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Zweiter Weltkrieg

Bombenentschärfung in Frankfurt: "Bombensonntag mit Bombenwetter"

Mission erfüllt: Nach der größten Evakuierungsaktion der deutschen Nachkriegsgeschichte ist die britische Bombe in Frankfurt entschärft. 60.000 Einwohner kehren in ihre Wohnungen zurück. Aus Frankfurt Sonja Jordans.

Bombenfund auf dem Uni-Campus in Frankfurt (Reuters/R. Orlowski)

Nicht mehr explosiv: Die britische Bombe auf dem Uni-Campus in Frankfur wurde am Sonntag erfolgreich entschärft

Es ist still. Und leer. So still und so leer, dass es schon fast unheimlich ist. Normalerweise pulsiert hier, an einer der Hauptverkehrsstraßen im Westen von Frankfurt am Main, das Leben. Nur diesen Sonntag nicht. Es sei "schließlich der Tag", wie ein Mann betont, während er die menschenleere Mainzer Landstraße an der Alten Oper fotografiert. Denn dieses Motiv bietet sich Frankfurtern sonst nicht. Kein Auto hupt, niemand parkt in zweiter Reihe, kein Motorengeheul ist zu hören.

Nur die Sonne scheint, als wäre nichts. "Bombensonntag mit Bombenwetter", scherzt jemand im Vorbeigehen. Seit dem frühen Morgen ist im Westen der Stadt ein Areal von anderthalb Kilometer Umkreis abgesperrt – vor wenigen Tagen war dort eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden.

"Wohnhausknacker" wurden diese Fundstücke einst genannt. Und weil die Bombe ihren Namen nicht umsonst trägt, müssen alle raus, die im Sperrgebiet wohnen. Rund 60.000 Anwohner sind betroffen. Alte und Junge, mit Koffern, Kindern, Tieren im Schlepptau, zu Fuß, auf dem Rad oder mit der Straßenbahn –  ein Stadtteil ist unterwegs. Schon Tage zuvor hatte die Polizei angekündigt, diejenigen, die ihre Wohnungen im Sperrgebiet nicht verlassen wollen, notfalls dazu zu zwingen.

Bombenentschärfung Franfurt am Main (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

In den frühen Morgenstunden verlassen tausende von Anwohnern unter Aufsicht der Polizei die Sperrzone

Taxifahrt mit Tieren

"Darauf wollte ich es nicht anlegen", scherzt Dilliana Vino. Um sieben Uhr morgens hat sie ihre Wohnung verlassen, mit Laptop und kleinem Koffer. "Später gehe ich ins Museum, dann ins Spa", sagt die 53-Jährige. Sie wohnt in einem Altbau, der noch einen Tiefkeller inklusive Brunnen hat. "Der wurde zu Kriegszeiten als Bunker benutzt, ich hätte mich da auch reingesetzt, aber durfte nicht".

Auch Cornelia Kenner musste raus. Sie sitzt am Messegelände. Dort, wo in wenigen Tagen die Internationale Automobilausstellung (IAA) beginnt, hat die Stadt eine von mehreren Aufenthaltsräumen für Betroffene eingerichtet. Kennert hat zwei Tierkörbchen dabei. Zurücklassen wollte sie ihre Katzen Lea und Stella nicht. Nun wartet sie auf ein Taxi, das sie und ihre Tiere zu einer Freundin am Stadtrand bringen soll. "Ich habe genug Katzenfutter bis morgen dabei, außerdem ein paar Sachen, falls es doch später wird und ich übernachten muss", sagt Kennert.

Deutschland Bombenentschärfung in Frankfurt am Main | Cornelia Kennert (DW/S. Jordans)

Nicht ohne meine Katze: Anwohnerin Cornelia Kenner mit ihrer Katze Lea

Das befürchtet Dieter Braun nicht. "Gegen acht am Abend bin ich bestimmt wieder daheim", hofft er. Der 79-Jährige läuft gestützt auf seinen Stock durch die Messehalle. Platz für 7000 Menschen ist dort, Stuhl reiht sich an Stuhl. Doch die nur rund 300 Menschen, die sich bis zum Vormittag eingefunden haben, fallen kaum auf. Dafür stehen sich Feuerwehrleute und Mitarbeiter der Johanniter beinahe auf den Zehen. "Besser so als anders", findet Robert Zindler von der Flughafenfeuerwehr. "Bei dem schönen Wetter verteilen sich die Leute in der Stadt, ist doch toll."

