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Aktuell Deutschland

Bonn wusste nichts von Pharma-Tests in der DDR

Klinische Studien von westdeutschen Pharma-Konzernen in der DDR seien nicht anzeigepflichtig gewesen, sagt das Bundesgesundheitsministerium. Der Ost-Beauftragte Bergner fordert rückhaltlose Aufklärung.

Nach einem Bericht des Nachrichtenmaganzins "Der Spiegel" über Medikamententests westlicher Pharma-Unternehmen in DDR-Kliniken fordern Politiker und Historiker eine gründliche Untersuchung. Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner, betonte, es wäre ein "schwerer Skandal", wenn Tausende DDR-Bürger vermutlich sogar unter Verletzung von Rechtsvorschriften der DDR zu billigen und wohlfeilen Versuchskaninchen gemacht worden wären. Der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" sagte Bergner, besonders erschütternd seien die Hinweise auf die offenbar konspirativen Verhandlungen zwischen DDR-Funktionären und Konzernmanagern. Dies klinge sehr nach vorsätzlicher Missachtung medizinethischer Grundsätze unter Umgehung der Kontrollbehörden. Eine Entschädigung der Opfer müsse vor allem durch die Profiteure der Aktion erfolgen.

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Medikamenten-Tests gegen Devisen

Das Magazin "Der Spiegel" berichtet in seiner neuen Ausgabe von mindestens 50.000 Menschen, die mitunter ohne ihr Wissen an Arzneimittelversuchen teilnahmen. Dabei sollen auch Menschen gestorben sein. Das Magazin beruft sich auf bisher nicht bekannte Akten der Stasi und von DDR-Einrichtungen. Westliche Pharma-Konzerne gaben demnach bei DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittel-Studien in Auftrag. Dabei sei es zu Todesfällen gekommen, Tests hätten wegen der Nebenwirkungen abgebrochen werden müssen.

Charité-Historiker warnt vor voreiliger Skandalisierung

Die Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums Ina Klaus sagte in Berlin, ihrer Behörde lägen keine Zahlen und Daten über die vom "Spiegel" berichteten Tests vor. "Klinische Studien in der DDR" seien "nicht in der Bundesrepublik genehmigungs- oder anzeigepflichtig" gewesen. Das Thema sei allerdings nicht neu. Kurz nach der deutschen Einheit seien die damals zugänglichen Aktenbestände der DDR von einer Kommission im Auftrag des Berliner Senats untersucht und keine Hinweise auf Rechtsverstöße gefunden worden. Derzeit gebe es Überlegungen der Berliner Charité, ein neues Forschungsprojekt zu dem Thema aufzulegen, sagte die Sprecherin.

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Wie funktionieren Medikamententests heute?

Der Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Charité, Volker Hess, sagte der Nachrichtenagentur dpa, bei den Forschungen wolle man auch die Pharmaindustrie einbinden. Er warnte davor, die Vorgänge vorauseilend zu skandalisieren. "Ich würde nie von Menschenversuchen sprechen, das ist eine andere Kategorie". Es habe sich um klinische Arzneimittelversuche gehandelt, die nach gängigen Regeln durchgeführt worden seien. Eine der nun zu klärenden Fragen sei, ob und wie West-Unternehmen und DDR-Staat von den Tests ökonomisch profitiert hätten.

Problematische Testmethoden laut Stasi-Unterlagen

Die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen hatten Ende April über Recherchen berichtet, wonach "problematische Testmethoden wie Double-Blind-Tests" im Einsatz waren. Dabei wissen weder Arzt noch Patient, wer welche Substanz erhält. "Angesichts der für den DDR-Alltag bekannten erheblichen Differenz zwischen Gesetzestexten und deren Umsetzung im Alltag bestehen begründete Bedenken, ob die damals international üblichen ethischen und die juristischen Festlegungen eingehalten wurden", befinden die Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Dass die Staatssicherheit von Anfang an diese Geschäfte überwachte, lasse den Verdacht aufkommen, dass konkrete Umstände verschleiert und geheim gehalten werden sollten.

Aus der Sicht des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, zeigen die deutsch-deutschen Pharma-Tests, "dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur ein gesamtdeutsches Anliegen ist".

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