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Amerika

Boliviens Evo-Lution geht weiter

Evo Morales ist bei den ersten Wahlen in Bolivien unter neuer Verfassung klar im Amt bestätigt worden. Einmal Staatsoberhaupt des Andenstaats zu sein, wurde dem ehemaligen Koka-Bauern nicht an der Wiege gesungen.

(Foto: AP)

Erster indigener Präsident Boliviens: Evo Morales

Der "schwarze und hässliche Indio mit der Papageien-Nase", so Evo Morales über Evo Morales, ist der erste indigene Präsident Boliviens. 60 Prozent der Bevölkerung des Andenstaates, der zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas zählt, haben indigene Wurzeln. Sie sehen Evo als "einen der ihren" an.

Morales ist in den vier Jahren seiner Präsidentschaft zum Idol der indigenen Bevölkerungsmehrheit aufgestiegen; seine politischen Gegner bezeichnen ihn als einen Populisten, der sich die Sympathien des Volkes mit Geldgeschenken erkauft, die Gesellschaft gespalten und Boliviens Wirtschaft ruiniert hat.

Kindheit in Armut

Juan Evo Morales Ayma gehört zum Volk der Aymara. Geboren wurde er am 26. Oktober 1959 im Hochland von Bolivien, im Departement Oruro, einer Bergarbeiter-Region, wo er in extrem ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Seine Eltern waren Kleinbauern. Von den insgesamt sieben Geschwistern überlebten nach seinen Angaben außer ihm nur zwei das Kleinkindalter. Evo musste neben der Schule als Lamahirte arbeiten.

(Foto: AP)

Amtseinführung 2006

Auf der Suche nach besseren Lebensbedingung siedelte die Familie 1980 in das tropische Tiefland-Departement Cochabamba über, wo sie sich in der Provinz Chapare niederließ, dem Zentrum des, zum großen Teil, illegalen KoKa-Anbaus in Bolivien. Die schlechte Wirtschaftslage Boliviens und die Privatisierungspolitik der Regierung, der vor allem viele Minen zum Opfer fielen, verstärkte in den 90er Jahren den Zuzug von ehemaligen Kleinbauern und Minenarbeitern aus dem Hochland in den Chapare, wo die Zuwanderer im Coca-Anbau ihre Überlebenschance sahen. Dort begann die politische Karriere von Evo Morales, der sich zunächst im Gewerkschaftsverband Central Obrera Boliviana engagierte und später an die Spitze des Koka-Bauernverbandes aufstieg.

Angesichtes der wachsenden politischen und sozialen Spannungen zwischen Koka-Bauern und Regierung, die zum Teil mit militärischer Gewalt gegen die Koka-Pflanzer vorging, gründete Morales Mitte der 90er Jahre die Bewegung zum Sozialismus (MAS), für die er 1997 als Abgeordneter ins bolivianische Parlament einzog.

Erste politische Erfolge

Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 trat Evo Morales zum ersten Mal an und erzielte auf Anhieb das zweitbeste Wahlergebnis. Knapp 21 Prozent der Stimmen entfielen auf den ehemaligen Koka-Bauern, der rechtsliberale Gonzalo Sánchez de Lozada erhielt 22,5 Prozent. In der Stichwahl setzte sich Sánchez de Lozada durch. Seine Amtszeit war von Anfang an von gewalttätigen Auseinandersetzungen und Protesten gegen seine Regierung überschattet. Die neoliberale Wirtschaftspolitik und die Absicht, bolivianisches Erdgas nach Mexiko und in die USA zu verkaufen waren der Stein des Anstoßes. Nach nur 14 Monaten trat Sánchez de Lozada zurück.

(Foto: AP)

Wahlkampfveranstaltung für 'Evo' in El Alto am 03. Dezember 2009

Erste politische Reformen zugunsten der indigenen Bevölkerung im Laufe des Jahres 2005 führten zu einem wachsenden politischen Selbstbewusstsein, an deren Spitze sich Evo Morales setzte. Bei den vorgezogenen Neuwahlen im Dezember 2005 errang er schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit und wurde so zum ersten indigenen Präsidenten Boliviens.

Seine Regierungszeit war von Beginn an von starken Spannungen gekennzeichnet. Sein Projekt der "indigenen Neugründung" Boliviens brachte ihm zwar viele Sympathien unter seinen Anhängern ein, verschreckte jedoch die Mittel- und Oberschicht, die um ihre Privilegien fürchteten, vor allem in den östlichen, erdölreichen Tieflandprovinzen.

Boliviens Reichtum

Morales nationalisierte kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2006 die Erdgas- und Erdölvorkommen Boliviens. Die zusätzlichen Einnahmen aus dem Rohstoffexport nutzte Morales unter anderem, um eine Grundrente für alle über 65-jährigen Bolivianer zu finanzieren. Es folgte eine Landreform, die Enteignungen von nicht genutztem Land und Umverteilung vorsieht, davon betroffen ist eine Fläche von insgesamt 14 Millionen Hektar.

Als nächstes Großprojekt strebt Bolivien die Förderung von Lithium an, ein Rohstoff der für Autobatterien benötigt wird. In dem Andenstaat lagern die weltweit größten Reserven dieses Minerals. Bislang ist erst eine Pilotanlage in Betrieb, um die Gewinnung von industriell verwertbarem Lithium zu erproben. Bolivien ist auf technisches Know-How aus dem Ausland angewiesen, will aber verhindern, dass die Gewinne aus dem Rohstoffexport von ausländischen Firmen abgeschöpft werden – so wie es das Land mit dem Silber und dem Erdgas zuvor erlebt hat.

Machtbesessener Populist

Seine Gegner werfen Evo Morales vor, ein machtbesessener Populist zu sein, der unter dem Einfluss von Hugo Chávez die Demokratie in Bolivien bedroht. Im Dezember 2007 wurde die neue Verfassung verabschiedet, die Machtbefugnisse des Präsidenten erheblich erweitert und den Ureinwohnern mehr Autonomie und größere Kontrolle über ihr angestammtes Land einräumt.

(Foto: AP)

Nach vier Amtsjahren ist Morales Idol der Indigenas

Gegner von Morales befürchten, der Präsident strebe nach seiner ersten Wiederwahl weitere Verfassungsänderungen an, um - ähnlich wie sein venezolanischer Amtskollege - eine unbegrenzte Wiederwahl zu ermöglichen. Im vergangenen Jahr stand Bolivien am Rande eines Bürgerkrieges, als die östlichen Tieflandprovinzen versuchten, sich von der Zentralregierung in La Paz loszusagen.

Morales pflegt ein gespanntes Verhältnis zu den bolivianischen Medien, denen er kaum Interviews gibt. Wer Kritik an seiner Politik übt, wird als Regierungsgegner diffamiert. Über das Privatleben des Staatschefs, der zu Beginn seiner Amtszeit sowohl im eigenen Land als auch im Ausland wegen seiner Alpaka-Pullover und seiner Lederjacken oft verlacht wurde, ist wenig bekannt. Der unverheiratete Vater von zwei Kindern spielt am Wochenende gerne Fußball, er trainiert regelmäßig in einem Club in La Paz auf fast 4000 Meter Höhe.

Autorin: Mirjam Gehrke (rtr/afp)

Redaktion: Sven Töniges

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