Frankfurter Museen locken Betroffene der Entschärfung mit kostenlosem Eintritt, ebenso die Besucherterrasse am Flughafen. Dieter Braun geht nicht ins Museum. Zu Fuß, sagt er und deutet auf seine Gehhilfe, "kann ich nicht mehr so gut". In der Messehalle aber hat er Bekannte getroffen. Kurz vor acht Uhr habe er sich auf sein Elektrorad gesetzt und sei "her gesaust". Dass die Stadt das Gebiet evakuiert, findet er gut. "Ich habe im Krieg im Bunker gesessen und Bomben erlebt, und als wir rauskamen, war das Nachbarhaus weg", erinnert er sich.

"Mal was anderes"

Im Vorraum der Halle sitzt eine hochschwangere Frau und spielt mit einem kleinen Jungen. Das Kind beschäftigt sich mit einer leeren Plastikflasche. Als "Flüchtling from Äthiopien", stellt sich die Frau in einer Mischung aus Deutsch und Englisch vor. Vor knapp zwei Jahren sei sie mit ihrem Mann nach Deutschland gekommen, ihr Sohn Abidan ist ein Jahr alt. Dass sie in Deutschland wegen einer Bombe ihre Unterkunft verlassen müssen, hätte das Paar zwar nicht erwartet. "Aber macht nichts, Organisation top", sagt Wessenu.

Bombenentschärfung in Frankfurt/Main (picture alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Viele ältere Menschen verbrachten "den Tag" in der Jahrhunderthalle und vertrieben sich gemeinsam die Zeit

In der Messehalle gibt es Verpflegung, Liegemöglichkeiten, eine Spielzone für Kinder und ein Stillzelt für Mütter. Anouar (10) hat einen Ball im Arm und findet, die Aktion "ist mal was anderes". In der Schule könne er am Montag was erzählen. "Alles läuft super", findet Anouars Mutter.

Das kann Leo (21) so nicht bestätigen. Mit seiner Begleiterin Maxi (18) hat er sich am Wochenende Frankfurt angeschaut. Sein Hotel liegt direkt vor der Sperrzone - der Eingang zur Tiefgarage jedoch drei Meter dahinter. Und dort lässt ihn die Polizei nicht hin. "Ich verstehe das zwar", sagt Leo, der selbst beim Rettungsdienst tätig ist. Dennoch ist er genervt. Vor der Abreise habe er extra im Hotel angerufen. "Dort hieß es, dass es keine Probleme gibt", sagt er. "Und nun das".

Gegen 15 Uhr meldet die Polizei, dass der Zünder der Bombe entfernt sei. Um 19 Uhr sind alle Zünder beseitigt, und die Anwohner können nach und nach in ihre Wohnungen zurückkehren. Die Polizei gab per Twitter bekannt, dass es 298 Platzverweise, 19 Wohnungsöffnungen und fünf "Ingewahrsamnahmen" gab - eine Bilanz, die zeigt, dass die größte Evakuierung der Nachkriegsgeschichte ohne gravierende Probleme ablief.

"Wetter gut, Leute nett – es hätte schlimmer kommen können", nimmt ein Stadtpolizist zwei Straßen weiter die Situation locker. Er steht in einem Wohngebiet. Die Rollläden der schicken Villen sind heruntergelassen, aus den Briefkästen quillen Prospekte. Während er einem Autofahrer erklärt, wo dieser entlangfahren muss, um in den gewünschten Stadtteil zu kommen, radelt ein junges Paar aus der seit Stunden gesperrten Zone heraus. Ansonsten bleibt alles ruhig. Unheimlich ruhig. Aber es ist schließlich auch "der Tag" in Frankfurt.

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