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Asien

Bollywood-Film gegen "je heller, je schöner"

Dunkle Haut gilt in Indien als Makel, helle Haut als schön. Ein Bollywood-Film will jetzt an diesem Ideal rütteln. Der Kampf gegen den Kult um weiße Haut findet zunehmend Anhänger

Als Bulbul ein kleines Mädchen war, streute ihr die Mutter weißes Talkpuder auf die dunkle Haut, damit sie so hell wurde wie ihre strahlend weiße Schwester Pinky. Ohne Erfolg. Ihr ganzes Leben wandelte Bulbul im Schatten ihrer kleinen Schwester. Die Dunkelheit breitete sich bis in ihr Herz aus. Jahre später erhängt sie sich im eigenen Schönheitssalon. Pinky aber spricht von Mord. Sie sagt: "Die Gesellschaft hat meine Schwester ermordet."

Es ist ein heikles Thema, dessen sich der indische Regisseur Akshay Singh in seinem aktuellen Film "Pinky Beauty Parlour" angenommen hat. Die Geringschätzung dunkler Hautfarbe wurzelt tief in Indiens Gesellschaft. Viele Soziologen und Historiker sehen in dieser Einstellung ein Erbe der Kolonialzeit.  Vor allem durch die Briten soll weiße Haut zum Symbol für Macht und ein besseres Leben geworden sein. Je näher man diesem Bild kam, desto höher war der eigene Status. Inder nennen diese Einstellung einen "colonial hangover", einen mentalen "Kater", der bis heute die Gesellschaft prägt.

Aufklärungskampagne

Indien Film Pinky Beauty Parlour Filmszene (Akshikha Entertainment)

Filmszene "Pinky Beauty Parlour"

Mit seinem Film und der Begleit-Kampagne "Let's unlearn" will Filmemacher Singh die Menschen wachrütteln. Anfang 2017 soll der Film in indischen Kinos an den Start gehen. Auf internationalen Festivals in Mumbai und Cannes wurde er bereits gefeiert. Zwar ist Singh nicht der erste, der das Thema ins Rampenlicht rückt. Die Initiative "Women of worth" (WOW) schafft bereits seit 2009 mit ihrer Kampagne "Dark is beautiful" öffentliches Bewusstsein dafür.

Aber einen Film mit diesem Thema in die Kinos zu bringen, ist nicht nur neu, sondern auch besonders konsequent: Neben der Kosmetikindustrie gilt Bollywood als der größte Unterstützer eines "weißen" Schönheitsbilds. Berühmte Schauspieler wie Shah Rukh Khan werben für Aufhellungscremes, und auch die Rollen sind klar verteilt: "Dunkle Haut wird in Bollywood immer negativ assoziiert. Das sind die Armen, die Prostituierten, die Bösen", sagt Schauspielerin Khushboo Gupta. In "Pinky's Beauty Parlour" nimmt sie sich als Bulbul das Leben. In der Realität bringt ihre Haut sie um bestimmte Aufträge. "Die Leute sagen, 'Du bist eine gute Schauspielerin, aber für die Rolle der Heldin brauchen wir jemanden mit heller Haut'."

Hauptdarstellerin Khushboo Gupta (l.) (DW/J. Wadhawan)

Hauptdarstellerin Khushboo Gupta (l.) und Regisseur Akshay Singh (m.)

Vor allem Frauen leiden unter dem Stigma. Sie sind in der indischen Gesellschaft traditionell weniger wert. Je schöner sie sind, desto leichter lassen sie sich jedoch verheiraten. Als Kulisse hat Singh nicht ohne Grund einen jener Schönheitssalons gewählt, die man in Indiens Städten an jeder Straßenecke findet. Bleichen oder Entbräunen ("de-tanning") gehören hier zum Standardrepertoire.

Schönheitsindustrie profitiert

Der Film setzt sich dabei auch mit den Versprechungen der Schönheits- und Kosmetikindustrie auseinander, die das vorherrschende Ideal der hellen Haut fördert und ausnutzt. Alle diese Lotionen, Deos und Waschgels versprechen "whiteness", "brightness" oder "fairness". Im Film wird Bulbul von einer ihrer Kundinnen verklagt, weil die vielen Gesichtsbehandlungen sie einfach nicht heller machen. Auch in der Realität sind Cremes oder Behandlungen entweder wirkungslos oder sogar gefährlich. Sie enthalten oft nicht mehr als mit Vitamin C angereicherten UV-Schutz. In anderen wurden Quecksilber und Steroide gefunden.

Am schlimmsten aber sind die psychischen Folgen. Dass sich Frauen umbringen, weil ihre Ehemänner, Familien oder Freunde sie wegen ihres dunkleren Hauttons tyrannisieren, ist keine Fiktion. In Hochzeitsannoncen suchen Eltern noch immer nach "hellen" Bräuten für ihre Söhne. Auf Hochzeitsportalen wie shaadi.com können Nutzer ihre eigene Haut als "very fair", "fair", "wheatish" (weizenfarben) oder "dark" beschreiben und eigene Vorlieben angeben.

Indien Neha Mishra Forscherin (DW/J. Wadhawan)

Neha Mishra von der Reva-Universität in Bangalore will aufklären, was hinter dem Phänomen "colorism" in der indischen Gesellschaft steckt - und es so bekämpfen

Akademische Aktivistin

Nur wenige Inder stellten solche Vorlieben und Einteilungen in Frage, sagt Neha Mishra. Das will die 35-Jährige ändern, sie leitet die juristische Fakultät der Reva-Universität im südindischen Bundesstaat Bangalore. Vor vier Jahren kam ihre Nichte, sie war damals sieben Jahre alt, weinend nach Hause, weil sie in der Schule wegen ihrer dunkleren Haut gehänselt wurde. Seitdem setzt Mishra sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Hautfarbe in Indien auseinander. Dazu befragt sie Studierenden ihrer eigenen Juristischen Fakultät und an Partnerinstituten im ganzen Land. Sie will empirische Belege für die Vorurteile sammeln und stößt schon dadurch einen Bewusstseinswandel an: "Vielen wurde erst bei der Beantwortung der Fragen klar, dass sie auch Vorurteile haben." Mehr als zwei Drittel der ersten 1000 Befragten gaben zudem an, schon mal Aufhellungscremes genutzt zu haben. Rund ein Fünftel davon, sagt Mishra, hätten nach der Befragung damit aufgehört. "Sie sagen, sie wussten nicht, wie gefährlich das ist."

Mit ihrer Forschung will sie eine Bewegung lostreten, die Behandlungen und und Cremes zur Hautaufhellung nicht länger als Alltagsroutine, sondern als Gefahr für Körper und Seele begreift. Als Juristin ist ihr außerdem die Menschenrechtsdimension wichtig. "Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe muss gesetzlich verboten werden, nur so können sich Betroffene dagegen wehren."

 

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