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Deutschland

"Bonn hat sich emanzipiert"

Nach der Wiedervereinigung gab es um die Entscheidung über die künftige Hauptstadt eine der emotionalsten Debatten in der Geschichte des Bundestags. Die Verliererin: Bonn. 25 Jahre später sind ein paar Wunden verheilt.

Bonn Stadtpanorama

Stadtpanorama von Bonn

Monika Hörig erinnert sich gut an die Zeit der Entscheidung vor 25 Jahren. Die heutige Pressesprecherin der Stadt Bonn hatte das Amt damals schon einmal inne und fieberte der Entscheidung entgegen: "Ich war auf dem Markt," erzählt sie, "dort hatten wir eine Großleinwand aufgestellt und verfolgten die Debatte im Parlament per Liveübertragung. Unmittelbar vor der Entscheidung war ich dann im Wasserwerk vor der Tür vom Plenarsaal und hörte den Jubel nach der Entscheidung."

Dr. Monika Hörig

Monika Hörig: "Schnell die Kräfte gebündelt"

Jubel bei den Berlin-Befürwortern, Tränen und bedröppelte Mienen bei den Bonn-Verfechtern. Die Mitglieder der Industrie- und Handelskammer Bonn-Rhein/Sieg gehörten definitiv zu den letzteren, sagt der heutige IHK-Pressesprecher Michael Pieck: "Wir von der IHK erinnern uns gut, weil wir ein paar Wochen später unsere 100-Jahr-Feier hatten. Und die Stimmung auf diesem Festakt, bei dem auch Bundeskanzler Kohl als Redner aufgetreten ist, war schon sehr gedämpft. Für die Wirtschaft war die Entscheidung ein heftiger Schlag, weil damit auch ganz große Befürchtungen verbunden waren, es war ein großes Wehklagen."

Rheinländer lassen sich nicht unterkriegen

Denn es ging nicht nur um das Ansehen, das mit dem Status als Bundeshauptstadt verbunden war, es wurden auch handfeste wirtschaftliche Einbußen befürchtet. Doch die Zeit des Jammerns war nur kurz, erinnert sich die Münsteranerin Monika Hörig mit einem Schmunzeln: "Die Rheinländer sind schon ein Völkchen, das sich sagt: wir packen das jetzt an. Sie sagen "Et kütt wie et kütt" und "Et hätt noch immer jotgegange". Nach einer anfänglichen Schockstarre habe man sehr schnell Kräfte gebündelt, die zuvor lange nebeneinander her gearbeitet hatten.

Bonn Michael Pieck

Michael Pieck: "Bonn hat sich als Wirtschaftsstandort etabliert"

Als da wären die Stadt Bonn und die Landkreise Rhein-Sieg und Ahrweiler sowie die Universität und die Wirtschaftsverbände der Region. Und dann ging alles ganz schnell: "Schon wenige Wochen nach dem Beschluss gab es einen Masterplan, das 5-Säulen-Modell, und der benannte die Bereiche, in denen man stark war und die man ausbauen wollte."

Masterplan für die "Zeit danach"

Eine der Säulen sollte die "zukunftsorientierte Wirtschaftsstruktur" sein. Diesen Punkt sieht Michael Pieck von der IHK Bonn-Rhein/Sieg mehr als erfüllt. Im Gegensatz zu Hauptstadt-Zeiten wurde nach dem Umzug der Regierung nach Berlin die Region Bonn zunehmend als Wirtschaftsstandort gesehen - und dieser Trend hält bis heute an, wie die IHK-Zahlen belegen: "Wir hatten 1990 rund 33.000 Mitgliedsunternehmen, 2016 sind es 52.000, eine Steigerungsrate von 56 Prozent. Das zeigt einfach, dass man erstmals Wert auf die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes gelegt hat."

Zum Einen hätten die rund 1,4 Milliarden Euro, die vom Bund als Ausgleichsmittel nach Bonn und in die Region geflossen sind, maßgeblich dazu beigetragen. Zum Andern kamen auch die "wirtschaftlichen Glücksfälle" Deutsche Post, Postbank und Deutsche Telekom hinzu: Nach deren Privatisierung entwickelten sie sich zu weltweit agierenden Unternehmen und machten Bonn zur einzigen deutschen Stadt mit zwei Dax-notierten Unternehmen.

Internationales Flair

Eine weitere Säule des Masterplans sah vor, dass Bonn sich als "Zentrum für internationale Zusammenarbeit" positionieren sollte. Neben den Großkonzernen tragen auch die Vereinten Nationen, die mit 18 Einrichtungen in Bonn vertreten sind, zum internationalen Flair der Stadt bei, betont Pressesprecherin Monika Hörig:

"Bonn hat sich als deutsche UNO-Stadt inzwischen weltweit einen Ruf erarbeitet. Man könnte sagen: Die Stadt hat sich emanzipiert. Wir werden vom Außenminister als "Welthauptstadt der Nachhaltigkeit" bezeichnet. Hier ist etwas entstanden, das ganz klar in die Zukunft weist."

Der Status Bonns als zweiter Regierungssitz ist dagegen durch die in jüngster Zeit wieder aufgekommenen Diskussionen über einen kompletten Umzug aller Ministerien nach Berlin erneut in Frage gestellt worden. Zwar sollten laut Berlin-Bonn-Gesetz aus dem Jahr 1994 eigentlich zwei Drittel aller Regierungsmitarbeiter in Bonn stationiert bleiben und nur ein Drittel in Berlin, doch mittlerweile hat sich das Verhältnis mit 60:40 zugunsten der Hauptstadt genau umgekehrt.

Manche Stimmen sagen, die Bonner hätten schon einmal einen so gravierenden Strukturwandel verkraftet und ihn sogar für sich zum Positiven gewendet, da könnten sie jetzt mit den restlichen Ministerien weiteren Ballast abwerfen. Doch solchen Argumenten widerspricht Monika Hörig vehement: "Hier sind neue Netzwerke entstanden," meint sie, "und der UN-Standort mit 18 Organisationen. Die haben ihre Ansprechpartner in den Ministerien, die brauchen sie auch. Das kann und sollte man nicht ohne Not verändern."

Auch die Industrie- und Handelskammer sieht einem möglichen Komplettumzug der verbliebenen sechs Ministerien eher sorgenvoll entgegen: "Das ist für uns schon schwierig, weil da ca. 30.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze dranhängen. Das ist wichtig für uns, das sind die Bereiche, für die Bonn steht: Internationalität, Wissenschaft, Umwelt. Die brauchen wir in Zukunft, damit sich der Standort positiv entwickelt."