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Wirtschaft

Boni adé? Die Bezahlung von US-Managern steht in der Kritik

Niemals zuvor wurden die Gratifikationen für Top-Manager in den USA so stark debattiert. Jetzt verzichten sieben Manager von Goldman Sachs auf ihre Millionen. Gibt es eine neue Bescheidenheit an der Wall Street?

amerikanische Flagge an der New Yorker Börse (AP Photo/Mark Lennihan)

Kommt es zu einem Umdenken an der New Yorker Börse?

"Bescheidenheit" sei ein Begriff, den sie niemals in einem Atemzug mit der Wall Street nennen würde, erklärt Nell Minow von der Corporate Library, einem unabhängigen Institut für Daten- und Risikoanalyse von Konzernen in den USA. Und damit greift sie eigentlich nur die gängige öffentliche Meinung zahlreicher Amerikaner auf, die in den Bankern von der Wall Street einen Haufen Privilegierter sehen, die schon vor Jahren Maßlosigkeit zur Tugend stilisierten. Unverdient finden viele Börsianer die Boni für die Führungskräfte an der Wall Street. Nur wer gute Resultate für seine Aktionäre erziele, solle auch entlohnt werden.

Noch im letzten Jahr strich Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein 68,5 Millionen Dollar in Cash und Aktien ein. Die offizielle Begründung lautete über Jahre, man wolle Talente an die Firmen binden.

Hohe Bonusprämien trotz Krise?

Aktienkurs des Dow Jones rapide im Abwärtstrend (AP Photo/Richard Drew)

Mit einem derartigen Ausmaß der Finanzkrise hat niemand an der Börse gerechnet


Und trotz fallender Kurse und zahlreicher Entlassungen in der Finanzindustrie herrschte noch Mitte November innerhalb der Branche die optimistische Einstellung, dass sogar mit noch höheren Auszahlungen als im vergangenen Jahr gerechnet werden könnte. Das ergab eine Umfrage des Online-Karrierenetzwerkes "eFinancialCareers" im November.

67 Prozent der Befragten erwarteten demnach einen Bonus. Einer von zehn Befragten ging sogar davon aus, dass der Bonus mindestens 33 Prozent über dem des Vorjahres liegt. Mehr als ein Drittel rechnet mit einem Anstieg im einstelligen Prozentbereich.

Merrill Lynch, eines der weltweit führenden Finanzdienstleistungsunternehmen erwirtschaftete fünf Quartale in Folge Verluste, die Aktien verloren allein im letzten Jahr 70 Prozent an Wert. Trotzdem legte Merrill Lynch sechs Milliarden Dollar zur Seite, um die ausstehenden Boni bezahlen zu können. So wenigstens der Stand im Oktober. Mittlerweile - und insbesondere nach dem pressewirksamen Verzicht der Goldman Sachs-Vorstände - will sich das Unternehmen erst zum Ende dieses Jahres endgültig zu den Vergütungen äußern.

Gratifikationen kommen politischem Selbstmord gleich

Parkett der New Yorker Börse (AP Photo/Henny Ray Abrams)

Den Begriff Bescheidenheit kannte man bis jetzt nicht an der Wall Street


Der Anwalt Jake Zamansky, unermüdlicher Kritiker der Zustände an der Wall Street und gleichzeitiger Profiteur von langwierigen, lukrativen Verfahren, in denen er Investoren verteidigt, die Finanzinstitute verklagen, hält Boni in diesem Jahr für einen fatalen Fehler: "In diesem Jahr wäre es politischer Selbstmord für die Führungskräfte an der Wall Street, Boni zu akzeptieren - in Zeiten, in denen die Krise so massiv ist."

Und nun mischt sich die Politik auch tatsächlich in das Geschehen ein: New Yorks Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo prüft die rechtlichen Rahmenbedingungen für die anstehenden Gratifikationen. Cuomo befürchtet, dass die angeschlagenen Finanzhäuser das Geld, das sie von der US-Regierung mit dem milliardenschweren Rettungspaket bekommen haben, nun für die Boni verwenden. Das würde sogar die sonst so unerschütterlichen US-Bürger auf die Palme bringen.

Das weiß auch die Wall Street und deshalb verzichteten sieben Top Manager von Goldman Sachs auf ihre millionenschweren Vergütungen und bringen damit andere Finanzhäuser wie etwa Morgan Stanley oder Merrill Lynch unter Zugzwang. Paul Hodgson von der Corporate Library beschäftigt sich hauptsächlich mit den Einkommen der oberen Etagen und glaubt genauso wenig wie seine Kollegin an eine neue Bescheidenheit: "Ich glaube nicht daran, dass es an der Wall Street ein großes Maß an Zurückhaltung gibt."

Positive Beispiele üben Druck auf Branche aus

Portrait Josef Ackermann (AP Photo/Michael Probst)

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verzichtet auf Bonuszahlungen


Hodgson ist aber voll des Lobes für das positive Beispiel, mit dem Goldman Sachs vorangehe und hofft, Morgan Stanley und Merrill Lynch würden es der früheren Investmentbank nachmachen. Der Anstoß kommt aus Deutschland. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann hatte die Verzichtrunde eingeläutet und plädiert für ein Bonus-Malus-System, das die Leistung eines Managers über einen Zeitraum von ein paar Jahren bewertet und dementsprechend entlohnt.

Hodgson begrüßt dieses Vorgehen, denn die Konzentration auf die Leistungen in lediglich einem Jahr begünstige risikofreudiges Verhalten seitens der Manager, die sich im schlimmsten Fall um die längerfristige Zukunft ihrer Finanzhäuser keine Gedanken machten.

Damit hält ein alternatives Denken Einzug an der Wall Street. Keine neue Bescheidenheit, aber eine erzwungene Korrektur der Risikobereitschaft ohne Grenzen. Wie lange sie anhalten wird, bestimmt die Länge der wirtschaftlichen Misere.

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