bald wieder geschlossen, das Buch verkaufte sich trotzdem weiter.

Der Journalist als Soldat

Das Titelblatt der lange Zeit verschollen geglaubten letzten Ausgabe der "Weltbühne" vom 14. März 1933 (Foto: dpa)
Für die Weltbühne hat Tucholsky viele Artikel geschriebenBild: picture-alliance/dpa

Bald darauf veröffentlicht Kurt Tucholsky erste Artikel - und legt sich sogleich mehrere Pseudonyme zu, die er für die unterschiedlichen Zeitungen benutzt, für die er schreibt: Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Später kommt noch Kaspar Hauser hinzu. Seine Journalistenkarriere wird durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, Tucholsky, der überzeugte Antimilitarist, einer, der militärisches Gepränge und Getue verachtet, muss zum Militär.

Es sind jetzt andere Erfahrungen, die der Bonvivant macht: Im Baltikum, als Hilfskraft in der Etappe und Kompanie-Schreiber, später dann bei der politischen Polizei in Rumänien - ein Land, das er, wie er schreibt, verabscheut wegen der herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten und einer Schicht korrupter Beamter und Politiker. Nur der rumänische Wein mundet ihm! Hier lässt sich der Jude Tucholsky übrigens evangelisch taufen - ein eher beiläufiger Akt, vom religiösen Judentum hatte er sich längst entfernt.

Aufgewühlte Metropole

Er kehrt 1918 zurück nach Berlin, wird dort zum Zeitzeugen der Auseinandersetzung um den Versailler Vertrag, beobachtet Massenkundgebungen und politische Radikalisierung. Er ist entsetzt über das innenpolitische Klima im Lande, die politischen Morde, das Wiedererstarken reaktionärer Kräfte - und verliert sich doch für kurze Zeit auf einem Redaktionsposten in einer rechts gerichteten Propagandazeitschrift. Tucholsky, der Wandelbare. Auch für die kommunistische "Arbeiter Illustrierte Zeitung" schreibt er später. Aber er bleibt Republikaner und Demokrat, spürt wie ein Seismograph die Gefahren seiner Zeit und die faschistische Bedrohung, die am Horizont gerade erst aufleuchtet.

Demonstrationen vor dem Reichstag in Berlin 1920 (Foto: Ullstein)
Demonstration vor dem Reichstag in Berlin 1920Bild: Ullstein

1931 wird er in einem glossierenden Text einen Satz schreiben, der bis in die jüngere Gegenwart für Aufregung sorgte: "Soldaten sind Mörder." Damals wird der verantwortliche Redakteur, Carl von Ossietzky, wegen "Beleidigung der Reichswehr" angeklagt und frei gesprochen. In der Bundesrepublik sorgte dieses Zitat, vielfach abgewandelt, noch 65 Jahre später für juristische Auseinandersetzungen bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Tucholsky, der kritische Zeitgeist. Ein "Solitär unter den Intellektuellen der Weimarer Republik", wie sein Biograph Rolf Hosfeld in einem neuen Buch schreibt.

Die tanzende Republik

Und diese Republik politisiert nicht nur, sie tanzt. Rasend. Zumindest in Berlin. Dort boomt in den 1920er Jahren die Unterhaltungsindustrie. Es gibt Nacktshows und sogenannte "Amüsierkabaretts", aber auch das seriöse Theater blüht auf, das Kino wird populär. Hier entdeckt Kurt Tucholsky seine Bühne, er schreibt Chansontexte für die Revuen, die Stars in den literarischen Kabaretts - geschliffene, polemische Texte mit einem Schuss derben Humors. Seine erste Schallplatte erscheint, ein Schellack-Schätzchen mit dem Song "Wenn der alte Motor wieder tackt". Ein Riesenerfolg.

Szene aus dem Film "Cabaret" von 1972 mit Liza Minelli (Foto: pa/kpa)
Tanzen wie in den 20ern - in einem Film aus den 70ernBild: picture-alliance/kpa

Aber dann ist da noch die Privatperson, ein Charmeur, den die Frauen lieben. Für ihn riskieren sie jede Eskapade, verlassen Mann und Kinder, reisen ihm im Automobil nach, besteigen Flugzeuge und stürzen beinahe ab. Doch Kurt Tucholsky bleibt ein unentschiedener, gleichwohl von Eifersuchtsanfällen geplagter Liebhaber, heiratet, verlässt, kehrt reumütig zurück. Seine wahre Liebe ist wohl die aus Riga stammende Mary Gerold, die ihn wiederum nach jahrelangem Hin und Her verlässt. Ihren Abschiedsbrief allerdings trägt er bis zu seinem Tode in der Jackentasche.

Der Verfemte

Kurt Tucholsky, der mittlerweile für die großen Blätter seiner Zeit schreibt, als ein begnadeter Redner auf vielen Podien auftritt, für Frieden und gegen den Krieg agitiert, Mitglied in der "Deutschen Liga für Menschenrechte wird", ist auch ein rastloser Reisender. Berlin, Paris, Lugano, Riviera, Hamburg, Schweden und wieder Berlin und wieder Paris, richtig sesshaft wird er nirgends. Der Sommerroman "Schloss Gripsholm" erscheint 1931, wieder ein großer Erfolg. Am 10. Mai 1933 werden auch Tucholskys Bücher öffentlich verbrannt: Er gilt jetzt, wie viele andere Schriftsteller jüdischer Herkunft, als "undeutsch". Der verfemte Autor steht auf der ersten Ausbürgerungsliste des von den Nationalsozialisten übernommenen Deutschen Reichs, sein Reisepass wird ungültig.

Tucholsky lebt mittlerweile in Schweden. Arbeiten darf er dort nicht. Das Geld wird knapp. Seine Gesundheit leidet. Der Nationalsozialismus, die Ausbreitung faschistischen Gedankenguts in Europa deprimieren ihn. Sein Freund, der Autor und Journalist Carl von Ossietzky, wird ins Konzentrationslager gebracht und schwer gefoltert. Kurt Tucholsky fühlt sich im schwedischen Exil wie "ein aufgehörter Dichter". Sein Kämpfermut ist erlahmt.

Am 21. Dezember 1935 stirbt Kurt Tucholsky in einem Krankenhaus - man diagnostiziert eine Medikamenten-Überdosis.

Lesetipp:

Rolf Hosfeld: "Tucholsky - ein deutsches Leben", Siedler-Verlag, 318 Seiten, 22,90 €