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Afrika

Boko-Haram-Geisel: "Und dann wurde sie vor unseren Augen erschossen"

Fast zwei Jahre lang wurde Christina Ijabla von Boko Haram festgehalten, dann gelang ihr die Flucht. Im exklusiven DW-Interview erzählt sie von der Gefangenschaft - und vom Schicksal der entführten Chibok-Schülerinnen.

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Verschleppt von Boko Haram

DW: Frau Ijabla, Sie wurden vor rund zwei Jahren entführt, als ihre Heimatstadt Madagali in Nordost-Nigeria von Boko Haram-Kämpfern erobert wurde. Können Sie sich noch an den Tag Ihrer Entführung erinnern?

Christina Ijabla: Ich erinnere mich, dass wir Schüsse hörten und alle anfingen wegzurennen. Es war ein großes Chaos, jeder war auf sich allein gestellt. Plötzlich stellten sich uns fünf Männer in den Weg. Sie fragten uns, warum wir rannten. Wir erklärten ihnen, dass wir vor den Kämpfen flüchteten. Dann sagten sie nur: Ihr geht nirgendwo mehr hin. Wir flehten sie an, aber sie zeigten keine Gnade. Sie brachten mich und die anderen Mädchen in ein Haus in Madagali und hielten uns dort gefangen.

Seit Präsident Muhammadu Buhari vor einem Jahr an die Macht kam, hat das Militär weite Teile des nigerianischen Nordostens - auch das Gebiet um Madagali - wieder unter seine Kontrolle gebracht. Hatte das Auswirkungen für Ihre Entführer?

Vor ungefähr einem Jahr haben uns die Kämpfer von Madagali in den Sambisa-Wald verschleppt (der Wald an der Grenze zwischen Nigeria und Kamerun gilt als eine der letzten Boko-Haram-Bastionen - Anm. d. Red.). Vier Tage lang mussten wir laufen. Sie haben immer wieder versucht, uns zwangszuverheiraten. Wir haben uns geweigert, aber sie wurden immer brutaler. Sie haben uns gesagt, dass sie uns und unsere Familien töten würden und dass wir komplett unter ihrer Kontrolle seien. Irgendwann haben sie dann einem Mädchen die Augen verbunden und sie vor unseren Augen erschossen. Schließlich haben wir eingewilligt. Von dem Moment an kamen die Kämpfer meist abends zu uns, um Sex mit uns zu haben. Tagsüber haben wir sie kaum gesehen. Und wenn wir Widerworte gegeben haben, haben sie zugeschlagen.

Wie sah Ihr Alltag mit den Terroristen im Sambisa-Wald aus?

Wir mussten unter Bäumen schlafen. Es gibt da keine Häuser. Sie haben einfache Zäune aus Dornengewächsen um die einzelnen Camps gebaut. Es gibt viele dieser kleinen Camps und überall werden Frauen und Kinder gefangen gehalten. Ich habe gehört, es sollen über 2000 sein. Und es gibt Wächter, die dafür sorgen sollen, dass niemand ausbricht. Morgens und abends wurden wir gezählt. Zu Essen gab es nur Mais, kein Fleisch, keine Gewürze.

Die über 200 sogenannten "Chibok-Mädchen", die vor zwei Jahren aus einer Schule entführt wurden, sollen auch im Sambisa-Wald gefangen gehalten werden. Wissen Sie etwas über deren Schicksal?

Sie wurden direkt neben uns festgehalten, der Ort heißt Kago. Wir haben sie sogar einmal gesehen, wie sie unter einem Baum aus dem Koran lesen mussten, aber wir mussten immer Abstand halten. Sie haben eine Art Sonderbehandlung bekommen. Manche wurden mit Kommandeuren verheiratet, aber so wie ich das sehen konnte, waren die meisten noch zusammen.

Und sie sind alle noch am Leben?

Sie wurden vorher in Gwoza festgehalten (eine ehemalige Boko-Haram-Hochburg in Nordostnigeria, die vom Militär zurückerobert wurde - Anm. d. Red.). Da wurden wohl drei der Mädchen aus Versehen bei einem Luftangriff des Militärs getötet. Die anderen sind aber, soweit ich weiß, noch am Leben.

Haben Sie jemals etwas von Abubakar Shekau, dem Anführer von Boko Haram, mitbekommen?

Ich habe ihn nie gesehen, aber von ihm gehört. An einem Freitag mussten alle Kämpfer zusammenkommen und er hat eine Rede gehalten. Er hat ihnen gesagt, dass sie sich trotz der Erfolge der Armee nicht entmutigen lassen sollten. Und dass sie noch mehr Frauen und Kinder in den Wald bringen sollten, denn damit würden sie Gottes Willen erfüllen. Ich weiß das, weil sie dann Tonaufnahmen davon verteilt haben.

Die Durchhalteparolen klingen, also ob Boko Haram mit dem Rücken zur Wand steht...

Das Militär dringt sogar im Sambisa-Wald immer weiter vor. Sie haben vor allem viele der Lager zerstört, wo Boko Haram Nahrung, Waffen und Fahrzeuge lagert. Ich habe auch viele tote Kämpfer gesehen. Auch Leichen der Kommandeure und ihrer Frauen und Kinder. Ich habe gehört, dass Abubakar Shekau mit der Regierung über die Freilassung der Schülerinnen von Chibok verhandeln will.

Stimmt es, dass Frauen, die aus Boko Haram-Gefangenschaft zurückkehren, in ihren Dörfen oft diskriminiert werden?

Ja, sie haben Angst vor uns. Du kannst Dich nur auf deine eigene Familie verlassen. Aber die Soldaten haben mich gut behandelt. Als ich ihnen während meiner Flucht sagte, was passiert war, haben sie sich um mich gekümmert und mir sogar etwas Geld gegeben. Das andere Mädchen, mit dem ich auf der Flucht war, wurde weiter von ihnen zu den Zuständen im Sambisa-Wald befragt.

Das Schicksal der entführten Schülerinnen von Chibok hat in den letzten zwei Jahren viel internationale Aufmerksamkeit bekommen, die Geschichte von Ihnen und den vielen anderen gefangenen jungen Frauen ist deutlich weniger bekannt. Finden Sie das unfair?

Ich fände es schön, wenn die Welt auch mehr über uns sprechen würde. Es gibt so viele, die noch in Gefangenschaft sind. Ich wünsche mir auch, dass unsere Regierung sieht, dass sie sich um uns kümmern muss. Auch wir brauchen Unterstützung.

Die heute 20-jährige Christina Ijabla lebt inzwischen im Haus ihres Onkels in der Nähe von Yola in Nordostnigeria. Dort erwartet sie die Geburt ihres Sohnes, der während ihrer Gefangenschaft gezeugt wurde. Staatliche Hilfe hat sie seit ihrer Flucht vor vier Wochen keine bekommen.

Das Interview führten Muntaqa Ahiwa und Jan-Philipp Scholz.

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