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Kultur

Bonn: Theaterstück zum Thema Missbrauch im Internat

In Thomas Melles Stück "Bilder von uns" geht es um sexuellen Missbrauch durch Geistliche in einem katholischen Internat. Erfunden? Leider nicht. Denn in einigen deutschen Elite-Schulen ist genau das passiert.

Nacheinander betreten Schauspieler die abgedunkelte Bühne des Theater Bonn und verteilen sich auf Stühlen im Halbkreis. Mit der Vereinzelung aller Beteiligten beginnt Thomas Melles Stück. Und das ist programmatisch. "Keiner ist der Einzige", wird ein Betroffener später sagen, "aber jeder ist allein mit seinen Erinnerungen." Es sind Erinnerungen an das Unaussprechliche, den Missbrauch durch einen Pater, der seine Schutzbefohlenen in Dusche und Sauna anfasste, Nacktfotos knipste und die Halbwüchsigen sogar zu sexuellen Handlungen zwang. Das alles liegt, wie die Schulzeit, Jahre zurück. Inzwischen scheint Gras über die Sache gewachsen. Bis eines Tages dieses Foto auftaucht.

Jesko, ein 40-Jähriger Medienmanager, erfolgreich im Job und glücklich verheiratet, entdeckt das Bild auf seinem Handy. Es zeigt ihn als kleinen Jungen, entblößt. Weitere Fotos folgen. Will ihn jemand erpressen? Obwohl scheinbar harmlos, lassen ihn die Bilder nicht mehr los. Er hält sie vor seiner Frau geheim: Ist er denn ein Opfer? Gründet sein Leben etwa auf Selbstbetrug und Verdrängung? Jesko forscht nach dem anonymen Absender. Dabei bringt er einen Stein ins Rollen, löst einen deutschlandweiten Skandal um Missbrauch aus. Jeskos Leben gerät aus den Fugen.

Keiner will Opfer sein

Bilder von uns Theater Bonn. Foto: C: Thilo Beu, Theater Bonn

Holger Kraft als Johannes; Benjamin Grüter als Jesko, Hajo Tuschy alias Malte (von links)

Aber nicht nur seines: Drei weitere Betroffene kommen zu Wort. Es zeigt sich, dass die ehemaligen Schulkameraden bisher mit ganz unterschiedlichen Strategien überlebt haben. Da ist Malte, ein zu oberflächlichem Zynismus neigender Werbemensch, der offensive Aufklärung verlangt und in einer Talkshow auftreten will. Johannes, der erfolgreiche Anwalt, der am Vergangenen nicht rühren möchte. Und Konstantin, dessen Leben zerbrach, bevor es richtig begann: Während Jesko noch schwankt, bringt Konstantin sich um. Spätestens jetzt gerät auch Jesko völlig aus der Bahn: Bevor er mit dem Auto gegen einen Baum rast, geht seine Ehe zu Bruch. "Ich habe kein Problem mit Männern, die Opfer sind", hat ihm seine Frau gesagt, "sondern mit solchen, die keine sein wollen."

Hunderte kleiner Jungen sind an deutschen Elite-Internaten sexuell missbraucht worden. Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, hat in Bad Godesberg das "Ako", das von Jesuiten geführte Aloisiuskolleg besucht. Wie zuvor schon am Berliner Casinius-Kolleg und der Odenwaldschule gab es am "Ako" seit den 1950er Jahren bis 2005 sexuelle Übergriffe. Sie wurden erst 2010 öffentlich. Darauf spielt Melle an. Er beschreibt

Zusammenhänge, übernimmt auch Einzelheiten und Fakten

. Ein dokumentarisches "Schlüsselstück" habe er aber nicht geschrieben, stellt Melle in einem Interview klar, eher eine szenische Versuchsanordnung. "Jeder, der auf dieser Schule war, musste seine Vergangenheit neu betrachten, ob nun Betroffener oder nicht." Ein Kampf um die eigene Identität beginnt - und um die Deutungshoheit über das eigene Leben.

"Erzieherische Maßnahmen"

Wohl nicht zufällig veröffentlichten im Februar 2010 rund 500 ehemalige Schüler des Aloisiuskollegs einen offenen Brief, in dem sie angaben, selbst nie Missbrauch an der Schule erlebt zu haben. Im

Abschlussbericht einer Untersuchungskommission

des Jesuitenordens heißt es: "Nicht immer war der Missbrauch auf den ersten Blick ersichtlich." Einige seiner Taten habe der Hauptbeschuldigte als "pflegerische oder erzieherische Maßnahme" getarnt. So habe er gemeinsam mit Schülern geduscht, sie auch eingeseift. Zehn- bis Zwölfjährige mussten sich vor ihm vollständig entkleiden, bevor er ihnen rektal Fieber maß.

Symbolbild sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Foto: Harald Tittel dpa/lrs

Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche

Wie also umgehen mit der Schmach, missbraucht worden zu sein - als Opfer eines Machtgefälles in einem geschlossenen System? Melles Stück nimmt die Opferperspektive ein, was die seelischen Qualen der Betroffenen spürbar werden lässt. Dass es neben der individuellen Verdrängung auch noch eine kollektive gibt, lässt er unausgesprochen. Das aber wird deutlich, als sich beim Round-Table-Gespräch nach der Aufführung die ehemalige Vorsitzende der Elternpflegschaft des "Ako" zu Wort meldet und schamhaft bekennt: "Unsere Kinder machten schon früh die Erfahrung, dass keiner ihre Geschichten hören wollte."

Melles

Theatersprache ist - wie schon in seinen Romanen "Sickster" und "3000 Euro" - einfühlsam, treffend und präzise. Regisseurin Alice Buddeberg hat das dialoggetriebene Stück temporeich inszeniert. Die Bühne von Cora Saller kommt mit wenigen Accessoires - mit Stühlen und Diaprojektoren - aus. Die dezente Ausstattung unterstreicht umso mehr die hervorragende schauspielerische Leistung der Darsteller.

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