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Politik & Gesellschaft

Bombendrohung verzögerte Güls Europa-Rede

Selbstbewusst, ruhig und pro-europäisch: so präsentierte sich der türkische Präsident Abdullah Gül bei seiner Rede an der Berliner Humboldt-Universität. Zuvor musste das Gebäude wegen einer Bombendrohung geräumt werden.

Abdullah Gül (Foto: dapd)

29 Nobelpreisträger haben an der Humboldt-Universität gewirkt. Gerade an so einem besonderen Ort wolle er nicht vor Terrordrohungen zurückschrecken, mit diesen Worten begann der türkische Präsident Abdullah Gül seine Rede am Montagabend (19.09.2011).

Anrufer warnte vor Sprengsatz

Eigentlich sollte der Staatspräsident im großen Audimax der Universität über Europa und die Beitrittschancen der Türkei reden. Doch ein Anrufer hatte über den Polizeinotruf vor einem Sprengsatz im Universitätsgebäude gewarnt.

Menschen verlassen das Universitätsgebäude in Berlin (Foto: dapd)

Die Uni wurde geräumt

Mehr als 400 Menschen wollten ursprünglich die Rede des türkischen Präsidenten hören - und strömten kurz nach 18 Uhr in Richtung Ausgang, als die Polizei die Evakuierung des Gebäudes angeordnet hatte. Große Panik blieb dabei aus. "Wir sind ganz locker herausgegangen, Angst hatten wir keine", erzählte Bilal, ein 27-jähriger türkischer Student.

Erst nach mehreren Stunden gab die Polizei das Gebäude wieder frei, und Gül konnte endlich das Wort ergreifen und über die Beziehung der Türkei zu Deutschland und der EU sprechen. In dem nun kleineren Hörsaal waren nur noch geladene Gäste und Pressevertreter zugelassen. Viele enttäuschte türkische Jugendliche und Studenten mussten draußen bleiben - obwohl sie stundenlang vor dem Gebäude gewartet hatten.

Faire Beitrittsverhandlungen gefordert

Polizist steht am Rednerpult im Audimax (Foto: dpa)

Statt Gül trat zunächst ein Polizist ans Rednerpult

In seiner Rede warb Abdullah Gül um eine EU-Vollmitgliedschaft seines Landes. Dabei lag ihm vor allem eine gewisse Fairness am Herzen: So fordert er, dass nicht versucht werden solle, "mit irgendwelchen künstlich konstruierten Begründungen den EU-Beitrittsprozess der Türkei zu verhindern".

Vor allem das Vetorecht der einzelnen Staaten dürfe nicht willkürlich verwendet werden. So bestünde die Gefahr, dass am Ende, wenn die Türkei alle Beitrittsbedingungen erfüllt haben wird, trotzdem ein EU-Staat wie beispielsweise Frankreich die Bevölkerung über den Beitritt abstimmen lassen könnte. "Und die (Bevölkerung) sagt dann vielleicht: 'Wir wollen die Türkei nicht'", sagte Gül in seiner Rede. "An jenem Tag wird vielleicht auch die Türkei sagen: 'Jetzt wollen wir auch nicht mehr in die EU'", ergänzte er.

Notwendige Kooperation mit Deutschland

Der Präsident zeigte die Vorzüge seines Landes als EU-Mitglied auf. So sei die Türkei eine Chance für die Europäische Union - auf politischer und geostrategischer Ebene, als Brücke zu Asien und zur Arabischen Welt, aber auch auf wirtschaftlicher Ebene, gerade in Krisenzeiten. "Es gibt zurzeit nur zwei gesunde Volkswirtschaften in Europa: Deutschland und die Türkei", meinte der Staatschef. Umso wichtiger sei die Kooperation dieser beiden Länder für das von der Schuldenkrise gebeutelte Europa.

Abdullah Gül verglich die EU gar mit einem Fahrradfahrer: wenn der aufhört, in die Pedalen zu treten, fällt er. Damit die Fahrt aber weitergeht, müsse es eine Entwicklung geben: "Und in diesem Sinne auch eine weitere Erweiterung der Europäischen Union."

Viertägiger Staatsbesuch

Der Deutschland-Besuch des türkischen Staatspräsidenten geht am Dienstag mit einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel weiter. Konfliktpotential dürfte es geben: die Bundeskanzlerin hat sich noch am Montagabend in Hessen gegen eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei ausgesprochen. Und Abdullah Gül hatte vor seinem Staatsbesuch das deutsche Einwanderungsrecht heftig kritisiert: es sei ungerecht, dass künftige Ehepartner aus der Türkei vor ihrer Einreise deutsche Sprachkenntnisse nachweisen müssten.

Autorin: Alexandra Scherle
Redaktion: Marion Linnenbrink

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