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Politik

Bomber gegen Milchbubi-Image

Moskau hat zu feiern: Erst die Amtsübergabe an Medwedew und dann die Siegesparade zum Kriegsende. Mit Prunk und Panzern will der Kreml Zweifel an der neuen Führung übertönen – das Drehbuch ist perfekt und durchgeprobt.

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Militärhelikopter lassen die russische Flagge über Moskauer Hochhausklötze schweben, russische Bomber im Tiefflug donnern hinterher und über abgesperrte Straßen rollen Panzer. Wer als Deutscher an Militärparaden nicht gewöhnt ist, dem läuft ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn er die Proben zur Siegesparade am 9. Mai beobachtet. Es ist ein wenig gruselig, aber zweifellos faszinierend, was man in diesen Tagen vom Balkon aus, am Straßenrand oder im Fernsehen zu sehen bekommt. Befremdlich auch die große Sowjet-Sichel auf den bronzeschimmernden Plakaten, die an Blumenlädchen und Metrostationen hängen. Sie sollen die Russen rechtzeitig an den großen Tag erinnern, an dem es üblich ist, Kriegsveteranen Blumen zu schenken.

Nachhilfe in Waffenkunde

Vergessen ist jedoch kaum möglich, denn schon seit Tagen wird das Feiern öffentlich geübt und perfekt einstudiert: Die Haltung der Soldatenköpfe, der Fahnen, der Hände. Jeder Schritt soll sitzen, wenn es am Tag des Sieges um zehn Uhr los geht vom Roten Platz über die großen Moskauer Boulevards. Nicht einmal das Wetter darf noch machen, was es will: Die russische Luftwaffe sprüht in den Tagen vor der Siegesparade Spezialchemikalien in den Himmel, damit eventuelle Regenwolken rechtzeitig abregnen. Blauer Himmel ist also garantiert, wenn Dmitrij Medwedew als neuer Präsident das erste Mal die Siegesparade abnimmt. Dessen fürstliche Inauguration war übrigens zuvor genauso minutiös geplant und geprobt wie die Parade. Schließlich wird die Amtsübergabe 60 Minuten lang und live von drei TV-Sendern in jeden Winkel des Riesenreiches übertragen.

Diese Mischung aus Prunk und Panzern soll eventuelle Zweifel an Dmitrij Medwedew zerstreuen oder wenigstens vergessen lassen – sowohl im Ausland, aber vor allem in der russischen Bevölkerung. Damit das gelingt, rollen bei der Parade zum ersten Mal seit Ende der Sowjetunion auch wieder Panzer und anderes Kriegsgerät mit. Zum Schutz des Straßenbelages bekommen sie allerdings einen Gummischutz über die Ketten gezogen.

Mit der Stärke eines Atombombers

Russland ist wieder wer und wird es auch bleiben, lautet die Botschaft in diesen Tagen. Fernsehen und Zeitungen stimmen in den Chorus ein und geben der russischen Bevölkerung seit Tagen Nachhilfe in Waffenkunde – lang und breit werden Typ und Vorzüge von den Panzern und Kampfflugzeugen beschrieben, die bei der Parade zu sehen sind. Schon die Proben waren Topthema in den russischen Medien.

Der Kreml scheint zu hoffen, dass Wucht und Stärke des Kriegsgeräts abfärben auf das Image des 1,62 großen Medwedew, über den manche Russen als „Kinderüberraschung“ witzeln. Da passt es natürlich wunderbar in die Inszenierung, dass die 50 Meter langen TU-95-Bomber aus Zeiten des Kalten Krieges, die Putin aufwändig modernisieren ließ, im NATO-Code als "Bären“ bezeichnet werden. Bär heißt auf Russisch "medwed“ und von diesem Wortstamm leitet sich der Nachname des neuen Präsidenten ab. Das hätte selbst der Kreml nicht schöner planen können.